Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, Lehrer und Publizist, Schwerpunktthemen Geschichte, Militär- und Kraftfahrwesen, Vorarlbergensien. Ein Vierteljahrhundert bei der „Presse“, Ressort Außenpolitik.

„Wenn Krieg kut, gang i in d’ Schwiz!“

März 2026

Angesichts der Weltlage zeichnet sich eine Wehrdienstverlängerung ab. Auch materiell wird das Bundesheer verstärkt, anderen Staaten Europas folgend. Die Neigung zum Militär scheint indes im Ländle ähnlich mäßig wie just in Wien.

Vor vielen Jahren, an einem schneereichen Wochenende im Februar, machte ich im Burgenland eine Entdeckung. Ich fuhr fadisiert durch die triste Gegend nahe Neusiedl im Grenzraum zu Ungarn und der Slowakei, als neben der Landstraße eine Holztafel erschien. Darauf stand: „Zum Vorarlberger Funken“.
In einem Nest namens Deutsch Jahrndorf traf ich auf Soldaten. Und die schwätzten Vorarlbergerisch! Das Jägerbataillon 23 aus Bludesch hielt damals, 2004, Wacht an der Ostgrenze und brannte in dem 600-Seelen-Dorf an jenem Sonntag zum Gaudium der Einheimischen einen Funken ab. Ich sah Kisten mit Ländle-Bier, redete mit Offizieren und Rekruten, konnte aber bis zum Anzünden nicht bleiben. Im März schaute Vizekanzler Hubert Gorbach bei den mehr als 500 Soldaten vorbei – aus „dem Vorarlberg“, wie es in einem Text des Militärkommandos Burgenland hieß. Zur Aufmunterung brachte er Käs und Bier aus V mit.
Derzeit wird viel übers Heer geredet. Angesichts weltpolitischer Ereignisse (Kriege in der Ukraine und Nahost, neue Kriegstechniken, Terror etc.) dämmert es immer mehr Leuten, dass beim Militär viel nachzuholen ist. Das gilt für ganz Europa.
Es sprach sich sogar bis zu Linken und Grünen herum, bis hinauf zu Alexander Van der Bellen. Als Bundespräsident geißelt er den matten Zustand des Heeres als „nicht verfassungskonform“, fordert mehr Geld, Material, Personal. Wow! Ein Grüner, im Prinzip also Pazifist, Alles-Ausdiskutierer und so, unterstützt eine bewaffnete, kaum demokratisch organisierte Organisation. Einst forderte er die Halbierung der Armee und Abschaffung aller Panzer. Das war 1998, als Chef der Grünen. Als Präsident und Oberbefehlshaber seit 2017 kam die Wandlung vom Abrüster zum Aufrüster.
Realpolitisch Denkende, die am „ewigen Frieden“ nach dem Ende des Ostblocks, am exzessiven Abbau europäischer Truppen und der Friede-Freude-Eierkuchen-Party wegen der „Friedensdividende“ zweifelten, waren schon früher weitsichtiger. Man hat sie halt als rechte Militaristen ausgebuht.
Die Dividende ist versickert, die soziale Lage kaum besser. Europas Moralismus wird global belächelt, im Wohlstandsmilieu blühten Naiv-Pazifismus und Ignoranz in Sicherheitsfragen. Akademische Kreise und die militärskeptische Medienblase förderten das. Dass Politiker und Journalisten, die von Militärthemen keinen Tau hatten, sie scheuten und prahlten, „natürlich nicht“ beim Heer gewesen zu sein, heute Europas und Österreichs Sicherheitsdefizite beklagen, die Wehrpflicht loben und den Militär-Auskenner geben, ist lustig.
Bei uns legte eine Kommission Modelle einer Wehrdienstverlängerung vor. Favorit ist eine von derzeit sechs auf acht Monate plus zwei Monate Milizübungen. Vor 2006 waren es acht Monate (beziehungsweise 6 plus 2 Monate Übungen). Der Zivildienst solle von neun auf zwölf Monate steigen.
Das dürfte im Parlament durchgehen, Umfragen fallen günstig aus. Der Präsident ist dafür. Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer sind nicht justament dagegen, aber eine Reform müsse zur Betriebsrealität passen; es möge „seriös geprüft werden, wie effizient der jetzige Präsenzdienst organisiert ist, bevor junge Menschen dem Arbeitsmarkt längere Zeit entzogen werden“.
Ob mehr Wehrzeit bessere Soldaten schafft, ist eine andere Frage. Ich neige dazu, es zu bejahen, sofern das Heer moderner wird. Dass Bundeskanzler Christian Stocker eine Volksbefragung zu den Modellen will, ist wieder was anderes. Manche orten Feigheit, andere sehen parteipolitisches Hickhack vor­aus. Ich denke an Grillparzers „Bruderzwist im Hause Habsburg“, wo der Erzherzog und spätere Kaiser Matthias über seine Familie lamentiert: „Das ist der Fluch von unserm edeln Haus: Auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.“ Grillparzer beschrieb damit im Grunde Österreich.
Dort hat man in der Zweiten Republik ein schräges Verhältnis zum Militär. Man ließ es nie sehr stark werden, aber auch nicht extrem schwach. Mitte/Ende der 80er betrug der Mobilmachungsrahmen satte 250.000 bis 300.000 Mann (heute 55.000), doch war das Material rückständig.
Im Ländle scheint die Wehrmoral dürftig. Schon in den 80ern hörte ich Viele sagen: „Wenn Krieg kut, gang i in d’ Schwiz“. Weil: „Die haben eine g’hörige Armee. Unser Heer kann nix!“ (Es ging damals um „die Russen“). Stärken wollte man es aber nicht. Manch gsunder Kerle entfloh dem „Barras“ in die Untauglichkeit und viele in den Zivildienst, der an sich ja gut ist. Manche kriegten (es gab die Gewissensprüfung) vom Pfarrer bestätigt, dass ihr Gewissen keine Waffen vertrage. Ui, das glaubte denen sonst keiner, harhar!
Im Ö-Schnitt der letzten Dekade wählten ca. 45 Prozent der Tauglichen den Zivildienst, rund 15.000 traten ihn 2025 an. Auf Länderebene ist das schwer ermittelbar: Es gibt viele Musterungstermine, man hat sechs Monate für die Zivi-Erklärung etc. Wagen wir eine Annäherung: 2023 wurden von 2300 Gsibergern etwa 1700 als prinzipiell tauglich bewertet. Gut 1130 Zivi-Erklärungen langten ein, das wären 66 (!) Prozent, ob der Nachzügler von 2022 war es aber gewiss niedriger. 2024 wurden in V 615 Mann einberufen und 924 einem Zivi-Job zugeteilt. Letzteres entsprach 60 Prozent; andere Daten deuten unter 58 an.
Just Wiener sind da ähnlich: Ihre Zivi-Quote lag 2023 bei mindestens 51 Prozent. Schlusslicht war Kärnten (25-28 Prozent). Für Wien erklärt man das unter anderem mit dem größeren Anteil höher gebildeter und links/urban tickender Kreise. Für V muss ich raten: Ist’s wegen unserer Skepsis gegenüber dem Oschten und der Unlust, dort den Kopf hinzuhalten?
Ich indes musste ins Heer, das war meine Gewissens-Sache. Ich beschäftigte mich mit Militärgeschichte und -Technik, war Sportschütze und fand Leute seltsam, die übers Heer spotteten, statt es stärken zu lassen. Nach dem Studium rückte ich 1997 in Landeck ein. Kreuz und Knie litten, manch Ausbildner trieb mich zur Weißglut: Tiroler Jungprolos, die Herrn Magister hetzen durften. Einer musste mich loben, weil ich gut schoss: „Greeber, Sie sollt‘n Schoafschütz wern, net Richter!“
Dann wollte man mich ins Büro setzen. Doch ich wollte den Lkw-Schein. Und setzte mich durch. Im Steyr 680 fuhren wir in Gelände, das Mountainbikern getaugt hätte, aber meist chauffierte ich im Pkw Offiziere, die waren okay. Ich lernte von Technik, Kameraderie, Verschwendung, anderen Lebenswelten und wie deppert oder bedauernswert manche Leute sind. Aber Ungustln gibt’s auch im Zivil- und Berufsleben. Sogar öfter, und Hinterhältigere.
Schad jedafalls, dass i beim Funka im Burgaland net dabei gsi bin.

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