Wolfgang Greber

*1970 in Bregenz, Jurist, Lehrer und Publizist, Schwerpunktthemen Geschichte, Militär- und Kraftfahrwesen, Vorarlbergensien. Ein Vierteljahrhundert bei der „Presse“, Ressort Außenpolitik.

Donald Trump mag neu Amerika

Oktober 2026

Wieso die stille Gegend am Bregenzer Seeufer so heißt und der US-Präsident mit topografischen Umtaufen wie „Golf von Amerika“ statt Golf von Mexiko demselben Irrtum unterliegt wie seine Spötter.

Der blaue Himmel über dem Bodensee war marmoriert mit dünnen weißen Wolkenfetzen und es roch brackig nach den Wattflächen, die der niedrige Wasserstand in der Achmündung freigelegt hatte, als ich Zeuge eines besonderen Polizeieinsatzes wurde.
Schauplatz war die Landzunge beim Wocherhafen mit dem wohl berühmtesten Baum Vorarlbergs dort: der „alten Silberweide“. Das ist dieses extrem knorrige, gekrümmte, verwachsene Ding, das 100 bis 150 Jahre alt sein soll. Im Lauf der Zeit hat der See bei hohem Wasserstand den Boden darunter weggespült, sodass die bizarr zerfaserten Wurzeln, aus deren Rinde Grimassen starren, mannshoch in die Luft ragen und eine Höhle umklammern, wo man gebückt durchsteigen kann. Übers Jahr steht der Baum oft auf dem Trockenen. Weil die Wurzeln so freigelegt sind und der Stamm so schief ist, ging zuletzt die Sorge um, dass die Weide, heute ein Bregenzer Wahrzeichen, umfällt. Also wurden Warnschilder („Baumsturzgefahr!“, „Betreten verboten!“) aufgestellt und ein Zaun ringsum gezogen. Eine Fällung wolle man vermeiden, sagte Bürgermeister Michael Ritsch.
An jenem Tag also ragten nackte, bleiche Beine aus der Wurzelhöhle. Es sah von der Ferne gruselig aus. Dann erkannte ich, dass sich ein Pärchen darin breitgemacht hatte, samt Reisetaschen und Musikinstrumenten. Bald tauchten Polizisten auf, eine Spaziergängerin hatte sie gerufen. Sie hatten ihre Not, die Typen zum Abgang zu bewegen. Die taten zumindest so, als verstünden sie kein Deutsch (die Warnschilder trugen aber klare Piktogramme), das Girl brauchte zehn Minuten, um einen Ausweis hervorzukramen, es schien, als trieben die Schealle in einer Zeitlupenblase. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich trollten. Respekt den Beamten für ihre Geduld.
Der Wocherhafen heißt nach einer Bregenzer Firma, die dort Kies abgebaggert hat, und liegt in Neu Amerika. Das ist der grüne, stille Landstrich zwischen dem Kloster Mehrerau und der Ach. Das Ufer taugt gut in Zuständen frisch sprießender Gefühle und Romantik, der schon ob seiner Edelschäbigkeit denkmalschutzwürdige Kiosk am Wocherhafen ist genial für Erfrischungen (Most!).
Zum Namen „Neu Amerika“ gibt’s nur Mutmaßungen. Sicher ist, dass ein „Amerika“ im „Franziszeischen Kataster“ aufscheint, einer Art Vorläufer des Grundbuchs für die Grundsteuerbemessung. Er entstand 1817 bis 1861 fürs Kaisertum Österreich und ist nach Franz I. (1804-1835) benannt. Der Ur-Kataster für Vorarlberg ist von 1857. Einer These zufolge schien vom damaligen Bregenz aus (der heutigen Innen- plus Oberstadt) die Gegend so fern wie Amerika, denn erschlossen war nur der Raum bis zur Mehrerau. Von dort zur Ach waren Ödland, Sumpf und Wälder, der Mehrerauer Wald ist ein Relikt davon. Laut anderen Theorien soll das Gebiet Besucher aus Amerika und/oder von dort zurückgereiste Vorarlberger an Gegenden in Amerika erinnert haben. Eventuell spielten auch Entwässerungstechniken aus den USA eine Rolle, die man bei der Urbarmachung des Gebietes benutzte. 1958 wurde „Neu Amerika“ amtlich.
Geht es nach Donald Trump, dem erratischen Präsidenten, soll es in den USA bald ein Neu Amerika geben: Er möchte den Staat New Mexico umtaufen, denn „New America“ klinge schöner als ein Name, der an ein Land mit viel Armut, Emigrantenströmen und Drogenkartellen erinnert. Zuvor hatte er per Dekret den Golf von Mexiko in „Gulf of America“ umbenannt (viele Medien bei uns verschweigen, dass das nur den US-Anteil betrifft), den Ontariosee an der Grenze zu Kanada in „Lake America“. Der See heißt nach einem indianischen Wort für „großer See“, „Golf von Mexiko“ setzte sich spätestens im 17. Jahrhundert durch, zuvor hieß es unter anderem „Golf von Cortés“ und „Golf von Sankt Michael“.
Es folgte ein medial aufgebauschter Wirbel. Doch die US-Regierung kann Bundesstaaten nicht umtaufen, das ist deren Sache. Bei den genannten Gewässern kann sie das, es bindet aber nur Bundesbehörden und offizielle Landkartenmacher. Einige kommerzielle Kartendienste, etwa Google Maps, haben das für den ganzen Golf und den ganzen See umgesetzt, aber nur für User aus den USA; bei Zugriffen aus Mexiko beziehungsweise Kanada sieht man die klassischen Namen, User anderswo sehen beide.
Lustig ist, dass sich in der Causa sowohl Trump als auch seine Gegner irren: Sie glauben, „Amerika“ sei ident mit den USA. In Wahrheit steht es geographisch und historisch für den Gesamtkontinent respektive die zwei Subkontinente plus Karibik. Im Englischen sagt man auch „the Americas“.
Der Name hat Bezug zum Florentiner Kaufmann Amerigo Vespucci (1454-1512), der mit Spaniern und Portugiesen zwei Mal nach Südamerika fuhr. Zwei weitere Reisen dürfte er aus Angeberei erfunden oder übertrieben davon erzählt haben. Von ihm kommt die Einsicht, dass die Lande im Westen kein Teil Asiens sind, sondern eine „Neue Welt“. Ihm zu Ehren schrieben die deutschen Kartographen Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann „America“ (im Stil von Europa, Asia, Africa) auf ihre berühmte Weltkarte von 1507 – und zwar auf Südamerika; vom Norden ist noch wenig zu sehen. Spätere Karten und Globen folgten dem, aber seit 1538 steht Amerika fürs Ganze.
Also wurzelt der Begriff im Süden, nicht in den Estados Unidos der Gringos. Er wurde zwar salopp zum Synonym für die USA, aber die sind nur ein Teil, was schon der Name andeutet: Es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika, aber dort – in Amerika – auch Kanada, Mexiko, Costa Rica, Belize, Kuba, Brasilien, Chile etc. Die EU ist auch nicht identisch mit Europa, siehe etwa die Schweiz, Norwegen, Serbien, Belarus etc.
Einer der fünf Olympischen Ringe steht für Amerika, nicht für die USA. In der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) sind keine US-Bundesstaaten, sondern 33 Länder zwischen Arktis und Feuerland. Der reiche Onkel in Amerika kann auch in Montreal, Buenos Aires oder auf den Bahamas leben.
Eigentlich ist „Golf von Mexiko“ anmaßend, weil auch Kuba und die USA dort angrenzen und Letztere die längste Küste haben, circa 2700 Kilometer. Doch wie dem auch sei: Trumps Amerika-Begriff ist nationalpopulistisch und gründet in einer Simplifizierung, die auch seine Kritiker und Spötter teilen und von Mangelwissen zeugt. Im Grunde bedeutet „Golf von Amerika“, dass es eine Bucht vor dem (nord)amerikanischen (Sub)Kontinent ist. Das müsste den Anti-Trumps doch taugen, ihm hingegen nicht! Witzig, wie ein Irrtum in derselben Sache der Position beider Seiten diametral entgegenläuft.
Jo mei, der Trump tuat oft an Moscht varzapfa. Ma söt eam zoaga, wo Bartl den Moscht holt. Zum Beispiel am Kiosk vo üserem Neu Amerika.

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