J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

Rächt sich die Natur an sich selbst?

Juni 2015

„Die Natur schlägt zurück“ – wenn ich einen Satz dieser Art lese, weiß ich nicht so recht: Soll ich mich ärgern oder mich einfach nur kopfschüttelnd wundern über die Naivität des Schreibers? Warum sollte da jemand zurückschlagen? Und – vor allem – wer?

Natürlich wissen wir alle, was die Natur ist: was ohne Zutun des Menschen entstanden ist, was schon da war, lange bevor es den Menschen gab. Was hingegen der Mensch durch sein Können hervorbringt, ist Kunst. Längst hat dieses archetypische Gegensatzpaar seine Bedeutung gewandelt. Kunst wurde reduziert auf das kreative Schaffen des Menschen als Selbstzweck, zur Erbauung oder zur Visualisierung gesellschaftlicher Probleme. Als Gegensatz zur Natur hat „Chemie“ die Kunst abgelöst – eine paradoxe Situation, ist doch die exakte Wissenschaft Chemie eine der wahren Naturwissenschaften, während die empirische Biologie lediglich als Naturkunde gilt. Nur im Wort „künstlich“ blieb die ursprüngliche Bedeutung erhalten. Doch auch dieses verschwimmt: Geschmacksstoffe aus der Retorte sind selbstverständlich niemals künstlich, sondern „natur­ident“. Man biedert sich an, möchte das menschliche Schaffen als natürlich (v)erklären.

Doch auch die Natur selbst wurde verklärt. Sie ist die heile Welt, ein paradiesisches Ideal, das es nie gab. Unser Naturbegriff reduziert sich auf die belebte Natur, auf Pflanzen, Pilze und Tiere. Haben sie vor Jahrmillionen gelebt, sind sie im Stein konserviert, gelten sie gemeinhin nicht mehr als Teil der Natur. Nur wenige freuen sich, wenn nach einem Erdrutsch oder gar in einem Steinbruch die Zeugen vergangenen Lebens sichtbar werden. Die meisten Menschen sehen im blanken Fels nicht das Wunder, sondern die Wunde in der Natur.
So unterschiedlich die Auffassungen über das Wesen der Natur auch sein mögen, in unserer aufgeklärten Welt dient der Begriff „Natur“ als abstraktes Konstrukt zur Beschreibung all dessen, was den Menschen umgibt. Sie entbehrt jeder Persönlichkeit. Wir können nur staunen, was da aus sich selbst entstanden ist. Gestaunt haben auch unsere Vorfahren, doch aus ihren Beobachtungen entstanden andere Ideen. Das eigene Schaffen zum Vorbild nehmend, lag der Schluss nahe: Auch die Natur war geschaffen worden. Eine Urmutter hatte alles Leben geboren, ein Schöpfergott hatte es geformt.

In den großen Religionen der Welt ist die Stellung des Menschen klar definiert: Als „Krone der Schöpfung“ steht er außerhalb der Natur. Alles um ihn wurde erschaffen, damit er findet, was er zum Leben braucht, damit er sich wohlfühlt. Die Natur hat dem Menschen zu dienen. Das Vergehen von Charles Darwin war weniger, den Menschen in die Verwandtschaft des Affen zu stellen. Das wahre „Verbrechen“ der Evolutionstheorie ist, dass sie den Menschen zum Teil der Natur macht. Indem sie ihn seiner Sonderstellung beraubt, erschüttert sie die Grundfesten der Religion.

Auf anderem Wege hat sich der Mensch seine Sonderstellung zurückerobert: Als einziges Lebewesen hat er die Fähigkeit, seine Umwelt nachhaltig zu verändern, ja zu gestalten. In den wenigsten Fällen jedoch kann er sein Tun kontrollieren. „I hob zwoar ka Ahnung, wo i hinfoahr, aber dafür bin i gschwinder duat“ – was Helmut Qualtinger seinen „Halbwilden“ sagen lässt, ist bezeichnend für den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt. Die Folgen zeigen sich erst Generationen später, doch dann sind sie irreversibel. Meist lässt sich nicht einmal exakt bestimmen, wozu der Mensch in welchem Ausmaß beigetragen hat. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ab wann ein menschlicher Einfluss im Klimawandel sichtbar wird. Der Klimawandel ist Realität, und es wäre naiv, zu glauben, wir könnten ihn stoppen. Doch soll er uns Mahnung sein für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur.

Hochwässer, Erdrutsche, Erdbeben, Vulkane – manches ist vom Menschen induziert, andere Naturkatastrophen werden nur von Paranoikern mit dem menschlichen Tun in Verbindung gebracht. Doch niemals ist es „die Natur“, die sich an der Menschheit rächt. Nur wenn wir alte religiöse Vorstellungen wieder aufleben lassen und die Natur als göttliches Wesen personifizieren, wäre sie zu Taten fähig, und die einstige „Strafe Gottes“ würde zur „Rache der Natur“. Selbst dann nimmt sich der Mensch zu wichtig. Er ist nicht der Mittelpunkt, um den sich die Welt dreht. Mögen Naturereignisse von ihm mit verursacht sein – immer treffen sie nicht nur den Menschen, sondern genauso Tiere und Pflanzen. Rächt sich die Natur an sich selbst?

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