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Gutes Land ist teuer

Der Zukunftsforscher Andreas Reiter macht Urlaub in Österreich – im Jahr 2050. Eine fiktive Reportage über heißbegehrte Ziele an kühlen Alpenseen und Flugdrohnen im Retrolook.

Ein schwüler Morgen im Juli 2050. Darian steht am Fenster seines Hotelzimmers und macht die ersten Fitnessübungen. Er ist ausgeruht, das smarte Kissen hatte ihn gekonnt in den Schlaf massiert, die intelligente Matratze sich seinen biometrischen Daten angepasst. Draußen glitzert der Grundlsee, Darians erster Halt auf seiner Österreich-Reise.
Er war gestern Abend aus Frankfurt mit dem Hyperloop, einem Hochgeschwindigkeitszug, nach Salzburg geflitzt und von dort mit einer solarbetriebenen Taxi-Drohne weitergereist. Längst vernetzen derartige High-Speed-Züge Europas Städte – Flugzeuge sind auf Strecken, die kürzer als 800 Kilometer sind, aus klimatechnischen Gründen verboten, weshalb ehemalige Billig-Airlines wie Ryanair massiv in den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsnetze (und in die boomenden Weltraum-Flugstrecken) investieren. 
Darian ist nun mit seinem Fitnessprogramm fertig (er hat jetzt wieder ein sattes Plus auf seinem Personal-Health-Account und wird bald mit sinkenden Gebühren bei seiner Krankenkasse belohnt). Nach einer belebenden Vitamin-Dusche – auf sein individuelles DNA-Profil abgestimmt – geht er hinunter auf die Frühstücksterrasse, direkt am Seeufer. Was für ein grandioser Platz: Über den spiegelglatten See gleitet ein Ruderboot, sattes Grün rundum und sanftmütige Berge.
Das Salzkammergut ist einer der großen Gewinner des Klimawandels, der Österreich längst zu einer führenden Sommer-Destination gemacht hat. Familien, die früher ans Mittelmeer geflogen sind, vergnügen sich nun an den kühleren Seen in den Alpen. Keine 40 Grad wie im Süden, keine Algen. Die Winzer im Salzkammergut experimentieren mit Traubensorten, die es früher nur im Piemont gab. Die Sommer-Wettbewerber Österreichs liegen in Skandinavien: Zum Baden fährt man nach Südschweden, zum E-Grooving (neuer Trendsport) nach Norwegen. Island lässt Touristen nur noch außerhalb der Sommersaison ins Land.
Darian hingegen genießt sein Urlaubsglück in Österreich, trinkt einen Schluck Grundlwasser (das, in edle Designerflaschen gefüllt, ein Exportschlager in den Emiraten ist) und blickt auf die Zitronenbäume am Seeufer. Er lobt seinen persönlichen TravelBot – die Algorithmen fanden hier die größte Übereinstimmung mit seinen Bedürfnissen. Vor allem auch: keine chinesischen Touristenmassen wie nebenan in Hallstatt oder in der Stadt Salzburg, die inzwischen beide DIE Hochzeits-Destination für chinesische Paare sind (und für Individualtouristen wie für Einheimische längst unerträglich). Dabei dürfen 2050 nur jene Chinesen ins Ausland, die ein exzellentes Social Scoring (AAA) aufweisen können. Der chinesische Staat bewertet seit 2020 Lebenslauf und Verhalten seiner Bürger: Konsumverhalten, politische Einstellung und sexuelle Präferenzen fließen ebenso darin ein wie die Likes und Posts auf den sozialen Netzen. Dieses Modell wurde von etlichen ehemaligen EU-Staaten (Italien, Polen, Ungarn) übernommen, in Österreich scheiterte die Einführung knapp an einer Online-Volksbefragung.

Darian schwimmt noch eine Runde im See, und plaudert dann beim Auschecken face-to-face mit der Rezeptionistin. Das ist im Jahr 2050 nicht selbstverständlich und ein deutliches Feature der Premium-Hotellerie: persönliche Dienstleistungen statt Rezeptions-Roboter … In einer automatisierten und von Algorithmen gelenkten Welt ein (teuer zu bezahlender) USP. Ja, die Welt ist intelligent geworden, auch die touristische: Predictive Analytics erkennt die Sehnsüchte des Kunden schon bei dessen Recherche und schlägt die passende Destination vor, biometrischer Scan beim Einchecken, smarte Umgebung (intelligente Tapeten im Hotel verändern ihre Farbtönung je nach Stimmung des Gastes) … Bezahlt wird mit Itsme, einem Chip, der direkt in die Handfläche eingewoben ist.

Dass diese „Reise des Kunden“ in Österreich perfekt gestaltet ist, merkt Darian auch an seiner nächsten Station: Wien. ÖPNV, selbstfahrende Taxis und die kleinen Flugdrohnen im Habsburger Look (die Nachfolger der E-Bikes) sind in dieser Smart City reibungslos miteinander verzahnt. Die Stadt ist das Historic Highlight in Europa und liegt bereits an vierter Stelle im europäischen Städte-Tourismus (hinter Berlin und Rom). Darian, er ist Data Scientist, gefällt die Retro-Atmosphäre, die wertige Ausgestaltung des Stadtraums, die gepflegte Esskultur sowie die altehrwürdigen Museen (dass – abseits der etablierten Institutionen – die Kulturlandschaft unter dem langjährigen FPÖ-Bürgermeister auf Kleingartenniveau abgesunken ist, kann er ja nicht wissen). Ja, schön ist es hier, denkt er und zahlt gerne den dreimal so hohen „Sundowner“-Tarif für den Cocktail mit Blick auf den Stephansdom – für diese Location um diese Zeit ist natürlich eine Voranmeldung erforderlich.

Ein derartiges Dynamic Pricing ist endlich auch im Tourismus generell an der Tagesordnung: Skifahren bei Schönwetter kostet einfach mehr als an einem Nebeltag (2050 ist Skifahren ohnehin – schon klimatechnisch – in wenigen hochalpinen Gebieten konzentriert und purer Luxus). Österreich ist ein touristisches Premium-Land.

Wertige Angebote haben eben ihren Preis, denkt sich Darian, während er durch das kleine Dorf geht. Er ist jetzt in Bezau, seinem letzten Stopp, bevor er weiterreist nach Zürich. Der Ort, ja der ganze Bregenzerwald, verzaubert ihn: uralte Holzhäuser rundum, daneben futuristische Bauskulpturen, dazwischen ein cooles Bürogebäude aus Holzlamellen. Interior-Design vom Feinsten (er könnte stundenlang in den Landgasthöfen sitzen), köstliche Käsespezialitäten auf dem Teller. Darian fühlt: Hier ist die flüssige Moderne zu Hause, achtsam und selbstverständlich fließen hier Altes und Neues ineinander, Alltags- und Hochkultur. Das hier ist die Smart-Rural-Area, die Verschränkung von High Tech und Kreativität, von Industrie 4.0 und Manufaktur. Er versteht zwar den Dialekt der Einheimischen nicht, aber er spürt: Da stimmt die Balance zwischen Drinnen und Draußen. Ja, es ist ein gutes Land.

Den bereits im „Rondo“ publizierten Artikel hat Reiter für die „Standard“-Serie „Ö100“ verfasst; der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.“

08.10.2018

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©  istockphoto, ZTB Zukunftsbüro

Andreas Reiter

Andreas Reiter (59), ist Zukunftsforscher und Leiter des ZTB Zukunftsbüro (www.ztb-zukunft.com), das Unternehmen, Regionen, Städte und Öffentliche Institutionen im vorwiegend deutschsprachigen Raum bei strategischen Zukunftsfragen und strategischer Profilierung berät. Den bereits im „Rondo“ publizierten Artikel „Gutes Land ist teuer“ hat Reiter für die „Standard“-Serie „Ö 100“ verfasst; der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.
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