Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

„Dass der Mensch sich selbst gehört“

Oktober 2026

Gerald A. Matt traf Aida Loos zum Gespräch. Die in Wien aufgewachsene Tochter iranischer Eltern begann ihre Karriere als Schauspielerin und arbeitet heute als Kabarettistin, Autorin und Kolumnistin. Im Gespräch spricht Loos über ihre Verbundenheit mit dem Iran und die Situation der Menschen dort. Im Mittelpunkt steht jedoch ihre Haltung zum Kabarett: Künstlerische Freiheit, politische Korrektheit, die Grenzen der Provokation und die Frage, was Kabarett leisten kann.

Ihre Eltern haben den Iran verlassen, damit ihre Töchter frei leben und berufliche Möglichkeiten haben. Wie war das Aufwachsen zwischen den Kulturen?
Die Frage nach Assimilation stellte sich eigentlich nie. Wir kamen in einem Alter nach Österreich, in dem wir mit Kindergarten und Schule begannen. Zu Hause wurde Persisch gesprochen und persisch gekocht, gleichzeitig feierten wir Weihnachten. Wir waren auch nicht in einer persischen Community. Wir lebten in Wien in unserem Mikrokosmos. Die Verbindung zum Iran blieb trotzdem bestehen; ich war mit zwölf Jahren zum ersten Mal dort und bin immer wieder zurückgekehrt.

Wie sehr fühlen Sie sich dem Iran verbunden, gerade angesichts von Krieg, Gewalt und Protesten?
Sehr. Ich habe noch viel Verwandtschaft dort und bin regelmäßig mit ihr in Kontakt. Die Bilder und Nachrichten gehen uns in der Diaspora sehr nahe. Man denkt: Das könnte ich sein, wenn meine Eltern das Land nicht verlassen hätten. Da ist immer noch Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit, aber auch konkrete Angst um die Familie.

Sie kommen aus der Kunst- und Kulturszene. Enttäuscht Sie, dass es etwa für Gaza große Solidarität und Demonstrationen gibt, während die Reaktion auf die Ereignisse im Iran vergleichsweise sehr zurückhaltend ist?
Ja. Die Linke schläft und schaut weg. Selektive Solidarität ist für mich keine Solidarität, sondern Ideologie.

Wie stehen Sie zu der Intervention von außen, dem Angriff der USA und Israel?
Wichtig ist, dass man nicht vergisst, wer den Mut und das Risiko getragen hat: die Iranerinnen und Iraner selbst. Sie haben über Jahre unbewaffnet demonstriert und ihr Leben riskiert. Wenn nun von außen eingegriffen wird, sollte niemand behaupten, er habe diese Menschen gerettet. Diese Kraft und dieser Mut gehören ihnen.

Im Iran gehen Frauen gegen den Zwang zur Verschleierung auf die Straße. Wie sehen Sie die Debatte darüber hierzulande?
Die Frauen im Iran fordern, über ihren eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Das ist der entscheidende Punkt. Wer freiwillig Kopftuch trägt, soll das tun können. Es geht um den Zwang. Einen Menschen zu zwingen, etwas zu tragen, oder ihn zu zwingen, es nicht zu tragen, bleibt Zwang. Die Frauen gehen auf die Straße und riskieren ihr Leben für den Gedanken, dass der Mensch sich selbst gehört.

Wenn die Wirklichkeit immer absurder erscheint, hat das Kabarett dann überhaupt noch eine Chance?
Im Moment finde ich vieles eher tragisch als komisch. Es gab Zeiten, in denen die Satire der Wirklichkeit hinterhergelaufen ist. Heute scrollt man durch das Elend der Welt fast wie durch Netflix. Für mich ist das vor allem schlimm.

Trotzdem greifen Sie diese Wirklichkeit in Ihrer Arbeit auf. Sie machen Kabarett und schreiben eine Kolumne. Kann Kabarett Bewusstsein schaffen, gar etwas verändern? 
Bewusstsein kann es auf jeden Fall schaffen. Zu sagen, man verändere mit einem Auftritt oder einer Kolumne die Welt, wäre aber übermütig. Aber man kann Aufmerksamkeit erzeugen und mit Humor einer Sache etwas von ihrer Schwere nehmen, ohne ihre Ernsthaftigkeit zu leugnen.

Der Künstler Erwin Wurm sagt über seine Arbeit: Humor ist eine Waffe.
Für mich ist Humor eher Notwehr.

Sie haben mit Schauspiel begonnen. Wie kam der Wechsel zum Kabarett?
Aus Not wurde eine Tugend. Ich hatte die Schauspielausbildung schneller abgeschlossen als vorgesehen. Danach wollten mich viele nur aufgrund meines Aussehens als ausländische Figur besetzen. Ich dachte: Ich habe doch nicht Schauspiel studiert, um ständig die gebrochen Deutsch sprechende Ausländerin zu mimen. Also schrieb ich mein erstes Programm und spielte darin verschiedene Figuren. Das hat sofort funktioniert. Im Rückblick glaube ich, dass mir vor allem die Freiheit gefallen hat: Als Kabarettistin kann ich selbst bestimmen.
Wie kamen Sie zu Ihrem Namen? Warum Loos? Adolf Loos steht wieder für einen gewissen Purismus und edle Schlichtheit.
Mein echter Name ist ja Aida Hossein. Und ich fand Hossein immer phonetisch furchtbar. Da habe ich mir gedacht, ich möchte den Namen ändern. Anfangs wollte ich auf Hoss abkürzen. Aber dann dachte ich, nein, es gibt eine Nina Hoss und meine Schwester heißt auch noch dazu Nina. Aida hat ja vier Buchstaben, davon drei Selbstlaute. Und ich fand, da fehlt ein O. Und dann ist mir Adolf Loos eingefallen, der ja eben ein Minimalist war und aus geringstem Raum irgendwie die größten Wunder gemacht hat.

Ihre Kolumne in einer österreichischen Tageszeitung firmiert unter „Freudlos“, fühlt man sich als Kabarettistin als Analytikerin oder gar schon als Therapeutin?
In der Kolumne „Freudlos“ kommt jedes Mal eine Sorge, ein Thema, ein Problem aufs Tapet, also zum Beispiel: Ich muss abnehmen, Weihnachten muss perfekt sein, die Welt macht mir Angst, ich habe Flugangst oder seit dem Urlaub will ich die Trennung. Ich antworte mit Humor. Also Analytikerin ja, Therapien überlasse ich Berufeneren.

Sie haben einmal das Unterstützervideo von Christiane Hörbiger für Sebastian Kurz parodiert, obwohl das Original schon fast wie eine Parodie wirkte. Wie funktioniert Satire, wenn die Wirklichkeit sich selbst übertrifft?
Manchmal muss man gar nicht viel hinzufügen. Ich habe zwischen den Zeilen gelesen und die übertriebene Liebe zu Kurz noch deutlicher gemacht. Kabarett muss manchmal nur genau abbilden und genauer zuhören. 

Wen haben Sie am liebsten parodiert?
Sehr gerne österreichische Figuren, Hörbiger, Vassilakou, Elli Köstinger... 

Sie können Menschen sehr genau imitieren. Wie wichtig sind Beobachtung und Sprache?
Sehr. Sprache fällt mir sofort auf. Ich höre Eigenheiten und Sprachfehler, ob ich will oder nicht. Gerade darin liegt viel Material. Bei Figuren wie Christiane Hörbiger faszinierte mich das Skurrile. Heute sprechen jedoch viele Menschen auch durch Social Media ähnlicher. Diese besonderen Stimmen werden seltener.

Es fehlen Ihnen sozusagen Charaktertypen.
Ich bin immer auf Futtersuche und wer sucht, der findet. 

Gibt es für Sie Tabus?
Nein, Kabarett und Tabu ist wie Weihwasser und der Teufel. Aber je größer das Tabu, desto besser muss die Pointe sein. Provokation allein ist billig und unnötig. Interessant wird es, wenn die Komik der Tragik zuzwinkert. Genau das möchte ich mit meinem Kabarett erreichen.

Eine zentrale Frage für Kabarett ist die politische Korrektheit. Wie gehen Sie damit um?
Für mich hat sich diese Frage nie wirklich gestellt, weil ich nie Kabarett gemacht habe, das nach unten tritt. Ich beschäftige mich lieber mit Autoritäten. Einen rassistischen oder homophoben Witz würde ich nicht machen. Wozu? Ich finde ihn selbst nicht lustig. Das heißt aber nicht, dass Kabarett keine Grenzen überschreiten darf. Wie gesagt: Ein sensibles Thema verlangt gute Pointen.

Was braucht eine gute Kabarettistin?
Sie muss lustig sein. So einfach das scheint, so schwierig ist es.  

Was muss, was soll Kabarett also können?
Es soll und darf Widersprüche sichtbar machen, Fragen stellen und eine andere Perspektive eröffnen. Es soll sagen, was man nicht unbedingt hören möchte – aber auf eine Weise, die man hören kann und es soll natürlich zum Lachen bringen. 

Gibt es ein spezifisch österreichisches Kabarett?
Ja. Ich glaube, der österreichische Schmäh ist ein vermeintlich gleichgültiger Umgang mit dem eigenen, unzugänglichen Zorn. In einem guten Schmäh steckt etwas Tragisches, Morbides und im besten Fall abgründig Grundiges. 

In Kürze werden Sie Ihr neues Programm präsentieren. Was brennt Ihnen diesmal unter den Fingern, wen und was werden Sie auf die Schippe nehmen? Wann und wo werden Sie auftreten?
Mein neues Programm „Freudloos“ ist aus meinen beiden wöchentlichen Kolumnen „Freudlos“ und „Freudvoll“ entstanden. In ersterer schlüpfe ich in die Rolle der fiktiven Ururenkelin von Sigmund Freud und gebe eine satirische Therapiestunde. In zweiterer mache ich mich auf die Suche nach dem Ernst des Lebens und lache mich dabei kaputt. Ich kombiniere diese beiden und bringe sie nun auf die Bühne und analysiere, was uns wirklich kaputt macht. Spoiler: Alles. Und zwar gleichzeitig. Die Premiere wird am 24. Oktober im Volkstheater in Wien sein und nächstes Jahr werde ich damit auch nach Vorarlberg in den Spielboden in Dornbirn kommen.

Aida Loos, *1980 in Teheran, ist Kabarettistin und Schauspielerin. Seit ihrem Debüt 2012 mit „Hartes Loos” hat sie sich mit mittlerweile fünf Soloprogrammen etabliert. Sie trat auch in New Yorker Comedy-Clubs auf. Ihre Präsenz erstreckt sich über zahlreiche bekannte TV-Formate im ORF, auf Puls 4 und im WDR. Loos spricht fünf Sprachen, ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

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