Thomas Jennerwein

*1972 in Dornbirn, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Business, digitaler Wertschöpfung und Technologie in Industrieunternehmen. Der Digitalexperte ist als Senior Enterprise Architect bei foryouand­yourcustomers.com tätig. Zuvor war er über ein Jahrzehnt IT-Leiter bei Meusburger und Teil der Geschäftsleitung mit Gesamtverantwortung für IT und Digital Business. Weitere Führungsrollen in der Digitalisierung hatte er in Vorarlberger Industrieunternehmen inne.

Ein Werkzeug unserer Zeit

April 2026

Wenn man den aktuellen Diskussionen über künstliche Intelligenz zuhört, könnte man meinen, eine neue Spezies habe die Bühne der Weltgeschichte betreten. Maschinen schreiben Texte, entwickeln Software und beantworten komplexe Fragen. Für manche ist das der Beginn einer neuen Epoche. Für andere das Ende menschlicher Arbeit. Ein Blick in die Geschichte hilft, die Aufregung ein wenig zu relativieren. Denn künstliche Intelligenz ist – nüchtern betrachtet – etwas sehr Vertrautes: ein neues Werkzeug. Und die Geschichte der Menschheit ist vor allem eines – die Geschichte ihrer Werkzeuge. Vor mehr als drei Millionen Jahren begannen unsere Vorfahren, Werkzeuge aus Stein herzustellen. Seitdem erweitert der Mensch seine Fähigkeiten immer wieder durch Technik. Der Hammer verstärkt Kraft. Das Rad verstärkt Bewegung. Der Buchdruck verstärkt Wissen. Der Computer verstärkt Information. Und künstliche Intelligenz? Sie erweitert menschliche Analyse und Entscheidungsfähigkeit. Systeme erkennen Muster in großen Datenmengen und erzeugen daraus Vorschläge, Prognosen oder Texte. Sie denken nicht selbstständig – aber sie unterstützen menschliches Denken. Technologische Entwicklung verläuft selten gleich­mäßig.
Häufig sammeln sich über Jahrzehnte Ideen, Experimente und Wissen an – bis plötzlich ein Sprung entsteht. Der Buchdruck beschleunigte die Verbreitung von Wissen. Die Dampfmaschine leitete die Industrialisierung ein. Elektrizität transformierte ganze Industrien. Der Computer veränderte die Art, wie wir Information verarbeiten. Heute erleben wir möglicherweise einen ähnlichen Moment. Doch große technologische Umbrüche beginnen fast immer mit einer Phase des Überschwangs. Der aktuelle KI-Boom erinnert ein wenig an den Goldrausch in Kalifornien im Jahr 1848. Als in der Nähe von Sacramento Gold entdeckt wurde, strömten tausende Menschen in den Westen. Die meisten fanden kein Gold. Reich wurden vor allem jene, die Schaufeln verkauften. Auch im heutigen KI-Boom lassen sich ähnliche Muster beobachten: Start ups entstehen täglich, Investoren sprechen von Milliardenmärkten – und wie in jeder Goldgräberzeit tauchen auch moderne „Snake Oil Verkäufer“ auf, die wundersame Lösungen für jedes Problem versprechen. Neue Technologien erscheinen ihren Zeitgenossen oft wie Magie. Man stelle sich folgendes Gedankenexperiment vor: Unsere Zivilisation verschwindet – und Jahrhunderte später entsteht eine neue Gesellschaft. Diese Menschen finden ein autonomes Fahrzeug. Sie können beobachten, dass es fährt, bremst und navigiert. Doch sie verstehen nicht, wie es funktioniert. Eines Tages zieht jemand einen Kreis auf den Boden um das Fahrzeug. Das Auto fährt nicht weiter. Für diese Menschen wäre das ein Bannkreis. Eine magische Linie, die eine Maschine gefangen hält. In Wirklichkeit passiert etwas viel Einfacheres: Die Sensoren interpretieren den Kreis als Hindernis. Doch ohne das technische Wissen wirkt das Verhalten des Systems wie Magie. Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke formulierte einmal ein berühmtes Gesetz: Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden. Auch wirtschaftlich folgen technologische Revolutionen bekannten Mustern. Während der Industrialisierung dominierten Unternehmer wie Rockefeller im Ölgeschäft oder Carnegie im Stahlsektor. Heute prägen große Technologieunternehmen wie Microsoft, Google oder Amazon die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Doch langfristig breiten sich solche Technologien weit über ihre ursprünglichen Plattformen hinaus aus. Der Computer begann einst als Werkzeug weniger Spezialisten. Heute trägt jeder von uns einen leistungsfähigeren Rechner in seiner Tasche. Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Bedeutung künstlicher Intelligenz. Sie ist weder eine mystische Maschine noch eine neue Lebensform. Sie ist das jüngste Werkzeug in einer langen Reihe von Technologien, mit denen Menschen ihre Fähigkeiten erweitern. Und wie bei allen Werkzeugen entscheidet am Ende nicht die Technologie über ihren Wert. Sondern die Menschen, die sie benutzen. Literaturtipps: George Dyson „Turings Kathedrale: Die Ursprünge des digitalen Zeitalters“; Joris Luyendijk „Wie man ein Pferd fliegt“.

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