Christian Feurstein

Vom Hunger zum Überfluss – Ernährungskosten seit dem 19. Jahrhundert

Februar 2019

Noch vor 200 Jahren wendeten Menschen in Vorarlberg einen Großteil ihres Geldes für Nahrungsmittel auf. Heute fließt meist nur mehr ein Bruchteil des Einkommens in die Ernährung.

Landwirtschaftlich nutzbarer Grund ist in Vorarlberg nicht erst in jüngster Zeit knapp. Spätestens ab dem 16./17. Jahrhundert war das Land auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Da diese bezahlt werden mussten, suchten die Menschen nach Verdienstmöglichkeiten außerhalb der bäuerlichen Selbstversorgung. Sogar beschwerliche Auslandsreisen als Saisonarbeiter nahm man jahrhundertelang auf sich. Auch Kinder und Jugendliche blieben davon nicht verschont, wie das Beispiel der Schwabenkinder zeigt. 

Ab dem frühen 19. Jahrhundert entstanden durch die Industrialisierung Arbeitsplätze innerhalb Vorarlbergs. Auf dem Hof nicht benötigte Familienmitglieder wurden in die Fabriken geschickt, um ihren Teil zum Haushaltseinkommen beizutragen. Industriearbeiter ohne Landwirtschaft waren bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts kaum in der Lage, mit ihrem Lohn den Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Man lebte ständig am Rand der Verelendung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stiegen die Fabriklöhne etwas an und erreichten schließlich vor dem Ersten Weltkrieg einen Höchststand. Abgesehen von Kriegs- und Krisenjahren setzte sich der Aufwärtstrend im 20. Jahrhundert fort. Dennoch floss noch in der Zwischenkriegszeit deutlich über die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens in die Ernährung.

Die große Veränderung in Richtung Wohlstand setzte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Der als Wirtschaftswunder in die Geschichte eingegangene Aufschwung ließ seit den 1950er-Jahren Einkommen und Angebot explodieren. Immer mehr Menschen konnten es sich leisten, größere Anteile ihres Geldes in lang­lebige Konsumgüter und Freizeitangebote zu investieren. Dementsprechend sank der Ernährungsanteil an den Verbrauchsausgaben kontinuierlich, österreichweit von 45 Prozent im Jahr 1954 auf nur mehr 12 Prozent in den Jahren 2009/10.

Die Versorgung mit Essen und Trinken im Überfluss ist heute für uns selbstverständlich. Industriell hergestellte Nahrungsmittel sind billig wie nie zuvor, die Auswahl unermesslich. Andererseits kämpfen kleinere Produzenten und Anbieter ums Überleben. Und noch nie wurden mehr Lebensmittel weggeworfen als in der Gegenwart. Allein in Vorarlbergs Haushalten landen jährlich mehr als 4000 Tonnen Nahrungsmittel im Müll, der Verlust auf dem Weg zum Verbraucher ist dabei noch gar nicht einberechnet. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln zählt daher zu den Herausforderungen der heutigen Generation.

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