
Fischchen wollen es feucht – aber nicht im Wasser
Vordergründig wäre es ein guter Aspekt der sommerlichen Hitzewelle: Fischchen vertragen keine trockene Luft. Gleichzeitig aber mögen sie Wärme, was den austrocknenden Effekt der heißen Luft wieder zunichtemacht. Und sie sind mobil: Leitungsschächte und Kabelrohre bieten ihnen auch dann noch gute Überlebenschancen, wenn es selbst im Umfeld von Abwasch, Dusche und Waschmaschine für sie zu trocken geworden ist. Damit wird es wahrlich zur Qual, Fischchen wieder aus Wohnung und Haus zu verbannen.
Fischchen sind urtümliche, archaische Insekten. In den Anfangsjahren der Entomologie, der wissenschaftlichen Betrachtung der Insektenwelt, schrieb man ihnen eine vermittelnde Stellung zwischen den flügellosen und den geflügelten Kerbtieren zu und nannte sie folgerichtig Zygentoma – „Brückeninsekten“. Doch die damals zu überbrückende Lücke im Stammbaum der Insektenwelt erwies sich später als ein Konstrukt, das nur in den Köpfen der Forscher existierte. Und selbst die in der Folgezeit vermuteten Verwandtschaftsbeziehungen unter den Insekten werden heute durch die Entzifferung der genetischen Codes wieder über den Haufen geworfen. Die Zygentoma haben ihre Brückenstellung verloren. Nicht gerüttelt hat die Genetik hingegen an den Arten, die von alters her aufgrund ihres Aussehens als Fischchen zusammengefasst worden sind, und die auch weiterhin als eine gültige systematische Einheit aufgefasst werden.
Eine wesentliche Eigenschaft unterscheidet die Zygentoma von allen „modernen“ Insekten. Sie können nicht fliegen. Im Gegensatz zu den ebenfalls flügellosen Felsenspringern ist ihnen auch eine hüpfende Fortbewegung unbekannt. Zu Fuß aber sind sie umso schneller. Ihr flacher Körper erlaubt es ihnen, sich auch in engen Spalten zu verkriechen. Auffallend sind ihre langen Antennen und vor allem die drei Schwanzfäden. Obwohl manche Arten Papier und Textilien verdauen können, richten sie allenfalls in Archiven und Museen größere Schäden an. Meist begnügen sie sich mit den organischen Anteilen im Staub, und selbst Schimmel kann als Nahrung genutzt werden. Allerdings tragen sie dadurch auch zur Verbreitung von Pilzsporen bei. Wenngleich den Fischchen nachgesagt wird, bisweilen allergische Reaktionen auszulösen, konnte dafür kein Beweis erbracht werden. Richten sie auch kaum Schäden an, so empfindet der Mensch ihre Anwesenheit dennoch als lästig. Zu Gesicht bekommt er sie freilich selten: Zygentoma sind nachtaktiv.
Während die meisten Insektenordnungen mit großen Artenzahlen protzen, ist das Spektrum der in unseren Breiten wohnenden Fischchen überschaubar. Lediglich sieben Arten sind derzeit in Mitteleuropa nachgewiesen, und nur eine einzige davon – das Ameisenfischchen (Atelura formicaria) – lebt außerhalb menschlicher Behausungen. Alle anderen sind auf die Nachbarschaft zum Menschen angewiesen: Nur dessen geheizte Häuser bieten ihnen das geeignete Umfeld für ein langfristiges Überleben, nur hier finden sie gleichzeitig Nahrung, Wärme und Feuchtigkeit. Und doch sind trotz aller Ähnlichkeit im Aussehen ihre Ansprüche an die Umgebung recht unterschiedlich.
Das zugewanderte Ofenfischchen (Thermobia domestica) bevorzugt mit 32 bis 37 °C die höchsten Temperaturen, hat aber den geringsten Feuchtebedarf. In Mitteleuropa ist es fast ausschließlich in Bäckereien und Großküchen zu finden. Aus Vorarlberg liegen keine Nachweise vor: Da die Tiere im Ruf stehen, Hygieneschädlinge zu sein, sind befallene Betriebe mit der Weitergabe dieser Information sehr zurückhaltend, und auch Schädlingsbekämpfer fühlen sich zur Diskretion verpflichtet.
Im Gegensatz dazu liegen die optimalen Bedingungen für das heimische Silberfischchen (Lepisma saccharinum) bei Temperaturen von 20 bis 30 °C und 80 bis 90 Prozent relativer Luftfeuchte. Zu seiner Nahrung zählen Zucker, Haare, Hautschuppen und Hausstaubmilben, aber auch Baumwolle, Leinen, Seide, Schimmelpilze, Papier und Kunstfaser sowie tote Insekten. Wie alle Fischchen besitzen sie körpereigene Enzyme zur Erschließung von Cellulose. Silberfischchen können mehrere Monate ohne Nahrung überdauern.
Obwohl in Vorarlberg erst 2012 zum ersten Mal dokumentiert, zählt auch das Kammfischchen (Ctenolepisma lineata) zu den heimischen Zygentoma. Bei ähnlichen Temperaturansprüchen ist es ebenfalls ein Feuchtezeiger. Dennoch werden diese Tiere nicht selten auch an Außenwänden beobachtet.
Zu den Fischchen, die erst in jüngerer Vergangenheit in Europa eingeschleppt wurden, gehört das Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudatum). Sein Temperaturoptimum liegt zwischen 20 und 24 °C bei eher trockener Umgebung. Damit bieten Wohnhäuser einen idealen Lebensraum. Papier und Kartonagen gehören zu seiner bevorzugten Nahrung. Mit bis zu zehn Jahren ist die Art ausgesprochen langlebig: Dreizehn Häutungen im Verlauf von fast zwei Jahren sind nötig, bevor die Tiere ihre Geschlechtsreife erreichen.
In den letzten Jahren hat auch das Geisterfischchen (Ctenolepisma phantasma) Vorarlberg erreicht. Lange Zeit wurde diese Art mit Ctenolepisma calvum aus Indien gleichgesetzt. Als aber das „echte“ Ctenolepisma calvum in Indien wiederentdeckt wurde, zeigten sich deutliche Unterschiede zu den in Europa mit diesem Namen belegten Tieren: Ein neuer Name musste gefunden werden.
In unseren Breiten auf tropische Gewächshäuser beschränkt ist Nicoletia phytophila. In Basel und Zürich wurde diese Art bereits dokumentiert, doch in Vorarlberg ist sie in Ermangelung geeigneter Lebensräume nicht zu erwarten. Dem gegenüber aber wäre eine künftige Verschleppung mediterraner Arten aus Südeuropa durchaus möglich.
Fischchen sind in erster Linie „Lästlinge“, die dem Menschen kaum Schaden zufügen. Weil sie aber als Hygieneschädlinge wahrgenommen werden, ist es verständlich, dass man sie möglichst rasch wieder loswerden möchte. Ihre versteckte Lebensweise an unzugänglichen Orten ist dabei das größte Hindernis.








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