Krisenfaktor Geschlecht

In den letzten Jahren zeigen sämtliche Befunde, etwa HBSC-Studie oder Frauengesundheitsbericht, auf alarmierende Weise: Psychische Belastungen sind geschlechtsspezifisch und besonders Mädchen und junge Frauen sind zunehmend betroffen. In mädchenspezifischen Einrichtungen ist dies täglich spürbar: Beratungsanfragen steigen stark und Themen rund um psychische Gesundheit machen einen großen Teil der Problemstellungen aus. Dabei geht es um Ängste, Stress und Druck, Niedergeschlagenheit, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen und Sucht. Die psychische Gesundheit von Mädchen und Frauen muss im Kontext gesellschaftlicher Strukturen betrachtet werden, denn Faktoren wie Körpernormen, Gewalt, Mehrfachbelastungen durch Erwerbs- und Care-Arbeit sowie stereotype Geschlechterrollen wirken sich belastend aus. Geschlechterstereotype Sozialisation und entsprechende Rollenbilder führen zu geringer ausgeprägtem Selbstbewusstsein, eingeschränkter Selbstwirksamkeit sowie zum Hintanstellen eigener Wünsche und Interessen. Zudem erhalten untypische Berufswahl und Lebenskonzepte wenig Bestärkung, Folgen sind schlechteres Einkommen, niedrigere Pension und Armutsgefährdung – was wiederum psychosoziale Belastungen erhöht. Hinzu kommt: Fast 90 Prozent der jungen Frauen haben in ihrem Alltag das Gefühl, sie könnten Dinge nicht beeinflussen und sehen ihre Anliegen politisch nicht vertreten. Der Frauengesundheitsbericht des Bundes identifiziert klar den Bedarf an mehr zielgruppenspezifischen, niederschwelligen, psychosozialen Angeboten für Mädchen und junge Frauen. Paradoxerweise werden entsprechende Maßnahmen aktuell eingespart statt ausgebaut. Es ist dringend notwendig, dass wir Mädchen und junge Frauen in ihren Bedürfnissen und Problemstellungen politisch und gesellschaftlich ernst nehmen sowie ihre Potenziale anerkennen und fördern.

Kommentare