Manfred Brandl

*1954 in Graz, war von 2012 bis zu seiner Pensionierung 2020 Geschäftsführer Produktion bei Liebherr MCCtec (maritime Sparte) und seit 2001 Geschäftsführer Produktion bei Liebherr Nenzing, Sunderland und Rostock. Brandl war 1977 zu Liebherr Nenzing gekommen, hatte als Monteur begonnen und sich sukzessive bis in die Geschäftsführung hochgearbeitet.

Akademiker vs. Lehre – ein ewiges Spannungsfeld

Oktober 2026

Ich bin zwar schon einige Jahre im Ruhestand, aber nach wie vor an der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes sehr interessiert. Immerhin hängt davon der Lebensstandard von uns allen ab.
Ich habe mit großem Interesse den Beitrag von Andreas Dünser (Chefredakteur Thema Vorarlberg) vom September 2026 gelesen und leider festgestellt, dass sich über die letzten 20 Jahre in diesem Problemfeld nichts geändert hat.
Das Thema „Akademiker vs. Lehre“ beschäftigte mich über Jahrzehnte. Ich selbst habe eine Karriere mit Lehre erleben dürfen und war über 40 Jahre bei einem großen Baumaschinenhersteller im Lande in unterschiedlichsten Positionen beschäftigt, davon 20 Jahre als Geschäftsführer für die Produktion und somit auch verantwortlich für die Lehrlingsausbildung. Ich möchte gleich am Anfang festhalten, dass wir selbstverständlich sowohl Akademiker als auch Facharbeiter brauchen, um erfolgreich zu sein. Aber das in einem ausgewogenen Verhältnis. Man muss auch wissen, dass laut Statistik Austria vom April 2025 nur 65 Prozent aller Studenten ihr Studium auch abschließen.
Es ist mir ein Rätsel, warum die Wichtigkeit der dualen Ausbildung – also die Lehre – immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss.
Wir können in einem Hochlohnland keine Großserienteile produzieren, für die man keine Facharbeiterausbildung braucht. Für solche Teile sind wir schon längst zu teuer. Durch die Globalisierung kann man solche Teile auf der ganzen Welt zu unschlagbaren Kosten beschaffen. Wir müssen hier also Teile und Maschinen produzieren, welche nur von bestens ausgebildetem Fachpersonal – sowohl in der Konstruktion als auch in der Produktion – realisiert werden können.
Wir haben keine Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder seltene Erden. Der einzige Wettbewerbsvorteil, den wir haben, sind unsere hochqualifizierten Facharbeiter und Facharbeiterinnen. Dazu muss man wissen, dass es die duale Ausbildung, wie wir sie kennen, nur in Deutschland, in der Schweiz, in Liechtenstein und in Österreich gibt. Für die Qualität unserer Fachkräfte beneidet uns die ganze Welt.
Durch meine berufliche Tätigkeit bin ich sehr weit herumgekommen und habe immer wieder den Unterschied der fachlichen Performance zwischen unserem Fachpersonal und dem Personal in anderen Ländern hautnah erleben können. Wenn wir diesen einzigartigen Wettbewerbsvorteil verlieren, verlieren wir alle.
Deshalb bin ich über aktuelle Entwicklungen schockiert. In der aktuellen PISA-Studie sagen 33 Prozent der deutschen Jugendlichen, dass die Schule reine Zeitverschwendung sei. In Österreich sind es immerhin auch 25 Prozent.
Die Polizeischule in Wien stellt 200 Ausbildungsplätze für die Polizei zur Verfügung und kann sie trotz 900 Bewerbungen nicht voll besetzen. Der Grund ist das Fehlen der Basis-Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen, wie der Standard berichtete.
Trotz chronischem Fachkräftemangel stellen im Land immer weniger Klein- und Mittelbetriebe Lehrlinge ein, da auch bei uns bei vielen Jugendlichen diese Basis-Kompetenzen fehlen. 
Ein Unternehmer, der noch selbst in der Werkstatt steht und zwei, drei Fachkräfte beschäftigt, kann sich unmöglich auch noch mit „Nachhilfe“ in diesen Grundkompetenzen beschäftigen. Das geht einfach nicht. Es liegt jedenfalls nicht an den Unternehmen, dass immer weniger Lehrlinge ausgebildet werden.
Es ist mir ein Rätsel, wie es möglich ist, dass nach neun Pflichtschuljahren diese Kompetenzen nicht vorhanden sind. Es ist der Auftrag der Schulen, diese Kompetenzen zu vermitteln, damit die Unternehmen und Berufsschulen darauf aufbauen können. Wenn wir das nicht schaffen, wird sich der Fachkräftemangel auf unsere gesamte Wirtschaft katastrophal auswirken.
Dann höre ich noch im ORF Vorarlberg, dass circa 15 Prozent aller Jugendlichen im Land weder eine Schule besuchen noch eine Lehre absolvieren oder an einer AMS-Schulung teilnehmen. Wir haben doch eine Ausbildungspflicht bis 18 per Gesetz festgelegt. Oder?
Also: Oberstes Gebot ist es, dass die Jugendlichen nach neun Pflichtschuljahren die Basis-Kompetenzen beherrschen, damit wieder mehr Jugendliche fähig sind, eine Lehre zu absolvieren. Dieses Problem ist so schnell wie möglich zu lösen. Wenn wir das nicht schaffen, werden auch wir im Laufe der Zeit nur mehr einfache Produkte herstellen können. Und das im Wettbewerb zu Billiglohn-Ländern. Was das bedeutet, können wir uns noch gar nicht vorstellen.

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