Kriemhild Büchel-Kapeller

… ist Expertin für Sozialkapital, Nachhaltigkeit und Partizipation. Sie begleitet seit vielen Jahren Beteiligungsprozesse an der Schnittstelle von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft, wenn es um eine enkeltaugliche, regenerative Zukunft geht. Lehr- und Vortragstätigkeiten an verschiedenen Universitäten sowie beim Forum Alpbach, Mitglied der Akademie für Positive Psychologie und Gründungsmitglied von EUPONS (Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften).

Zukunftslust statt Zukunftsfrust

Juni 2026

Wie eine Gesellschaft zu gemeinsamen Zukunftsbildern kommt.

Paradoxe Zeiten: Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten und gleichzeitig scheint uns eine lebenswerte Zukunft immer schwerer vorstellbar. Krisen überlagern sich, Unsicherheit wächst, und das Gefühl der Ohnmacht – Entwicklungen ausgeliefert zu sein – breitet sich aus. Genau hier liegt eine entscheidende Frage: Was ist, wenn wir nicht an der Realität scheitern, sondern an unserer Vorstellungskraft von einer lebenswerten Zukunft?

Regnose statt Prognose
Die Zukunftsforschung kennt dafür einen präzisen Begriff, den Wechsel „von der Prognose zur Regnose“. Während Prognosen von bestehenden Problemen ausgehen und diese in die Zukunft fortschreiben, lädt Regnose dazu ein, sich in eine gelingende Zukunft hineinzuversetzen. 
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen die Wirkung. Allein die Vorstellung positiver zukünftiger Ereignisse aktiviert ähnliche Bereiche im Gehirn wie das tatsächliche Erleben – es kommt zu einem Motivationsschub. Positives Antizipieren fördert Kreativität und Handlungsfähigkeit und das sogenannte Growth Mindset (offenes Denken). Positive Zukunftsbilder sind daher keine naive Träumerei, sondern psychologisch und gesellschaftlich hoch wirksam und steigern die Resilienz. Wer gemeinsam positive Zukunftsbilder entwirft, aktiviert kollektive Energie und schafft damit die Grundlage für echte Veränderung, ob in Unternehmen oder in Gemeinden und Regionen.

Grenzen von top-down 
Partizipation ist auch deshalb notwendig, weil top-down Steuerung in hochkomplexen Systemen an ihre Grenzen stößt. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, generative KI, geopolitische Verwerfungen, demografischer Wandel, gesellschaftlicher Zusammenhalt – lassen sich „von oben“ angeordnet weder vollständig erfassen noch dort allein lösen. 
Und doch ist derzeit eine Gegenbewegung zu beobachten: Viele Organisationen und Menschen fallen in überholte Hierarchien und Silodenken zurück. Der Grund ist psychologisch nachvollziehbar – vertraute Muster vermitteln scheinbare Sicherheit. Doch diese Sicherheit trügt. Ein Weiter-wie-bisher führt in die Sackgasse und nicht aus ihr heraus, wenn überholte Muster wie starre Hierarchien, Silodenken, reine Kontrolllogiken oder kurzfristiges Effizienzdenken immer weniger funktionieren.
Zukunftsfähigkeit entsteht, wenn viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen Verantwortung übernehmen und Gestaltungsspielräume für Innovationen nützen statt auf vermeintliche Absicherung zu setzen. 

Erfolgsfaktor Sozialkapital 
Für Kooperation, Innovationsfähigkeit und ein gesellschaftliches Miteinander ist Sozialkapital eine entscheidende Ressource. Gemeint ist damit das Netz vertrauensvoller Beziehungen. Studien zeigen, dass Regionen und Unternehmen mit hohem Sozialkapital resilienter, innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher sind. 
Vertrauen lässt sich jedoch nicht verordnen. Es wächst dort, wo Menschen einander begegnen, Verantwortung übernehmen und erleben, dass Zusammenarbeit erwünscht ist. Zukunftsfähigkeit entsteht daher nicht im Alleingang, sondern im Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Akteure von Unternehmen über Politik und Verwaltung bis zur Zivilgesellschaft.
Auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse unterstreichen, wie wesentlich soziale Verbundenheit für Menschen ist. Soziale Isolation belastet das Nervensystem ähnlich wie körperlicher Schmerz. Gelebte Gemeinschaft hingegen reduziert Stress, stärkt Vertrauen und erhöht Zuversicht. 
Gelingende Beziehungen sind damit weit mehr als ein sozialer Wohlfühlfaktor. Sie sind eine Voraussetzung für kollektive Resilienz und werden zunehmend zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Standortfaktor. Lynda Gratton von der London Business School betont in diesem Zusammenhang, dass nicht wettbewerbsorientierte Einzelkämpfende, sondern innovative Brückenbauende die Zukunft nachhaltig gestalten werden.
Partizipation wird damit selbst zu einem Standortfaktor. Zukunftsfähige Regionen und Unternehmen brauchen neben Infrastruktur, Technologie und Fachkräften auch Beteiligungskultur, Gemeinsinn und gesellschaftliche Innovationsfähigkeit.
Beteiligungsprozesse verlaufen meist nicht konfliktfrei, wenn unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Gerade darin liegt jedoch ihre Kraft, wenn Konflikte konstruktiv ausgehandelt werden, entstehen neue Perspektiven, weniger Polarisierung und mehr Sozialkapital.

„Rasender Stillstand“ lähmt
Gute Beteiligung braucht Zeit für Tiefe und Breite. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht allein durch Beschleunigung, neue Tools und permanente Optimierung. Was Paul Virilio „rasender Stillstand“ nennt, beschreibt eine reale Gefahr. Bei zunehmender Geschwindigkeit fehlt es an Klarheit, wohin wir steuern wollen und was der gemeinsame Nordstern ist. 

Gemeinschaftsaufgabe „Zukunft“
Die Zukunft beginnt nicht morgen. Sie entsteht heute – in unseren Köpfen, in unseren Gesprächen und vor allem in unserem gemeinsamen Tun. Otto Scharmer (Theory U) bringt es auf den Punkt. Es braucht den Shift vom Ich zum inklusiven Wir, vom Ego zum Eco, vom reinen Verwalten zum gemeinsamen aktiven Gestalten.
Vielleicht ist genau das eine der entscheidenden Zukunftsfragen: Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen nicht nur funktionieren – sondern gemeinsam Zukunft gestalten können, damit wir als einzelne Menschen und auch gesamtgesellschaftlich handlungsfähig bleiben?

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