Christof Thöny

Mag. theol.; 1981 in Bludenz geboren, Studium der Kombinierten Religionspädagogik sowie Geschichte und Sozialkunde in Innsbruck, 2006 bis 2011 Geschäftsführer der Regionalplanungsgemeinschaft Klostertal, seit 2011 Professor für Religion und Geschichte am Bundesgymnasium Bludenz, Tätigkeit als Verleger und Projektmanager. Seit 2001 Gründungsobmann des Museumsvereins Klostertal.

Ein Kriegerdenkmal für das 21. Jahrhundert?

November 2018

Die „begehbare Skulptur“ von Alfons Fritz in Bludenz

Westlich der weithin sichtbaren, einstigen Stadtpfarrkirche St. Laurentius in Bludenz befindet sich das Kriegerdenkmal der Stadt, dessen Erhaltungszustand sich in den vergangenen Jahren immer mehr verschlechtert hatte. Nunmehr konnte in den vergangenen Wochen eine zweite Sanierungsetappe abgewickelt werden, bei der Teile des Mauerwerks umfangreich instand gesetzt wurden. Durch solche Maßnahmen sollte die von Alfons Fritz entwickelte „begehbare Skulptur“ in Zukunft wieder zugänglich gemacht werden. Damit einhergehend stellt sich natürlich auch die Frage nach der Berechtigung und Funktion von Kriegerdenkmälern im 21. Jahrhundert.

Entstehung und Eröffnung des Denkmals

Am 31. Juli 1925 sprachen sich mehrere Vereine aus Bludenz in einem Schreiben an den Stadtmagistrat gemeinsam für die Errichtung eines Kriegerdenkmals aus. Noch im selben Jahr wurde ein Kameradschaftsbund gegründet, der sich mit der Umsetzung dieses Projekts befasste. Der Ausschuss des Vereins entschied sich 1927 für den Entwurf des Architekten Alfons Fritz, der eine Anlage am sogenannten „Gitzibühel“ vorsah. Damit wurde die Diskussion über den Standort beendet. Die Kosten für die Errichtung des Denkmals betrugen 35.000 Schilling, welche durch eine Haussammlung und einen Beitrag der Stadt Bludenz aufgebracht werden konnten. Der 1900 in Andelsbuch geborene und 1933 im Alter von nur 33 Jahren in Dornbirn verstorbene Alfons Fritz zählt zu den wichtigsten Vorarlberger Architekten der Zwischenkriegszeit. Trotz seines frühen Todes konnte er ein umfangreiches Werk hinterlassen. In Bludenz war er neben dem Kriegerdenkmal auch für die Parkgestaltung beim Postamt 1928 verantwortlich. Nach dem Besuch der Realschule in Dornbirn studierte Fritz Architektur an der Technischen Hochschule in München. In weiterer Folge wurde er Mitarbeiter im Architekturbüro von Clemens Holzmeister in Innsbruck. Im November 1926 eröffnete Fritz sein eigenes Architekturbüro in Dornbirn. Das Fest zur Weihe des neuen Bludenzer Kriegerdenkmals erfolgte am 23. und 24. Juni 1928. In diesem Zusammenhang wurde der Leichnam des Standschützen Sebastian Neuner, der 1915 verwundet worden war und an den Folgen verstarb, vom städtischen Friedhof in die Krypta der neuen Anlage übertragen.

Eine begehbare Skulptur

Bei der von Alfons Fritz geplanten Anlage handelt es sich um eine begehbare Skulptur, deren Intention – ähnlich wie bei einem Kalvarienberg – nur erfahren werden kann, wenn man sich durch das Objekt bewegt. Dabei sind unterschiedliche Stationen vorgesehen, von einer relativ stark befahrenen Straße als Ausgangspunkt über einen Ehrenhof als Aussichtsterrasse in die ruhige Krypta, die als Gedächtniskapelle fungiert. Über eine steile Treppe – assoziiert mit der Himmelsleiter – geht man aus dem symbolischen Totenreich dem Licht entgegen und erreicht das Westportal (ein häufiges Symbol für das Jüngste Gericht) der St. Laurentiuskirche. Im Vergleich zu anderen Kriegerdenkmälern besticht die Anlage in Bludenz durch ihre Reduktion. Es ist ein Ort des Nachdenkens, der auf Symbole wie Stahlhelm, Soldaten oder Adler verzichtet. Das einzige religiöse Bildnis ist ein Wandbild mit dem auferstandenen Christus von Hans Bertle. 
Schon bei seiner Einweihung 1928 kam dem Kriegerdenkmal von Bludenz große Bedeutung zu. Es wurde wiederholt als einzigartig beschrieben und erregte über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen. Die Nationalsozialisten wussten mit der von Alfons Fritz verwendeten Formensprache hingegen wenig anzufangen.

Sanierung und Neuinterpretation

In den 1950er-Jahren wurde das Architekturbüro „Dönz & Reznicek“ mit der Instandsetzung und Erneuerung des Denkmals beauftragt. In der Krypta wurden in diesem Zusammenhang die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ergänzt. 1960 erfolgte die Neueröffnung der Anlage, die in weiterer Folge allerdings immer mehr vernachlässigt wurde und deshalb spätestens seit den 1980er-Jahren verfiel und ruinenhafte Züge annahm. Sie musste aus diesem Grund auch für die Öffentlichkeit gesperrt werden. 2007 begannen seitens des Bundesdenkmalamts Bemühungen für eine Restaurierung. Diese konnte freilich erst in den Sommermonaten 2017 begonnen werden. Parallel dazu gestalteten Schülerinnen und Schüler des Bundesgymnasiums Bludenz eine Ausstellung, die beim Tag des Denkmals präsentiert wurde. Ziel war es, einen Diskussionsprozess für die zukünftige Interpretation des Kriegerdenkmals zu starten. Diese Frage, wie ein den Anfordernissen des 21. Jahrhunderts gestalteter Lern- und Gedenkort aussehen könnte, wird auch während weiterer Sanierungsetappen diskutiert werden.

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