
Vorarlberger sehen fern
30. Juni 1954: Das Fernsehen ist in Vorarlberg angekommen. Da das Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft Österreich gegen Deutschland in Basel um 18 Uhr angepfiffen wurde, hatten viele Betriebe vorzeitig geschlossen, damit die Arbeiter und Angestellten rechtzeitig zur Übertragung kamen. Man schaute nicht zu Hause, sondern in Gasthäusern und Sälen war „Public Viewing“ angesagt. Für viele war das die erste Fernsehsendung ihres Lebens.
Die Schlagzeile „Vorarlberger sehen fern“ der Vorarlberger Nachrichten vom 16. Februar 1954 war wohl eher dem Wunschdenken als der Realität geschuldet, waren es doch zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als eine Handvoll Vorarlberger Haushalte, die schon über ein Fernsehgerät verfügten. Wohl eher realistisch die Meldung aus dem Juli 1953 „Wir werden bald fernsehen“ bei der ein Ausblick in die Zukunft gewagt wird, aber auch eine der vielen Hürden auf dem Weg zu dem neuen Medium nicht verschwiegen wird: „Noch kennen wir Österreicher das Fernsehen nur vom Hörensagen, denn als vierfach besetzter Staat haben wir vom hohen Kontrollrat dafür noch nicht die Erlaubnis erhalten.“ In Vorarlberg musste man sich daher noch mit Demonstrationsobjekten begnügen, die allerdings auf der Dornbirner Export- und Mustermesse im Juli 1953 schon für Aufsehen sorgten. Mit einem Messebesuch konnte „man dem Fortschritt näher rücken, wenn es auch noch ein langer Weg ist, bis wir in unserem Heim gebannt auf die eigene Leinwand starren.“
Obwohl noch kaum jemand Zugang zum Fernsehen hatte, warnte schon Anfang 1954 Papst Pius XII. eindringlich vor den drohenden Gefahren. Er befürchtete in einem Rundschreiben, „dass die vergiftete Atmosphäre des Materialismus, der Albernheit und der Genußsucht nun endgültig aus den Lichtspielhäusern auch in die Familien gelangen.“ Von der päpstlichen Skepsis unbeeindruckt ließen es sich die Vorarlberger Printmedien aber nicht nehmen, der Bevölkerung die Vorzüge des neuen Mediums schmackhaft zu machen. Für fast alle reichlich theoretisch, waren doch auch 1955 in Vorarlberg erst 56 Fernsehgeräte angemeldet. Der wohl wichtigste Grund für die noch geringe Dichte waren die horrenden Kosten, die auf den Fernsehkonsumenten zukamen. Ein deutsches Gerät kostet rund 1200 DM oder 7200 Schilling, die unbedingt erforderliche Spezialantenne weitere 650 DM oder 3900 Schilling, weshalb man mit einem Anschaffungsaufwand von 10.000 Schilling rechnen musste. „Diejenigen, die über eine solche Ersparnis verfügen, werden sich wohl schweren Herzens entscheiden müssen, ob sie ein gebrauchtes Auto oder ein Fernsehgerät anschaffen sollen, wenn es nur für eines von beiden reicht.“
Keinem war 1954 bewusst, wie groß der Einfluss des Fernsehens wirklich sein würde und so schwankten die Prognosen zwischen päpstlichen Bedenken und euphorischem Optimismus. In den Vorarlberger Nachrichten wurde prognostiziert, dass das Fernsehen die Kommunikation der Menschen massiv verändern werde, da man neben dem Zusehen wohl keinen anderen Tätigkeiten nachgehen könne. Es wurde sogar gehofft, dass dadurch das Familienleben bereichert werden könnte, da man beim gemeinsamen Fernsehen an eine längst vergangene Zeit erinnert werde, „in der man in den Landhäusern um den Kamin saß, in dem die Holzscheite knisterten. Jedenfalls werden in Zukunft viele Vorarlberger, sobald sie einmal fernsehen, vor historischen Ereignissen sagen können: Ich war dabei.“
Bis aber Fernsehen in Vorarlberg zu einem Massenphänomen wurde, mussten noch zahlreiche Hindernisse überwunden werden. Denn als 1953 die ersten Fernsehempfänger auf den freien Markt kamen, gab es aus den genannten politischen Gründen noch gar kein österreichisches Fernsehen und die erreichbaren Programme resultierten nur aus zufälligen Überreichweiten ausländischer Sender. So befanden sich ab dem Frühjahr 1954 Teile Vorarlbergs im Einzugsgebiet des Senders Zürich-Uetliberg, dessen Signale im Bereich Dornbirn, Bregenz und Lustenau relativ gut empfangbar waren. Bis man in Vorarlberg das österreichische Fernsehen störungsfrei konsumieren konnte, sollten allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags waren die letzten rechtlichen Hürden beseitigt und so konnten 1955 die ersten Aufführungen aus der Staatsoper und dem Burgtheater in Ostösterreich etwa bis Salzburg empfangen werden. 1957 startete der reguläre Programmbetrieb des österreichischen Fernsehens, das nun auch das Ländle erreichte, da der Sender auf dem Pfänder montiert war. Damit war die Grundlage für die rasante Vermehrung der Fernsehgeräte gelegt: So gab es 1960 in Vorarlberg schon 4000 angemeldete Geräte. Der somit abgeschlossenen Erschließung des gesamten Bundesgebietes wurde auch eine nationale, identitätsbildende Bedeutung beigemessen, so betonte der damalige Generalpostdirektor, dass „das gesamtösterreichische Werk nun auch zur Festigung des inneren Zusammenhalts aller Teile Österreichs beitragen möge.“
Impulse für die Verbreitung des Fernsehens waren immer wieder sportliche Großereignisse. 1954 war es die Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz, bei der Österreich mit einem Sieg über Uruguay den sensationellen dritten Platz fixierte. Da sich damals kaum jemand einen Fernseher leisten konnte, setzten schon damals findige Gastwirte, wie etwa die Gastwirtschaft Forster in der Bregenzer Kirchstraße, auf „Public Viewing“. Das Gasthaus mit Fernseher wurde so zum Treffpunkt einer neuen Gästeschar, die gleichermaßen sportbegeistert und patriotisch gestimmt war. Wie im Wintersportland Vorarlberg nicht anders zu erwarten, waren es vor allem Skirennen, die als Zuschauermagnete wirkten.
Neben den Gasthäusern waren es in den ersten Jahren fast nur wohlhabende Unternehmer oder Fabrikanten, die einen Fernseher besaßen. 1968 kursierte zu diesem Thema eine Geschichte aus Vorarlberg in diversen Fernsehzeitschriften, in der die Industriellenfamilie Deuring aus Hörbranz als erster Fernsehteilnehmer Österreichs genannt wird. Die Familie habe 1954 das einzige Fernsehgerät der Gegend besessen und während der Weltmeisterschaft sei das ganze Haus voll Gäste gewesen. Der Intention einer Fernsehzeitschrift folgend, wird Kommerzialrat Karl Deuring als weltaufgeschlossener Patriot bezeichnet, der schon früh das Fernsehen als „wesentliche Daseinsbereicherung“ erkannt habe.









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