Alois Lang

Alois Lang (*1954 in Bizau) habilitierter Onkologe an der Meduni Innsbruck, Aufbau der onkologischen Schwerpunktabteilung am LKH Feldkirch 1994 - 2017, zuerst in Gaisbühel, dann Umzug nach Rankweil.
Pension seit 2020 und „zurückgekehrt zu meinem Hobby Geschichte”.

 

Medizinische Archivale Vorarlberg Von Pest, Blatternpest, Kinderlähmung bis Covid 19

Juli 2021

Gehäuftes Auftreten von Infektionen, seien es Bakterien, Viren, Helminthen oder Prionen zeigen der Gesellschaft, und vor allem dem einzelnen Menschen sein Ausgeliefertsein.
Die Maßnahmen der Behörden greifen in Demokratien und viel mehr in autoritären Staaten in das freie Leben der Menschen ein und erschweren den Schrecken und die Angst für das einzelne Individuum, dies ist im politischen Spektrum bei der derzeitigen Pandemie deutlich sichtbar.

Bei früheren Epi- und Pandemien waren Pflegende, Ärzte und auch Geistliche häufig Opfer der Seuche. Bei den Pestepidemien im Ländle während des 30jährigen Krieges wurden die Toten in Massengräbern außerhalb der Gemeinde bestattet, ein Beispiel ist Pfarrer Elias Brügel in Egg mit 250 Angehörigen aus seiner Pfarrgemeinde. Eines der frühen Pestbücher ist die von Ulrich Ellenbog, (* um 1435 Feldkirch, †1499 Memmingen) verfasste und gedruckte „Instruction wider die Pestilentz“.

Pocken (Blatternpest)
Kaiserin Maria Theresia ließ 200 arme Kinder in Niederösterreich mit Blattern inokulieren, die Krankheit also auf die Kinder übertragen, dies wurde Variolation genannt (bei der heutigen Vakzination werden abgeschwächte oder inaktivierte Erreger genutzt). Die Habsburgerin trug selbst Pockennarben und ließ auch einige ihrer Kinder 1786 inokulieren, auch weil sie schon eigene Kinder durch Pocken verloren hatte. In Wien gab es neben dem Waisenhaus am Rennweg ein Inokulierhaus, in dem die Einpfropfung der Blattern vorgenommen wurde. Den Durchbruch gegen Blattern erbrachte Edward Jenners Kuhpockenimpfung 1798. Schon länger war bekannt, dass Kuhpocken vor den Blattern schützen. Jenner hat Kinder und auch seinen Sohn mit Kuhpocken geimpft, nachher den echten Pocken ausgesetzt. Eine Pockenkrankheit trat nicht auf, dies hat er in einer Kohorte bestätigt. Bis 1801 soll Jenner über 7500 Menschen mit Kuhpocken geimpft haben. Wien hat als erste Stadt außerhalb Englands 1799 die erste Kuhpockenimpfung durch Pasqual Joseph Ferro durchgeführt. 
In Vorarlberg ist durch Joseph Gabriel Moosbrugger, Wundarzt, Gastwirt und Bürgermeister in Bezau am 24. März 1802 meines Wissens die erste dokumentierte Pockenimpfung erfolgt. Moosbrugger hat nachweislich mit Kollegen in Günzburg, Augsburg, Ulm, Genf, Wien und dem Kreisphysikus Rosenstiel Rücksprache gehalten1. Erstaunlich ist, wie schnell sich um 1800 die Pockenvakzination bei den damaligen Reiseverhältnissen bis in den hinteren Bregenzerwald durchgesetzt hat. Im gleichen Jahr hat Dr. Hollenstein in Lustenau mit der Pockenimpfung begonnen. Das letzte Auftreten von Pocken beim Menschen war 1978 in Somalia bei einem jungen Mann, die Erfolgsgeschichte der Pockenschutzimpfung war geschrieben. Die Pocken sind Medizingeschichte, die WHO hat 1980 die Pockenerkrankung für eradiziert erklärt.

Poliomyelitis (Kinderlähmung)
Der österreichisch/amerikanische Nobelpreisträger Karl Landsteiner ist als Beschreiber der ABO und der Rhesus Blutgruppen bekannt. Weniger ist der Öffentlichkeit bewusst, dass er mit Erwin Popper 1909 die Infektiosität der Poliomyelitis nachgewiesen hat. Dazu hat er in sterilem Kochsalz zerriebenes Rückenmarkgewebe eines an Poliomyelitis verstorbenen Kindes intraperitoneal auf Affen übertragen. Nach Ausbrüchen in New York und Boston wurde experimentell die Übertragungswege bei Poliomyelitis in Affen erforscht. Die Ausbrüche wurden auf Immigranten aus Nordeuropa zurückgeführt, wo vorher Seuchenzüge stattgefunden haben. Polioviren werden wochenlang ausgeschieden, die umweltresistenten Viren haben die Reise über den Atlantik überdauert2. Heute sind Wildviren nur mehr in Afghanistan und Pakistan endemisch. Von Impfstoffen abgeleitete Viren sind weit verbreitet. Der orale Impfstoff mit in ihrer Virulenz herabgesetzten, lebenden Viren hat die von Impfstoffen stammende Verbreitung bedingt. Reisende in von Impfviren befallene Gebiete, Expatriates, Einwanderinnen und Einwanderer, Asylwerber aus diesen Gebieten sollten vollständig geimpft sein. Dazu gehören auch Impfungen im Erwachsenenalter, auch für die Hajj nach Mekka gibt es Empfehlungen. Vom Nachweis der Infektiosität bei von Landsteiner vermuteten Viren, bis zur Entwicklung des ersten inaktivierten Polio-Impfstoff 1955 durch Jonas Salk und 1960 durch die orale Vakzine von Alfred Sabin dauerte es 45, respektive 50 Jahre3. 
In Vorarlberg ist die Impfgeschichte bei Kinderlähmung nicht publiziert, aber durchgeführt. Der nachmalige Präsident der Vorarlberger Ärztekammer Dr. Leopold Bischof hat gesehen, dass der Salk-Impfstoff in der Schweiz erhältlich, in Österreich nicht zugelassen war. Vorarlberg hat 1947 mit 165 erkrankten und 11 verstorbenen Kindern, 1958 mit 148 an Kinderlähmung Erkrankten und 37 Todesfällen die schlimmsten Seuchenzüge heimgesucht. Nach Rücksprache mit Prof. Guido Fanconi von der Zürcher Kinderklinik hat Bischof mit seinem Freund in der Gesundheitsabteilung des Landes Dr. Hermann Girardi vereinbart, den Impfstoff einzuführen. Mit einer Initialgruppe wurden Impfungen im niedergelassenen Bereich gestartet, die Politik hat wenig Unterstützung gezeigt. Dies hat konsekutiv 1964 zur Gründung des Arbeitskreises für Vorsorge und Sozialmedizin (AKS) geführt. 
Die Einführung der Polio Impfung (IPV) war außerordentlich erfolgreich. In Vorarlberg sind 1968 und 1971 jeweils eine Erkrankung an Kinderlähmung aufgetreten, kein Kind mehr gestorben. In Österreich sind vereinzelt Erkrankungen bis 1980 zu verzeichnen, der letzte Sterbefall ist 1973 in Niederösterreich registriert, 2002 wurde die WHO Region Europa für Polio frei erklärt. 

Impfnebenwirkungen
Diffuse Erinnerungen an Ausbrüche mit inaktivierten Polioviren wie der Cutter Skandal in Kalifornien oder bei Tuberkulose das Lübecker Impfunglück, wirken zum Teil als Impfskepsis in der Bevölkerung bis heute nach4,5. Die sozialen Cluster an Impfskeptikern wie dogmatische Anhänger verschiedener Religionen, Anthroposophen, Roma, Pavees oder orthodoxen Juden sind gut dokumentiert. Sorge bereitet die Skepsis in der Gruppe der Pflegepersonen und auch bei praktischen Ärzten in Frankreich, wo in Europa die größte Impfskepsis vorhanden ist6,7.
Die Impfskepsis quer über die Gesellschaft bei Covid 19 und die Zurückhaltung der politischen Entscheidungsträger zur Impfpflicht sind aus der Medizingeschichte nicht ableitbar. Wir sollten aus der Historie lernen.

 

 

Quellen 
1 Gantner: Pfarrchronik Bezau 1816, eingesehen 10.02.2021 im Vorarlberger Landesarchiv.
2 Flexner Simon. The contribution of experimental to human Poliomyelitis. JAMA. 1910.
3 Katz SL. From Culture to Vaccine – Salk and Sabin. New England Journal of Medicine. 2004 Oct 7;351(15).
4 Nathanson N, Langmuir AD; The Cutter Incident; American Journal of Epidemiology. 1995 Jul 15;142(2). 
5 Hanna Elisabeth Jonas. Das Lübecker Impfunglück 1930 in der Wahrnehmung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Inauguraldissertation 2017. 
6 Fournet N, Mollema L, Ruijs WL, Harmsen IA, Keck F, et al. Under-vaccinated groups in Europe and their beliefs, attitudes and reasons for non-vaccination; two systematic reviews. BMC Public Health. 2018 Dec 30;18(1). 
7 Paterson P, Meurice F, Stanberry LR, Glismann S, Rosenthal SL, Larson HJ. Vaccine hesitancy and healthcare providers. Vaccine. 2016 Dec;34(52).

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