Kurt Bereuter

geboren 1963, studierte BWL, Philosophie und Politikwissenschaften. Organisationsberater und -entwickler, freier Journalist und Moderator, betreibt in Alberschwende das Vorholz-Institut für praktische Philosophie.

Alpwirtschaft neu gedacht?

Juni 2026

Zuletzt ist unsere Alpwirtschaft massiv wegen TBC bei Rotwild mit Ansteckung auf das Nutzvieh und den Meister Isegrim unter Druck geraten. Die Probleme darunter wiegen nicht minder schwer.

Schon vor zwölf Jahren präsentierte der Vorarlberger Naturschutzrat unter Georg Grabher und Maria-Anna Moosbrugger seine „Alpstrategie Vorarlberg“. Darin stellte das Autorenteam fest, dass die Alpwirtschaft für Vorarlberg von großer Bedeutung ist, nicht nur wegen Futterflächen für unser Vieh, die durch Knochenarbeit unserer Vorfahren der Naturlandschaft abgerungen wurden, sondern auch für die Lebensmittelproduktion und vor allem für den Tourismus, der sich dem Klimawandel anpassen muss: Wintersportgebiete brauchen eine künstliche Beschneiung, Beschneiungsteiche und Leitungen und Straßen, um sie anzulegen. Der Sommertourismus verändert sich und die Landschaft: Biken – mit Strom und Carbon statt Kondition (© Graubünden) bringt neue Massen auf den Berg und neue Bikerrouten – manchmal mitten durch Viehherden. Und jetzt vielleicht noch Windräder und noch größere Straßen, um sie zu errichten.

Verlust von Alpflächen
Das heißt, dass wir Alpflächen an den Tourismus und vielleicht auch an die Energiewirtschaft verlieren. Wer aber offenen Auges durch unsere Alpen wandert, wird leicht feststellen, dass die Alpflächen massiv zugewachsen sind und weiter zuwachsen und ganze Weiden nicht mehr wie in den Jahrhunderten davor von „Unkraut“, Gebüsch und Bäumchen und Steinen „gesäubert“ werden. Beim Unkraut erinnere ich nur an die giftigen Kreuzkräuter, Germer, Eisenhut oder Bärenklau, Maiglöckchen und Herbstzeitlose. Ökologisch sei das Zuwachsen nicht so schlimm, denn Wald sei allemal natürlich(er), meinte Georg Grabher. Aber, „aus Gründen der historischen Verwurzelung eines Berglandes, der Nutzungskultur in ihrer Nachhaltigkeit und letztlich einer gewissen Sentimentalität“ wegen, wollte er Alpen haben und erhalten.

Eine faktische Strategie
Tatsächlich gab es eine Strategie für unsere Alpwirtschaft, jene, die die öffentliche Hand verfolgte und die umgesetzt wurde, mit der möglichst vollständigen Erschließung unserer Alpen mit Straßen, am besten Lkw-tauglich und mit Strom- und Glasfaserkabel (kein Witz!). Das brachte nicht nur eine leichtere Bewirtschaftung mit sich, sondern auch völlig andere Alpgebäude, vom Stall bis zum Wohntrakt. Alles gut, aber statt Holz aus den umliegenden Wäldern, Beton, verleimtes Holz und pflegeleichte Böden. Statt Stille und Ruhe, Auto- und E-Bikeverkehr und sei es nur zur Einkehr. Die Jäger freuen sich über Straßen, aber nicht über den Verkehr. Auftrieb wird zur Auffahrt und Heu plus Kraftfutter können folgen, mit negativen Auswirkungen auf die Alpflächen, wie beschrieben. 

Eine Wunschstrategie
Es muss und kann nicht wieder so werden wie früher, die Alpwelt hat sich weitergedreht. Aber klar ist, Alpwirtschaft muss uns als Gesellschaft etwas wert sein. Ist sie auch, weil es Förderungen gibt, ob sie ausreichen, ist eine andere Frage. Aber – die Förderungen sollen das ermöglichen und sicherstellen, was wünschenswert ist. Dem wurde in der Vergangenheit zu wenig Augenmerk geschenkt, deshalb wäre eine Strategieänderung nötig. Weg von der Quantität der Flächen und des Viehauftriebs, hin zu einer ökologisch qualitätsvollen Bewirtschaftungsstrategie einer jeden einzelnen Alpe. Dazu braucht es eine Umfeldanalyse, ein Stärken- und Schwächenprofil und dann klare, überprüfbare Ziele und Strategien für die nächsten Jahre für die jeweilige Alpe. Dann kann klar werden, welche Maßnahmen warum gefördert werden und was sie bewirken können und sollen. Das gehört dann evaluiert und angepasst. Es wird Alpflächen geben, die wir aufgeben und die sich der Wald holt. Aber es sollte klar sein, welche Alpflächen das sinnigerweise sind. Und auf den verbleibenden Flächen muss einer Intensivierung und Übernutzung Einhalt geboten, stattdessen die Weidepflege intensiviert werden. Motivierung für die nichtbäuerliche Gesellschaft an diesen mühsamen Tätigkeiten mitzumachen ist gefordert. Beispiele gibt es, Mitglieder von Agrargemeinschaften, Schulen, Sozialprojekte oder auch der Alpenschutzverein und die Naturfreunde. Das würde auch eine Nähe der Menschen zur Alp- und Landwirtschaft und deren Produkten schaffen, die verlorenging.

Und jetzt?
Schon im Juli 2019 beklagte der Vorarlberger Naturschutzrat in einem Strategiepapier, dass die „Alpstrategie Vorarlberg“ vorgestellt, publiziert und dann schubladisiert worden sei: „Eine aktive Auseinandersetzung mit den Ergebnissen, Fragestellungen und Empfehlungen … fand jedoch nicht statt.“ Es ging weiter wie bisher, eine ökologisch wünschenswerte Entwicklung der Alpwirtschaft zur Sicherung alpiner Natur- und Kulturräume unterblieb. Und jetzt kommt ein kleineres Problem, der Schadwolf, und ein riesengroßes Problem dazu: TBC. „Bauern wollen gesundes Vieh auf die Alpen treiben und es im Herbst wieder gesund nach Hause bringen“, brachte es ein Bauer auf den Punkt. Jede Alpung birgt ein Risiko in sich, aber das Risiko sich TBC in den Stall zu holen, ist dann manchem Bauern zu hoch – und das Vieh bleibt daheim, die Alpe unterbesetzt. Das fehlende Futter der Alpflächen muss importiert werden, der im Tal mehr anfallende Dünger auf den Heimflächen ausgebracht werden, was unweigerlich zu einer weiteren Überdüngung führt. Die Alpen verbuschen weiter, Gras bleibt stehen und ein Wirtschaftsertrag und Alpprodukte bleiben aus. „Für die Vorarlberger Landschaft und Naturausstattung ist das Schicksal der Alpwirtschaft von großer Bedeutung“, schrieb Grabher 2013. Es wäre an der Zeit, seine Alpstrategie wieder aus der Schublade zu holen und um eine TBC-Strategie zu ergänzen, denn es geht um viel, um eine Kulturlandschaft, von der wir alle profitieren, auch wenn es uns nicht immer bewusst ist.

www.naturschutzrat.at/fileadmin/www.naturschutzrat.at/Studien/alpwirtsch...

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.