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„Lange Haare, kurzer Verstand, so hieß es damals“

Die hohe Politik war dem Herrgott, nicht den Wählern verpflichtet, was gesellschaftlich unerwünscht war, wurde verboten: Vorarlberg war in den 1960er-Jahren ein äußerst regide regiertes Land, das Jugendlichen kaum Platz ließ. Historiker Werner Bundschuh lässt im Interview diese zeitgeschichtlich spannende Zeit Revue passieren und sagt unter anderem: „Es war der große Vorteil unserer Generation, dass es überall Grenzen gab, gegen die man anrennen konnte.“

Wie sah das Land Vorarlberg im Jahr 1968 aus?

Wenn man über diesen Mythos 68 spricht, muss man sich vergegenwärtigen, in welcher Situation Österreich und speziell Vorarlberg waren. Man hatte sich nach 1945 in der NS-Opferthese eingerichtet, offizielle Lesart war, dass Österreich mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt habe. Speziell in Vorarlberg kam noch dieses schwierige Verhältnis zum Austrofaschismus dazu. Das ja lange vorhielt! Ich habe als Lehrer noch Ende der 1970er vom Landesschulinspektor gesagt bekommen, ich solle meinen Schülern gegenüber gefälligst nicht vom Austrofaschismus sprechen, ich hätte diese Zeit als „die andere Demokratie“ zu bezeichnen. Man kann sich dieses damalige Kulturklima aus heutiger Zeit gar nicht rigide genug vorstellen. 

In welchem Sinne?

Das Weltbild wurzelte noch stark im 19. Jahrhundert, das Land war geprägt vom Katholizismus. Die Gedanken der „Aufklärung“ waren gesellschaftlich kaum verankert. Ulrich Ilg, ÖVP-Langzeitlandeshauptmann nach 1945, war genauso wie sein Vorgänger Otto Ender tief verstrickt in den Austrofaschismus. In seiner Autobiografie hat er geschrieben, er sei als Landeshauptmann in erster Linie dem Herrgott verantwortlich und erst dann seinen Wählern. All das hatte Auswirkungen auf das Gesellschaftsverständnis, auf das Politikverständnis, auf das Kulturverständnis. Der Jugend ließ man kaum Luft.

Was nicht erwünscht war, wurde kurzerhand verboten …

Anfang der 1960er-Jahre war es Mädchen verboten, beim Baden einen Bikini zu tragen. Es war verboten, Twist zu tanzen. Twist war als dermaßen unanständig und anstößig empfunden worden, dass der Tanz verboten wurde, um die Jugend vor den Einflüssen der Moderne zu schützen! Dazu kam, in ganz strengem Maße, die Filmzensur. Jugendliche, auch Erwachsene, sollten von „Schmutz und Schund“ ferngehalten werden. Das Klima in Vorarlberg war derart rigide, dass sich damals übrigens US-amerikanische und auch deutsche Zeitungen über Vor­arlbergs besondere Verhältnisse ausließen.

Und den jungen Leuten fehlte die Luft.

Das kann man so sagen, ja. Das ließ ganz wenig Luft. Vor allem auch in den Elternhäusern. Das darf man ja nicht vergessen. Unsere Väter waren als junge Kerle in den Krieg gegangen, und wer zurückkehrte, übte sich nach 1945 in dem, was man Verdrängung nennt. In den allermeisten Familien wurde mit den Kindern nicht über die Vergangenheit gesprochen, nicht über den Krieg und schon gar nicht über etwaige Verstrickungen in das NS-System. Das wurde daheim tabuisiert, das wurde in der Schule tabuisiert, das wurde in der Gesellschaft tabuisiert. Allerdings waren bestimmte Vorstellungen weiter transportiert worden, stillschweigend sozusagen. Auch an Äußerlichkeiten ließ sich das festmachen.

Inwiefern?

Als die Haare begannen, über die Ohren zu wachsen, war das für viele schlichtweg der Kulturzerfall. Lange Haare, kurzer Verstand, so hieß es damals. Und die wenigen, die das Glück hatten, wenigstens daheim noch auf Verständnis zu stoßen, wurden spätestens in der Schule mit einem äußerst rigiden Erziehungssystem konfrontiert. Schlagen war damals noch gang und gebe. Und die Bildungschancen wurden ganz genau zugeteilt. Die Guten ins Tröpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Und erst die Musik! Die ersten Beatles-Platten! 
Die Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen drehten sich damals in erster Linie um Kleidung, lange Haare, Musik. Das waren Reibereien an der Alltagskultur. Ab Mitte der 1960er-Jahre begann sich Widerstand zu regen, gegen diese strikten Regeln, gegen diese Bevormundung, gegen diese gesellschaftlichen Zwänge im Alltag. Diese allgegenwärtigen Zwänge! Auch das kann man sich aus heutiger Sicht kaum noch vorstellen. Ich erinnere mich an einen Klassenkameraden, einen Musiker, der an einem Song-Contest teilgenommen und deswegen vom Klassenvorstand die Ausnahmegenehmigung erhalten hatte, sich extra für seinen Auftritt lange Haare wachsen lassen zu dürfen! (lacht) Als Einziger in der ganzen Klasse durfte der sich einen Pilzkopf wachsen lassen! Das war ein Exot, beneidet von allen!

Der Jugendliche wurde also, egal wohin er kam, gemaßregelt?

Ja. Das erstreckte sich von der Schule über das Freizeitverhalten bis hin zum Verhalten in der Kirche. Anfang der 1960er-Jahre waren Schul- und Religionsunterricht ja noch sehr eng gekoppelt und wer nicht dazu gehört hat, als Evangelischer etwa, der fiel raus. Abweichendes Normverhalten wurde ausnahmslos rigide-autoritär sanktioniert. Und gegen diese Zwänge regte sich zunehmend Widerstand. Wobei die ersten Widerstände gegen die Amtskirche, gegen diese rigide Politik, gegen dieses rigide Kulturverständnis, aus liberalen katholischen Jugendkreisen kam. Günther Hagen, aus der Pfadfinder-Bewegung kommend, war einer der ersten dieser „Widerständler“.

Flint 1970 gilt als erstes sichtbares Aufbegehren der Jugend im Land. Hatte es denn davor auch schon eine Protestkundgebung im Land gegeben?
Ja, die gab es! 1968 demonstrierte Günther Hagen mit einer Handvoll Mitstreiter, die alle in diesem katholisch trüben Milieu aufgewachsen waren und zwei Jahre später dann Flint organisierten, gegen die Inauguration von Bischof Bruno Wechner. Das war ein erstes sichtbares Zeichen gegen den Prunk der Kirche; ein erstes Aufbegehren gegen diese Amtskirche. Die Demonstration gegen die Inauguration war vom katholischen und politischen Establishment natürlich nicht begrüßt worden, es war eine Aufmüpfigkeit, eine Widersetzlichkeit einer Handvoll junger Leute, die damals erstmals gezeigt haben, dass sie nicht mehr bereit waren, diese starren Strukturen noch länger zu akzeptieren. Denn draußen in der Welt, da passierte ja längst schon etwas. Und Elemente drangen von außen ins Land ein. Die beginnende Empörung über den Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, der Mai 1968, man merkte die Unruhe und diese Unruhe bekam erste Ausläufer auch in Österreich und nach Vorarlberg. Als 17-jähriger Schüler sog ich das alles auf, natürlich noch weitgehend unreflektiert in diesen jungen Jahren …

Wie informierte man sich eigentlich damals?

Die Medienlandschaft war sehr monocolor. Vereinzelt las man zum Beispiel den „Spiegel“. Ich kann mich noch an die Ausgabe erinnern, in der über das Massaker in My Lei, Vietnam, berichtet wurde, das US-Soldaten begangen hatten. Eine tiefe Empörung hat das bei mir ausgelöst! Man hatte oft kein Fernsehen und damit auch nicht diese Abstumpfung der heutigen Zeit. Das war ein sehr wesentlicher Unterschied in der Medienlandschaft heute und damals – Berichte wie über Vietnam hatten eine geradezu erschütternde Empörung ausgelöst und prinzipielle Fragen der Menschenrechte, der Demokratie, wurden gestellt. Für uns Junge ganz wichtig war auch der Aufbruch im ORF. Es ist ja auch kein Zufall, wer sich heute noch für die Sendung „Kultur nach sechs“ einsetzt – das sind auch jene, die von früher wussten, wie wichtig solche Informationen waren. 

Waren junge Menschen damals engagierter? Politisch interessierter?

Die Formen waren andere. Damals herrschte eher ein Wir-Gefühl, heute regiert die Ich-AG. Es war der große Vorteil unserer Generation, dass es überall Grenzen gab, gegen die man anrennen musste. Es gab gesellschaftliche, politische, kulturelle Grenzen, die es heute so nicht mehr gibt, an denen sich die Jugendlichen damals stoßen konnten! Das fing schon daheim an, wenn die Eltern einen zum Friseur schicken wollten, weil die Haare bereits über die Ohren reichten.

War die Jugend damals idealisiert?

Die Jugend? Die gibt es nicht. Es waren getrennte Welten, es war auch damals eine Frage des Bildungsstandes. Der durchschnittliche Hauptschulabsolvent las auch 1968 nicht den „Spiegel“. Aber wenn er ihn gelesen hat, war er erschüttert. Wobei man ja auch sagen muss, dass sich manch einer damals ein eher kurioses Weltbild zugelegt hat. Wenn man „Ho Ho Ho Chi Minh“ skandierend durch die Straßen zog, oder mit der Mao-Bibel in der Hand, dann war das unreflektiertes Ablehnen der westlichen Demokratie. Meine diesbezügliche Idealisierung hatte nur bis zum August 1968 gedauert, als die sowjetischen Panzer in Prag aufgefahren waren. Die linke Utopie war mit dem Einmarsch der Russen für mich erledigt. Es ist aus heutiger Sicht schwer verständlich, dass viele den einen durch einen anderen Glauben ersetzt hatten. Und trotzdem hatte in dieser Generation Empörung zur Sensibilisierung geführt, grundlegende Fragen wurden gestellt. Ich hatte als Lehrer später den Eindruck, dass sich da vieles geändert hat. Und wenn ich im Unterricht ausnahmsweise einmal grantig war, weil sich meine Schüler für meine historischen Auslassungen nicht interessiert hatten, hab‘ ich schon „mal vom neuen Biedermeier der heutigen Jugend“ gesprochen. Allerdings gibt es ja bereits Zitate aus dem alten Ägypten, dass sich die Jugend für nichts mehr interessiere …

Welches Fazit ließe sich denn ziehen?
Was brachten die 68er dem Land?

Das Jahr 1968 wirkte in Vorarlberg nicht unmittelbar, es war ein längerer Prozess in unserem Land, ein Prozess, der bis weit in die 1970er- und teilweise auch noch bis in die 1980er-Jahre hineinreichte. Die Gründung der Vorarlberger Lehrer-Initiative, die Gründung der Malin-Gesellschaft 1982, die Eröffnung des Studienzentrums Bregenz im selben Jahr, der Einzug der Grünen in den Landtag 1984; all das waren zeitverzögerte Folgen. Im Kulturellen gab es zwar mit Flint I im Jahr 1970 und dem Verbot von Flint II relativ früh einen Aufbruch, fortgesetzt auch mit den Randspielen und den Wälder-Tagen. Doch erst in den 1970ern kam es in Vorarlberg zu einer größeren Bewegung. Auch, weil viele, die 1968 noch an Österreichs Universitäten studiert hatten, ins Land zurückkamen und neue Ideen mitbrachten, ein neues Verständnis. Zwar begegnete die Obrigkeit diesen Rückkehrern mit Misstrauen – Studenten waren dem Establishment schon per se verdächtig –, aber der damals herrschende Lehrermangel hatte die Schulbehörde gezwungen, auch diese Neuen zu nehmen. Und wenn es auch nicht viele waren, so gab es unter ihnen doch eine Handvoll, die sagten: So nicht! Diese Feststellung war der Anfang so mancher Verbesserung, die wir heute als selbstverständlich erachten …

Vielen Dank für das Gespräch! 

08.10.2018

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Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

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