
Die rote Karte für das Baur
Im Morgengrauen des 27. Mai 2015 verhaftete die Schweizer Polizei im Zürcher Luxushotel Baur au Lac hochrangige Vertreter der FIFA wegen dringenden Korruptionsverdachts. Für das Hotel, das 1844 von Johannes Baur aus Götzis gegründet wurde, ein unliebsamer Vorfall, der nicht mit dem Image von Diskretion und Klasse vereinbar war. Die FIFA zeigte dem Hotel Baur au Lac die rote Karte, indem sie das renommierte Haus seither meidet, vermutlich um nicht mehr an diesen schwarzen Tag erinnert zu werden.
Johannes Baur, 1795 in Götzis geboren, verlor bereits 1802 seine Mutter und wurde 1805 nach dem Tod seines Vaters Vollwaise. Er absolvierte in seiner Heimatgemeinde eine Lehre als Bäcker und begab sich dann – wie damals üblich – auf Wanderschaft, die ihn nach Zürich verschlug, wo er heiratete und ein bescheidenes Gasthaus eröffnete.
Als Unternehmer mit außerordentlichem Gespür erfuhr er als einer der Ersten vom Bau einer neuen Poststation in Zürich, in deren Nähe zukünftig jeden Tag viele Reisende eine Unterkunft benötigen würden. Einen besseren Platz für ein Hotel konnte es kaum geben und so trieb Baur mit viel Engagement große Summen auf, um am 24. Dezember 1838 am Paradeplatz, am Ende der heutigen Bahnhofstraße (damals gab es freilich weder Eisenbahn noch Bahnhof), das Gasthaus Baur zu eröffnen. Schon bald als das beste Haus der Stadt bekannt, erntete es früh lobende Erwähnungen in den Reiseführern von John Murray und Karl Baedeker, die um diese Zeit erstmals erschienen. Bereits 1854 wird in der Leipziger Illustrierten Zeitung enthusiastisch über die unternehmerische Leistung Baurs berichtet:
„Kaum eine Stadt in der Schweiz hat sich in einem Zeitraum von zwölf Jahren in so hohem Grade vergrößert und verschönert wie Zürich. Wo in den dreißiger Jahren noch Wälle, Festungsgräben und Sümpfe lagen, dort erheben sich seither die prachtvollsten Gebäude. Staat und Private haben hier das Ihrige beigetragen. Unter den letzteren steht der Erbauer des Hotels Baur gegenüber der Post, Herr J. Baur, obenan. Mit einem große Baugeiste begabt, faßte er, als die Regierung die Erbauung eines neuen großartigen Postgebäudes beschloß, den Plan, diesem gegenüber ein Hotel im großartigsten Style auszuführen, welchen Plan er auf eine ihm zur Ehre und der Stadt zur Zierde gereichende Weise ausführte.“
Das Baur au Ville, heute als Mandarin Oriental Savoy Teil einer asiatischen Hotelkette, ist nach vielen Auf- und Abschwüngen noch immer ein Haus der Extraklasse. Der Hotel-Historiker Andreas Augustin beschreibt eloquent, welches Publikum dort anzutreffen ist: „Da sehen wir den Schachweltmeister Karpow, wie er in einem Blitzschachturnier in der Hotelhalle gegen 20 Leute antritt. Roger Federer steht schon mal an der neuen Bar en Ville. Elton John huscht nach einem Konzert in sein Zimmer. Auf dem Weg nach Davos steigt Michael Gorbatschow hier ab…“
Vom großen Erfolg seines ersten Projekts ermutigt, wagte Baur 1844 eine noch gewagtere Investition, indem er am einstigen Stadtrand von Zürich ein zweites Hotel am damals noch sumpfigen Ufer des Zürichsees bauen ließ. Hier war die Zielgruppe Touristen im heutigen Sinn, die zum Vergnügen reisten, sich längere Aufenthalte gönnten und die großartige Lage am See samt Fernsicht genossen.
Auch das Baur au Lac fand in dem Leipziger Blatt von 1854 schon eine lobende Erwähnung: „In noch weit höherem Grade aber beurkundete Herr Baur seinen unermüdlichen Unternehmungs- und Verschönerungsgeist dadurch, daß der sich fast zu gleicher Zeit zum Ankauf eines anderen, etwa hundert Schritte entfernt liegenden Flächenraums entschloß. Dieses neue, großartige Etablissement nimmt unter allen derartigen Schönerungen der Schweiz unstreitig den ersten Platz ein. Im italienischen Style ausgeführt, gewährt besonders die Hauptfacade einen wirklich imposanten Anblick. Nicht minder geschmackvoll ist aber auch die innere Eintheilung und Ausstattung.“
1860 zieht sich Johannes Baur, angesehen und wohlhabend, auf seinen Landsitz „Zum Venedigli“ zurück, ein Anwesen am Zürichsee, das von Wasserkanälen umgeben war und daher an Venedig erinnernd diesen Namen trug. Wie das historische Lexikon der Schweiz berichtet belohnt ihn der Stadtrat 1859 ob seiner Verdienste um den Zürcher Tourismus mit der Ehrenbürgerschaft und 1860 mit der Ernennung zum Mitglied des städtischen Baukollegiums. Er verstirbt 1865 im Alter von 70 Jahren. Der Götzner Name Baur ist allerdings in der Eigentümerfamilie schon früh verschwunden, da eine Enkelin des Gründers den Namen ihres Ehemanns Karl Kracht angenommen hat.
Zur Gästeschar des Baur au Lac zählen nicht nur der Hochadel, sondern ganz allgemein die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Zu den berühmtesten adeligen Gästen gehörten Kaiser Wilhelm II., Kaiserin Elisabeth („Sissi“) von Österreich sowie die Könige von Bayern, Schweden und Norwegen. Marc Chagall wohnte jahrelang in einer Suite, während er die weltberühmten Fenster des Frauenmünsters schuf. Zu den bekanntesten Schauspielerinnen, die hier abstiegen, gehörten Brigitte Bardot, Gina Lollobrigida, Jayne Mansfield oder Audrey Hepburn.
Im Gegensatz zum Stadthotel Baur au Ville ist das Baur au Lac seit über 180 Jahren in Familieneigentum und gehört damit zu den weltweit ältesten 5-Sterne-Hotels mit einer derart langen Tradition. Immer wieder sorgten aufwendige Investitionen dafür, dass das Hotel den hohen Standard halten konnte. Insgesamt haben die Gäste heute die Auswahl zwischen erlesen ausgestatteten 119 Zimmern sowie 18 Suiten mit einer Fläche zwischen 37 und 100 Quadratmetern. Die Preise für eine Übernachtung variieren zwischen 750 Franken im Einzelzimmer und etwa 6500 Franken für die Lake Side Corner Suite, die auf der Homepage so beworben wird: „Der raffinierte und zugleich eklektische Stil unserer Lakeside Corner Suiten ist eine wunderbare Mischung aus exquisiten Art-Deco-Stücken, französischen Stilmöbeln und modernen Annehmlichkeiten. Mit endlosem Blick auf den Park, den Zürichsee und den Schanzengraben ist jede Suite ein sich ständig weiterentwickelndes Kunstwerk.“ Die genannten Preise verstehen sich ohne Frühstück, für das noch weitere 57 Franken pro Person zu berappen sind.









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