Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Das ist keine abstrakte Gefahr“

Juni 2026

Peter Klimek ist Komplexitätsforscher und Direktor des Lieferketteninstituts ASCII*. Im Interview erklärt der Wiener nun, wie stark Österreich von China abhängig ist, welche Industrien dadurch besonders verwundbar sind – und warum er in der Kreislaufwirtschaft eine Chance Europas sieht, sich aus Abhängigkeit und politischer Erpressbarkeit zu lösen.

Herr Klimek, laut einer aktuellen Studie Ihres Instituts steht die Rohstoffversorgung Europas und damit auch Österreichs unter immer stärkerem Druck. Inwiefern?
Bei zwölf von 17 strategischen Rohstoffen ist die Versorgung in der EU gefährdet bis stark gefährdet. Österreichs Exportwirtschaft ist direkt betroffen: Mehr als die Hälfte der Jahresexporte von 97 Milliarden Euro benötigen mindestens einen dieser kritischen Rohstoffe. Besonders verwundbar ist die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie.

Sie sagten vor kurzem der Presse, Österreich hänge am Tropf Chinas.
Bei acht dieser 17 strategischen Rohstoffe ist China für Österreich der wichtigste Lieferant. Wir sind in unserer Abhängigkeit stark verwundbar. Das bietet Risiken für die Versorgungssicherheit und gefährdet damit die Wettbewerbsfähigkeit. Die Verwundbarkeit unserer Lieferketten ist keine abstrakte Gefahr, sondern eine strukturelle Herausforderung mit direkten wirtschaftlichen Konsequenzen.

Das sind deutliche Worte.
Wir beziehen Rohstoffe aus Ländern, die in der Vergangenheit wiederholt gezeigt haben, dass sie unsere Abhängigkeiten auch als geopolitisches Druckmittel einsetzen können und wollen. In Japan hat man die Seltene-Erden-Abhängigkeit von China bereits vor mehr als zehn Jahren thematisiert, das Land versucht seitdem, sich aktiv zu diversifizieren. Auch die US-Amerikaner bauen gerade ihre eigenen Lieferketten bei Seltenen Erden aus. Und wir Europäer? Haben bei weitem nicht so strategisch gehandelt. Wir waren bis jetzt vor allem technokratisch unterwegs. Wir sind ja nicht nur von Rohstoffen und Vorprodukten, sondern auch in anderen Bereichen abhängig, beispielsweise im Digitalen von den USA. Und diese Abhängigkeiten sind in Europa ein Innovationshemmschuh. Studien zeigen, dass die europäische Industrie gerade in jenen Bereichen weniger Exportstärke entwickelt, in denen die Abhängigkeiten sehr hoch sind. Das also ist ein Teil der Geschichte, warum sich Europa zunehmend schwerer tut, neue, innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Europa ist einfach zu stark von Vorleistungen aus anderen Weltgegenden abhängig.

Ihrem Institut zufolge wäre Kreislaufwirtschaft ein guter Weg, um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, um sich von dieser politischen Erpressbarkeit zu lösen.
Die Abhängigkeiten sind derartig vielfach und derart unterschiedlich, dass es natürlich nicht nur eine Maßnahme gibt, mit der sich alles lösen ließe. Es gibt auch die klassischen unternehmerischen Ansätze: Sich künftig stärker zu diversifizieren, eigene Kapazitäten aufzubauen und stabile langfristige Partnerschaften abzuschließen. Aber Kreislaufwirtschaft ist auf jeden Fall eine wichtige Maßnahme im Arsenal. Eine stärkere Kreislaufwirtschaft hätte eine doppelte Wirkung: Zum einen würde man mit ihr Rohstoffe in der europäischen Wirtschafts-Zirkulation halten und allein dadurch schon Abhängigkeiten reduzieren. Und zum anderen würde die Kreislaufwirtschaft dadurch, dass wertvolle Rohstoffe recycelt und wiederverwendet werden, auch die Chance bieten, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und neue Leitmärkte zu schaffen. 

Könnten Sie das an einem Beispiel illustrieren?
Es kommen mehr und mehr E-Autos auf den Markt und damit mehr und mehr Batterien, die wiederum sehr viele kritische Rohstoffe enthalten. Haben diese Batterien nur noch 80 Prozent ihrer einstigen Leistungsfähigkeit, werden sie typischerweise ausgebaut. Was danach mit ihnen oder mit den enthaltenen Rohstoffen geschehen soll, ist nicht klar. Dabei wäre es beispielsweise eine Möglichkeit, diese ausgebauten Batterien zu mobilen Stromspeichereinheiten zusammenzusetzen, die man wiederum mit Photovoltaikanlagen kombinieren könnte. Das ist nur ein Beispiel eines Kreislaufwirtschaftsmodells, das in naher Zukunft immer wichtiger werden und damit auch Unternehmen interessieren könnte.

Wobei die Implementierung einer stärkeren Kreislaufwirtschaft eine gesamteuropäische Aufgabe sein müsste.
Ja. Ein Land alleine hat nur beschränkt Möglichkeiten. Es bräuchte ein Zusammenziehen auf europäischer Ebene, auf politischer und auf unternehmerischer Ebene. Es hätte ja keinen Sinn, politisch etwas fördern zu wollen, das nicht auf ein entsprechendes Interesse von Unternehmen stößt. Apropos Förderungen: Technologien, die mehr Nachhaltigkeit versprechen, werden in Europa übrigens bereits vielfach stark gefördert. Aber nicht strategisch über alle Ebenen hinweg. Das müsste stärker gebündelt werden, um einen größeren Hebel schaffen zu können. De facto hat man Kreislaufwirtschaft bisher weder auf österreichischer noch auf europäischer Ebene derart strategisch gesehen, wie das eigentlich dringend notwendig wäre.

Auf die Neuordnung der Welt reagierte die Politik nicht adäquat. Weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene.
Beginnen wir mal mit dem Positiven? Man beginnt jetzt, darauf zu reagieren. Auf österreichischer Ebene werden diese Themen mit der Industriestrategie 2035 nun offensiver adressiert, auch auf europäischer Ebene sprechen unter anderem der Draghi-Bericht, der EU Competitiveness Compass und der Industrial Accelerator Act diese Tatsachen offen an. Immerhin. Das zeigt zumindest: Man hat verstanden, dass hier etwas zu tun ist. Aber dass wir in diese Probleme geraten sind, das ist nun weder neu noch überraschend. 

Soll heißen?
Das heißt: Man hat in den vergangenen Jahren nicht reagiert. Unser heutiger Stand ist das Ergebnis der europäischen Industriepolitik der vergangenen 20, 30 Jahre. Wir haben kostbare Zeit verloren. Es ist zu wenig passiert. Und deswegen stehen wir, wo wir eben stehen. Aber zumindest kann man in Europa heute wenigstens wieder laut über Industriepolitik oder wirtschaftspolitische Sicherheitsstrategie reden. Aber es wird Jahre dauern, bis sich neue Geschäftsmodelle, neue Märkte, neue Industrien entwickeln und etablieren. Muss man also endlich längerfristig denken, also zwingend über Legislaturperioden hinaus.

Gibt es da eigentlich einen europäischen Staat, der die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt hat und besser aufgestellt ist?
Nein. Es gibt schon Unterschiede zwischen einzelnen Mitgliedsländern, weil nicht alle diese kritischen Rohmaterialien im selben Ausmaß brauchen. Aber es ist letztlich eine Binnenmarktsache, ein Problem, das Europa als Ganzes hat. Wenn man dagegen in andere Weltregionen schaut, sieht man, dass beispielsweise Japan oder Australien früher versucht haben, da entsprechend gegenzusteuern.

Sie sind Komplexitätsforscher, das Thema Lieferketten ist komplex …
Die Weltwirtschaft besteht aus Millionen und Abermillionen übereinandergelegten Produktionsketten. Und vieles konzentriert sich auf wenige Orte, auf wenige neuralgische Punkte. Und wenn es an einem solchen Punkt zu einer gravierenden Störung kommt, dann kann sich das überall hin ausbreiten. Es lässt sich durchaus mit der Pandemie vergleichen, die Mathematik ist sich nicht unähnlich: Bei Corona hat es ausgereicht, dass einige wenige infizierte Personen mit dem Flugzeug nach Europa kamen, um dann à la longue nahezu jede andere Person auf diesem Kontinent und in diesem Land anzustecken. So funktionieren Netzwerke nun einmal.

Sprechen wir über die Straße von Hormus?
Andere neuralgische Punkte haben Umfahrungsmöglichkeiten. Als der Suezkanal blockiert war, fuhr man einfach um Afrika herum. Das dauerte zwei Wochen länger, die Transportkosten waren höher, es führte zu teilweise schmerhaften Verzögerungen, mündete aber nicht in einer weltweiten Wirtschaftskrise. Die Straße von Hormus ist deutlich kritischer. Für die Häfen, die hinter diesem Nadelöhr liegen, gibt es keine Ausweichroute per Schiff. Das ist nicht nur beim Transport von Erdöl ein Problem.

Sondern?
Ein Beispiel: Schwefel, der als Nebenprodukt der Erdölraffination anfällt, wird vor allem aus der Golfregion nach China exportiert. Dort entsteht daraus Schwefelsäure, die die Chinesen wiederum nach Chile liefern, wo die Säure für den Kupferabbau benötigt wird. Das damit gewonnene Kupfer geht anschließend von Chile wieder zurück nach China und wird dort für Komponenten von Elektroauto-Batterien verarbeitet. Der Irankonflikt stört diese Lieferketten nun massiv. Die Verwerfungen, die da entstehen, werden uns noch Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen, die Störungen werden nach und nach jetzt durch die globalen Lieferketten brechen.

Gibt es weitere derart global-neuralgische Punkte wie die Straße von Hormus?
Weitere relevante Szenarien sind die Straßen von Malakka und Taiwan. Etwa ein Fünftel des Welthandels und viele wichtige chinesische Importe fließen hier durch. Würde es hier zur Krise zwischen China und Taiwan kommen, wäre eine Blockade der Straße von Malakka ein wahrscheinliches Druckmittel gegen China. Das hätte mindestens so weitreichende Folgen, weil es nicht nur die Chip- und Halbleiterproduktion abschneiden würde, sondern einen beträchtlichen Teil des Schiffshandels zwischen Europa und Südostasien lahmlegen würde. Solange vernünftige Menschen am Werk sind, ist zwar unwahrscheinlich, dass dort etwas geschieht. Es würde global einfach zu viele Verlierer und zu wenige Gewinner haben. Allerdings haben wir auch gesehen, dass Worst-Case-Szenarien realistisch geworden sind, die lange Zeit als unplausibel galten …

Eines noch: Wie werten Sie eigentlich die Lieferkettenrichtlinie der EU?
Eher kritisch. Ich tue mir schwer, im aktuellen Stand überhaupt irgendeinen Gewinner zu sehen. Sie ist weder Fisch noch Fleisch, sie beruht auf einem grundsätzlichen Konstruktionsfehler und sie wird in ihrem jetzigen Stand weder effektiv umsetzbar sein noch etwas an jenen Missständen ändern, die man mit ihr eigentlich hatte beheben wollen. Den Unternehmen bringt sie allerdings zusätzlichen Aufwand, sie stöhnen zu Recht unter der Bürokratie. 

Abschließende Frage: Lässt sich in dieser globalisierten, immer krisenhafteren Welt Produktions- und Versorgungssicherheit überhaupt garantieren?
Gute Frage. Meine Antwort lautet: Ja, aber …

Und das bedeutet?
Die Systeme funktionieren gerade in Europa in 99,9 Prozent der Fälle sehr gut. Sie sind allerdings nicht für den Fall konzipiert, dass es zu einer längerfristigen Störung kommt. Und das steht im Widerspruch zu dieser turbulenten gegenwärtigen Welt, in der mittlerweile eine Krise auf die andere folgt. Und ein Widerspruch lässt sich nicht auflösen: Produkte können nicht gleichzeitig billig und nachhaltig sein, können nicht gleichzeitig menschenrechtskonform produziert und günstig sein. Wenn wir also Versorgungssicherheit mit solchen Produkten wollen, dann werden wir mehr dafür zahlen müssen. Alles andere spielt sich nicht. Und das ist etwas, was wir meiner Meinung gesellschaftlich dringend diskutieren müssen. Wir haben das entsprechende Bewusstsein zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch!

*ASCII steht für Supply Chain Intelligence Institute Austria

Zur Person

Peter Klimek , * 1982, ist einer der führenden Komplexitätsforscher und seit März 2023 Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Der promovierte Physiker ist zudem assoziierter Professor an der MedUni Wien und Fakultätsmitglied des Complexity Science Hub Vienna. Klimek wurde 2021 als „Wissenschaftler des Jahres“ ausgezeichnet. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Autor von mehr als 120 wissenschaftlichen Publikationen sowie eines Lehrbuchs über komplexe Systeme.

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