J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

Den Muscheln ähnlich und doch keine Muscheln

November 2018

Fossilien sind schwer zu bestimmen. Anders als bei lebenden Tieren stehen nur die Hartteile zur Verfügung, und auch diese sind selten unverändert erhalten. Der Weichkörper ist verwest und verschwunden, und über die Lebensweise der Tiere kann nur über den Vergleich mit ihren heute lebenden Verwandten spekuliert werden. Die biologische Art als Fortpflanzungsgemeinschaft ist nicht mehr fassbar. Einziges Hilfsmittel zur Unterscheidung und Klassifizierung der versteinerten Tiere ist deren äußere Form. Sie allein gestattet es, gleich Aussehendes zu Arten zusammenzufassen. Dies macht die Sache nicht einfacher, denn nur allzu oft sind wesentliche Merkmale im Inneren der Schale verborgen. So zum Beispiel bei den Brachiopoden. 

Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie noch nie von Brachiopoden gehört haben. Diese sind Meerestiere, und sie leben an verborgenen Orten. Niemals ist es ihnen gelungen, das Interesse des Menschen in ähnlichem Ausmaß zu wecken wie Muscheln. Und für Muscheln werden sie meist auch gehalten – die Ähnlichkeit führt allzu leicht zu Verwechslungen. Wie bei den Muscheln hat die Schale der Brachiopoden zwei Klappen. Doch bei den Muscheln sind diese (annähernd) spiegelgleich. Bei Brachiopoden hingegen sind sie unterschiedlich groß. Die untere, Stielklappe genannt, ist größer. Sie besitzt am hinteren Ende ein Loch, aus dem ein muskulöser Stiel ragt. Mit ihm ist das Tier auf hartem Untergrund festgewachsen. Die oben liegende Armklappe ist kleiner. Sie trägt den namensgebenden Armapparat, der häufig durch ein kalkiges Armgerüst gestützt wird. Doch die Bezeichnung „Armapparat“ ist irreführend, denn eigentlich handelt es sich um eine Kombination aus Nahrungsfilter und Kiemen. 

Aber ist der Armapparat wirklich namensgebend? Eigentlich nicht! Wörtlich übersetzt heißen die Tiere „Armfüßer“, doch ein Nahrungsfilter hat weder mit Armen noch Füßen etwas gemein. „Branchiopoden“ = „Kiemenfüßer“ würde die Sache besser treffen, aber das „n“ hat sich bei der Benennung der Tiere klammheimlich aus dem Staub gemacht. Eine weitere „Übersetzung“ ist „Armkiemer“ – auch nicht korrekt, denn nun ist kein Bestandteil des Wortes mehr in der wissenschaftlichen Bezeichnung enthalten. Aber im Grunde ist dies Haarspalterei.

Brachiopoden gehören zu den stammesgeschichtlich ältesten schalentragenden Lebewesen. Ihre frühesten Vertreter lebten bereits Anfang des Kambriums vor etwa 530 Millionen Jahren. Vor allem im Erdaltertum entwickelten sie eine große Fülle an unterschiedlichen Formen. Damit müsste es doch leicht möglich sein, ihre versteinerten Schalen zu unterschiedlichen Arten zu ordnen. Weit gefehlt: Nicht selten ist die Variationsbreite der Form des Gehäuses innerhalb einer Art größer als die Unterschiede zwischen einzelnen Arten. Und das Hauptunterscheidungsmerkmal sitzt im Inneren. Richtig geraten – das Armgerüst hilft nicht nur, einzelne Arten zu unterscheiden, es ist auch das wichtigste Merkmal, um die Arten auf höherer systematischer Ebene zu Familien zu gruppieren. Aber wie soll man es studieren? In besonders glücklichen Fällen wurden die kalkigen Hartteile während der Fossilisation in Quarz umgewandelt. Dann kann das Armgerüst mit Säure freigeätzt werden. In allen anderen Fällen helfen nur Serienschliffe. Eine hauchdünne Schicht nach der anderen wird weggeschliffen, und nach jedem Schleifvorgang werden die erkennbaren Strukturen im Bild dokumentiert. Der Computer liefert schlussendlich eine dreidimensionale Rekonstruktion. 

Allen diesen Schwierigkeiten zum Trotz fanden in Vorarlberg die Brachiopoden der Kreidezeit in den letzten Jahren besondere Beachtung – mit bemerkenswerten Ergebnissen! Es liegt nun schon einige Zeit zurück, dass gleich zwei Arten aus dem Ländle als weltweit „neu für die Wissenschaft“ erkannt worden sind. Dennoch sind von Fortunella acutifrons bis heute nur die beiden bereits 1984 beschriebenen und veröffentlichten Exemplare aus Ebnit bekannt! Etwas häufiger ist Gemmarcula plattenwaldensis – dieser hübsche, kleine Brachiopode wurde inzwischen auch jenseits des Rheines im Alpstein gefunden. Noch kleiner und damit wohl oft übersehen ist Tulipina koutaisensis. Das bis dahin einzige Exemplar in der Sammlung der inatura entzog sich lange der korrekten Identifikation – erst ein Zufall wies den richtigen Weg: In zwölf Millionen Jahre älteren Gesteinen im Kaukasus gezielt nach Vergleichsmaterial zu suchen, wäre keinem Forscher in Mitteleuropa in den Sinn gekommen. Ein Neufund im Ländle ermöglichte das Studium des Armgerüsts (die damit zwangsweise verbundene Zerstörung des Einzelexemplars in der Museumssammlung wäre unverantwortlich gewesen). Damit ist beweisen, dass diese Tierart dank günstiger Meeresströmungen die Entfernung von rund 2700 Kilometern zwischen Kutaissi in Georgien und dem Vorarlberger Rheintal problemlos überwinden konnte. Für künftige Studien der kreidezeitlichen Fossilienwelt Vorarlbergs muss der Blick jedenfalls auch nach Osten gerichtet werden.

Seit Sommer dieses Jahres ist die Sammlung der inatura um eine weitere Seltenheit aus derselben Gesteinsschicht reicher. Lamellaerhynchia polygona ist auch aus dem benachbarten Alp­stein nur mit wenigen Exemplaren bekannt. Nun wurde in Vorarlberg wieder ein Vertreter dieser Brachiopoden-Art gefunden – und das an einer Lokalität, die bereits derart abgesucht ist, dass dort eigentlich keine bedeutenden Funde mehr zu erwarten waren. Aber gerade das ist das Schöne an der Paläontologie: Man weiß nie, wann man die nächste Besonderheit in Händen halten wird!

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