Wahrhaftige Begegnung statt digitaler Empörung

Ob es nun um geflüchtete Menschen, #metoo, Skilifte oder Betriebsansiedelungen geht: In gesellschaftlichen Fragen ist viel Empörung im Spiel. Vor Aufregung fehlen oft der respektvolle Austausch von Argumenten und die ernsthafte Beschäftigung mit unterschiedlichen Positionen. Da sehe ich die „bürgerlichen Tugenden“ gefordert, wie sie Helmut Schmidt einmal benannt hat: Verantwortungsbewusstsein, Vernunft, innere Gelassenheit und Solidarität. Er meinte, dass sie für den Zusammenhalt der Gesellschaft unerlässlich seien. Diese Tugenden widersprechen einer Politik der Gefühle und lassen nicht zu, dass Menschen untereinander ausgespielt werden.

Doch wo werden wesentliche Fragen unseres Gemeinwohls besprochen – wie entsteht diese öffentliche Sphäre des Abwägens? Private Medien mit ihren legitimen Geschäftsinteressen tragen nur bedingt zu ihr bei. Soziale Medien sind nicht gerade sozial. Eher vereinzeln sie und verstärken mit ihren Algorithmen die eigene Meinung. Ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Sphäre sind reale Begegnungsorte, an denen Menschen unterschiedlicher Milieus zusammenkommen, wo Meinungen geäußert und hinterfragt werden können. Fast so wie in der Agora, dem Versammlungsort der Polis im antiken Griechenland.

Umso wichtiger sind belebte Ortszentren, gesellschaftspolitisch aktive Bildungshäuser, aber auch Konzertsäle, Kirchen und Pfarrheime, Bibliotheken, Messeplätze oder Cafés. Der Soziologe Ray Oldenburg meinte einmal, dass diese Räume, die er als „dritte Orte“ bezeichnete, das Herzstück der sozialen Vitalität einer Gemeinschaft sind. Und damit auch Grundlage der Demokratie. Diese Orte werden im Zuge der Digitalisierung nicht unbedeutender. Im Gegenteil: Persönliche Begegnungen und die Pflege wahrhaftiger Beziehungen sind existenziell für uns Menschen.