Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

Der neue Antisemitismus als Selbsthass des Westens

Juni 2026

Islamistische Terroristen verübten am 7. Oktober 2023 das größte Massaker an Juden seit der Shoah. Es war keine militärische Auseinandersetzung, keine Kampfhandlung zwischen Soldaten, auch kein spontaner Ausbruch eskalierender Gewalt. Es war ein Pogrom. Menschen wurden ermordet, gefoltert, entführt, vergewaltigt, gedemütigt und öffentlich zur Schau gestellt, weil sie Juden waren. Kinder wurden verschleppt, Familien ausgelöscht, Leichen geschändet. Der Terror richtete sich nicht gegen Militär und militärische Infrastruktur, sondern gegen jüdisches Leben selbst. Und doch begann, kaum dass die Bilder öffentlich wurden, bereits die Relativierung der bestialischen Morde. Noch während Israel seine Toten zählte, mahnten Intellektuelle bereits, auch den „Kontext“ nicht zu vergessen, man müsse „die Vorgeschichte“ sehen. In Teilen der akademischen und kulturellen Öffentlichkeit setzte nahezu reflexhaft jene Täter-Opfer-Umkehr ein, die inzwischen zu einem Kennzeichen des zeitgenössischen Antisemitismus geworden ist.
Gerade darin offenbart sich die eigentliche Krise des Westens. Denn der heutige Antisemitismus kommt nicht mehr nur im Gewand der dumpfen Parole daher. Er trägt moralisches Pathos, ist woke. Er spricht die Sprache der Menschenrechte, des Antirassismus, der Dekolonisierung und sozialen Gerechtigkeit.
Karl-Markus Gauß weist in einem brillanten Text zu Jean Améry auf dessen 1969 veröffentlichten Essay „Der ehrbare Antisemitismus“ hin: „Dieser neue Antisemitismus von damals will freilich nicht als solcher gelten, wie der heutige sucht er nach ehrenhaften Gründen, die ihn rechtfertigen und achtbar machen.“ Améry kritisierte damals schon die verlogene Revolutionsromantik der Linken und deren Hass auf Israel. Deren Antisemitismus sei im „Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in einer Wolke“ enthalten.
Gerade das macht ihn so gefährlich. Er tritt nicht mit Springerstiefeln auf, sondern mit akademischer Selbstgewissheit und moralistischer Selbstvergewisserung. Seine Vertreter halten sich nicht für Reaktionäre, sondern für moralisch Erweckte. Sie sehen sich als Kämpfer gegen Unterdrückung – und reproduzieren doch die alten Ressentiments und den fortdauernden Judenhass Europas. Israel ist dabei längst mehr als nur Gegenstand politischer Kritik. Der jüdische Staat ist zur Projektionsfläche geworden. Für postkoloniale Theoretiker und deren Mitläufer steht er für die Kontinuität des Kolonialismus und der Unterdrückung. Für antikapitalistische Aktivisten ist er Symbol westlicher Überheblichkeit und Dominanz. Für identitätspolitische Milieus erscheint Israel gar als Verkörperung eines vermeintlich „weißen Unterdrückersystems“. Auch Umweltaktivisten wie Greta Thunberg haben ihre Kritik und Energien inzwischen auf Israel umgeleitet.
Die historische Wirklichkeit stört dabei nur. Dass Juden über Jahrhunderte verfolgt, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden, verschwindet hinter ideologischen Schablonen und Selbstgerechtigkeit. Dass der Zionismus aus dem existenziellen Wunsch nach Schutz, Freiheit und Selbstbestimmung erwuchs, wird genauso wie das Recht auch und gerade von Juden auf ihren Staat und ihr unbedingter Wille, um ihr Überleben zu kämpfen, gnadenlos ignoriert. Dass es die Araber waren, die die Zweistaatenlösung 1948 ablehnten und stattdessen infolge immer wieder den Krieg mit Israel suchten, wird bewusst verschwiegen.
Übrig bleibt ein manichäisches Weltbild aus Tätern und Opfern. Und darin ist den Juden ihr Platz klar zugewiesen.
Da wundert es auch nicht, dass die Toten im Sudan oder Jemen, die Ermordung mutiger, um ihre selbstverständlichen Rechte kämpfender Demonstranten und vor allem Frauen durch das Mullah-Regime im Iran mit ihren antiislamistischen Parolen aus dem linken Empörungsschema fallen, unterstützt dieses doch die „Befreiungsbewegung“ Hamas. Auch wurde kein Land so häufig von der UNO verurteilt wie Israel. Kein anderer Staat wurde mit vergleichbarer moralischer Obsession verfolgt. Menschenrechtsverletzungen in Syrien, Nordkorea, China, Venezuela, Kuba etc. – Schwamm drüber. Auch hier gilt: Antisemitismus beginnt dort, wo Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards beurteilt wird. Und nur Israel wird dabei sein Existenzrecht abgesprochen.
Besonders sichtbar ist diese Entwicklung in jenen Milieus, die sich selbst für besonders aufgeklärt halten. Gerade in Teilen der Kunst- und Kulturszene hat sich eine bemerkenswerte moralische Kälte ausgebreitet. Dort, wo Humanismus, Differenzierung und historische Sensibilität selbstverständlich sein sollten, gilt Israelhass inzwischen als Ausweis intellektueller Fortschrittlichkeit und moralischer Selbstvergewisserung. Boykottaufrufe gegen israelische Künstler und Wissenschaftler werden als legitime, ja einzig anständige Haltung verkauft, unabhängig davon, ob sie für oder gegen die Regierung Netanjahu eintreten, einfach weil sie Juden sind. Festivals und Institutionen unterzeichnen antiisraelische Manifeste und verweigern israelischen Künstlerinnen und Künstlern die Teilnahme. Eine Ausgrenzungspolitik, die fatal an den Nazi-Slogan „Kauft nicht bei Juden“ erinnert. Gleichzeitig wird zum islamistischen Terror, auch in Europa, geschwiegen – oder dessen Gefahr relativiert. Die Absurdität liegt auf der Hand. Ausgerechnet Milieus, die sich traditionell als Gegner von Totalitarismus und Ausgrenzung verstehen, übernehmen plötzlich autoritäre Reflexe.
Ebenso bedrückend ist die Entwicklung an Universitäten. Dort gehört Antisemitismus in manchen Kreisen längst zum popkulturellen Lifestyle privilegierter Middle- und Upper-Class-Studenten, ist elementarer Teil der Woke-Kultur geworden. Man demonstriert, skandiert Slogans, romantisiert Terror als Widerstand, ohne dessen ideologische Konsequenzen auch nur im Ansatz zu reflektieren.
„From the river to the sea“ wird als harmlose Solidaritätsgeste propagiert, obwohl die politische Implikation offenkundig ist: die Auslöschung Israels. Jüdische Studenten werden bedrängt, eingeschüchtert oder sozial ausgegrenzt. Und die Universitätsdirektionen schweigen oder gefallen sich sogar im Verständnis für Intoleranz, Übergriffe und Gewalt. Hinzu kommt ein Problem, das aus falscher Rücksichtnahme zu lange tabuisiert wurde: der islamistische Antisemitismus in Teilen migrantischer Milieus. Wer dieses Phänomen aus Angst vor dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit nicht benennen will, verweigert sich der Realität.
Unter dem Schlagwort „antimuslimischer Rassismus“ wird legitime Kritik an islamistischen Ideologien delegitimiert. Doch der Islam ist keine Ethnie, sondern eine Religion. Kritik an religiös begründeter Frauenfeindlichkeit (inklusive Kopftuchgebot), Homophobie oder Judenhass ist kein Rassismus. Diese begriffliche Vernebelung schützt nicht Muslime, sondern radikale Milieus, die sich jeder Integrationsanforderung entziehen beziehungsweise die Werte einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft zutiefst verachten. Ahmed Mansour sieht Europa verlieren, „weil es nicht mehr unterscheiden kann: zwischen Toleranz und Blindheit, zwischen Religionsfreiheit und politischer Ideologie, zwischen Integration und Anpassung an extremistische Narrative“.
Der Antisemitismus unserer Zeit speist sich aus mehreren Quellen – aus der extremen Rechten, aus islamistischen Milieus und zunehmend aus antiwestlichen linken Szenen. Was sie verbindet, ist mehr als Judenhass. Es ist der Hass auf die offene Gesellschaft selbst. Denn Antisemitismus ist nie nur ein Angriff auf Juden. Er ist immer auch ein Angriff auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Aufklärung. Israel wird nicht trotz seiner westlichen Werte zum Feindbild, sondern gerade wegen ihnen. Es sind Demokratie, Säkularität, Individualismus, Wissenschaft und Selbstverteidigungsfähigkeit, die den Hass nähren.
Der neue Antisemitismus ist deshalb nicht nur Judenhass. Er ist Selbsthass des Westens. Eine Zivilisation, die sich ihrer eigenen Werte schämt, sucht Sündenböcke. Und findet sie wieder bei den Juden. Wer jüdisches Leben nicht verteidigt, verteidigt am Ende auch die offene Gesellschaft nicht. Denn wo Juden Angst haben müssen, ist die Freiheit aller bereits in Gefahr.

 

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