Sabine Barbisch

Zwillingsbrüder in der internationalen Designwelt

Mai 2024

Frank Rettenbacher in Amsterdam; Martin Rettenbacher lebt in Paris. Trotzdem sind die Zwillingsbrüder seit jeher eng verbunden. Ein Gespräch über die gemeinsame Kindheit, ihre individuellen Werdegänge und Parallelen als erfolgreiche Akteure in der internationalen Designszene.

Der 3. November 1979 war ein einschneidender Tag für Familie Rettenbacher aus Hard: Frank und Martin brachten als Zwillinge gleich doppeltes Glück in die Familie. Mit den Geschwistern Eva und Philippe wurden sie groß. „Ich erinnere mich gerne an unsere Kindheit, immer nur im Freien, an der Ache herumstreunen und Fischen im See“, sagt Frank. Und Martin ergänzt: „Eng verbunden teilten wir nicht nur unsere Schulzeit, sondern auch einen Großteil unserer Freizeit.“ Für die Zwillingsbrüder war unter anderem der im Elternhaus nicht existente Fernseher prägend: „So widmeten wir uns anderen Freizeitaktivitäten, viel Sport, Musik, haben immer wieder gerne gebastelt und gezeichnet.“ Nach der Matura trennten sich die Wege der Zwillingsbrüder – zumindest geografisch.

Elektronik, Möbel und Musik
Frank fand im Industrial Design Studium in Graz seine Passion: „Ich wurde ein fanatischer Student, der ohne Pause sieben Tage die Woche mit Formgebung beschäftigt war.“ Der große Traum? „Auto-Designer. Aber nach einem Praktikum bei Audi Design wurde mir bewusst, dass die Welt in Graz zu klein ist, um die großen Träume zu verwirklichen.“ Nach einem halben Jahr war er immer noch begeistert von der Autoschmiede, ein Jobangebot lehnte der junge Mann aber ab: „In Ingoldstadt fand ich zu wenig Inspiration, und mir wurde deutlich, dass eine Stadt mit ihren Menschen mindestens genauso wichtig ist wie die Arbeit.“ Im selben Jahr lernte er seine Partnerin Lisa kennen, die als Jura-Studentin ebenfalls international arbeiten wollte. 2013, nachdem beide ihre Studien abgeschlossen hatten, wanderten sie gemeinsam nach Amsterdam aus. „Ich startete bei Philips Design und Lisa bei Eurojust in Den Haag. Dort arbeiten wir heute noch.“
Die ersten sieben Jahre arbeitete der Harder in Eindhoven bei Philips Design, dann wechselte er innerhalb des Konzerns nach Amsterdam: „Als Creative Director arbeite ich hauptsächlich an der gesamten Produktpalette von Philips Electronics – die reicht vom TV bis zu Kopfhörern. Vor zwei Jahren gründeten wir daneben eine Agentur, um unsere Design-Expertise auch externen Kunden anbieten zu können“, erklärt der Designer. Unter dem Namen „Amsterdam Design Office“ betreuen sie heute Auftraggeber wie Ikea, Saecco oder Gaggia Kaffeemaschinen. Parallel zu seiner Tätigkeit im Tech-Bereich gestaltet der kreative Designer seit gut zehn Jahren auch Möbel unter eigenem Namen. Auch hier sind es große renommierte Marken, mit denen er arbeitet: „Es entstanden schon Produkte für die renommierte Firma Zanotta aus Mailand, derzeit arbeite ich an einem Stuhl mit der Firma Thonet.“ Auch in der Musik lebt er seine Kreativität aus: Seit der Kindheit spielt er Cello und mit „Morba“ hat er Anfang 2024 ein Album mit seinem Freund Bardo Camp veröffentlicht, dass Neoklassik und Elektronik mit Cello und Klavier vereint.

Von gutem Design 
Aus der Perspektive eines so vielfältigen Designers: Was macht gutes Design aus? „Für mich sind es Objekte, die sich keinen kurzlebigen Trends unterwerfen, sondern erst faszinieren und dann im Laufe der Zeit durch ihre ehrliche Formgebung über Jahrzehnte Freude bereiten und sich in jeden Lebensstil einfügen. Und ich versuche möglichst viele qualitative Materialien zu verwenden.“ Deshalb bedauert er, dass im Tech-Bereich oft ein eiliges Erneuern der gesamten Produktpalette bevorzugt werde, „auch wenn die Technologie manchmal wenig Neues zu bieten hat“. Die Möbelbranche sei hier viel entschleunigter und habe längere Entwicklungsprozesse. 
Der 44-Jährige, seine Partnerin Lisa und die Töchter Alma und Mina lieben Amsterdam als „unkomplizierte Familienstadt“: Den Lebensstil der Amsterdamer, und den der vielen Einwanderer, die unterschiedliche Sichtweisen, Kulturen und Sprachen mitgebracht haben. „Und ich mag es, dass alles mit dem fiets, dem Fahrrad, binnen kürzester Zeit erreichbar ist und ich immer das Gefühl habe, Neues entdecken zu können.“ Dennoch kehrt der zweifache Familienvater immer wieder gerne in seine Heimat zurück. „Mir gehen vor allem die Berge ab; das Ötztal, wo unser Vater herkommt und der Bregenzerwald, wo wir jährlich mit der Familie zum Skifahren sind. Dort beeindruckt mich insbesondere die großartige Architektur, die mit der Weite und dem Altbau harmoniert. Dabei fällt mir dann auf, dass wir in Amsterdam gezwungenermaßen auf sehr engem Raum und sehr minimalistisch leben.“
So viel zu Franks Leben in der niederländischen Metropole; zu seinem Zwillingsbruder Martin, der mit seiner Familie in Paris lebt, hält er trotz der geografischen Distanz engen Kontakt: „Wir telefonieren fast täglich und wissen eigentlich immer, wie es dem anderen geht und was wir genau tun. Das ist etwas ganz Besonderes als Zwilling, dass man sich eigentlich nie erklären braucht, sondern der andere sofort merkt, wie man sich fühlt.“ Frank und Martin Rettenbacher besprechen alles untereinander, sei es die Familie, die Kinder oder eben die gemeinsame berufliche Leidenschaft betreffend.

Große Fußstapfen in Paris
Martin Rettenbacher hat nach der Matura den Militärdienst bei der Gardemusik in Wien absolviert. 1999 entschied er sich für den neuen Studiengang Medientechnik an der Fachhochschule Sankt Pölten, „weil es für mich die perfekte Möglichkeit war, mein Interesse für Kreativität und Technologie zu vereinen“. Über ein Praktikum kam er zu „Instant“, einem kleinen Grafikstudio in Wien, später wurde daraus sein erster fester Job. „Wien schien genau das richtige für mich zu sein, und wenn ich nicht 2003 meine Frau Eloïse kennengelernt hätte, wäre ich wahrscheinlich immer noch dort.“ 2007 zog das österreichisch-französische Paar nach Paris. „Ich entschied mich für die Digitalabteilung bei „Grey“, einer großen internationalen Werbeagentur. Aber schon von Wien aus hatte ich die aufkommenden Spezialagenturen beobachtet – AREA 17 stand ganz oben auf meiner Liste. Genauer gesagt war es der Designer Arnaud Mercier von Elixir­studio, der mich nach vielen Diskussionen schließlich als ersten Mitarbeiter einstellte.“ Nun sind es 16 Jahre, die der Wahlfranzose bei der Agentur AREA 17 arbeitet, sein 2011 verstorbener Mentor Arnaud spielt eine große Rolle für ihn: „Er hat mir deutlich gemacht, dass Websites nur mit solider Technik umgesetzt werden können, dass ein Designer ohne technischen Background nur halb so effektiv ist.“ Bis heute verbindet ihn ein täglicher Gedanke mit ihm. „In seine Fußstapfen zu treten war eine enorme Herausforderung“, sagt der einfühlsame Kreative. 

Von der Erfüllung im Beruf
Rettenbacher sagt deshalb, er sei mit der Agentur gewachsen; am Anfang war das Team zu fünft, das Büro in New York noch nicht etabliert. Heute umfasst das internationale Team rund 70 fix Angestellte und ein Netzwerk freier Mitarbeitenden; es gibt Studios in Paris und New York. „Als Group Design Director arbeite ich mit unseren Teams am Design-Prozess und Ergebnis von digitalen Produkten sowie Websites, Design Systems, E-Commerce Shops und Apps.“ 
Wenn seine Frau Eloïse als Flugbegleiterin unterwegs ist, arbeitet Martin auch mal im Homeoffice, um für die gemeinsamen Söhne Oscar und Eliott da zu sein. „Ansonsten bin ich lieber im Büro: Ich liebe es unter Leuten zu sein, meine Teams zu sehen und Kundenmeetings persönlich abzuhalten. Ein perfekter Arbeitstag beginnt für mich immer mit einem Meeting in einem Pariser Coffeeshop.“ 
Die Vielfalt der Projekte und die Möglichkeit, seine Kreativität auszuleben, begeistern Rettenbacher an seinem Job. „Außerdem ist es erfüllend, Projekte zu begleiten, die Kunst und Kultur zugänglicher machen und mit prestigeträchtigen Marken und Unternehmen zusammenzuarbeiten.“ AREA 17 hat speziell im Kunst- und Kulturbereich einen großen Namen: die Teams haben große Webprojekte für Institutionen wie das Getty Museum in Los Angeles, das Museum of Modern Art in Chicago oder die Fondation Louis Vuitton in Paris realisiert. „Aber auch kleinere Projekte, wie die neue Website des Archivmuseums für den französischen Musiker Serge Gainsbourg machen uns Freude.“ Daneben haben sie mit Tech-Giganten wie Apple, Google oder Facebook zusammengearbeitet. Eines seiner bisherigen Karriere-Highlights war das halbe Jahr, das er 2014 mit seiner Familie in San Francisco verbrachte, als er ein Projekt für Apple in Cupertino leitete. Erst jüngst kamen neue Kunden wie Balenciaga, Saint Laurent und Celine aus dem Luxussegment dazu. „Aktuell haben wir viele Anfragen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Das liegt wohl daran, dass wir vergangenes Jahr die Website für unseren in Kalifornien ansässigen Kunden – OpenAI – gelauncht haben“, lacht der Agentur-Direktor und sieht die rasante Entwicklung der Technologie mit Spannung, aber eben auch als Herausforderung.
Das bringt mit sich, dass so ziemlich alles digital passiert. „Diese übermäßige Zeit am Bildschirm und die Möglichkeit praktisch von überall arbeiten zu können, sehe ich als Vor- und Nachteil meines Jobs“, reflektiert Martin. Und es stelle ihn vor die Aufgabe, seinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein; als Ausgleich versucht er mehr Sport zu machen – und auch die beiden Söhne damit vom Bildschirm wegzulocken. „Daneben faszinieren mich die Schönheit der Pariser Architektur und das reichhaltige Kulturangebot.“ Martin Rettenbacher empfindet es als Bereicherung, am Puls der Zeit zu sein, im Zentrum von Kunst und Kultur zu leben. „Allerdings ist es mit den Kindern eine Herausforderung geworden und wir stellen Paris als die Stadt unserer Zukunft mehr und mehr in Frage.“ Ihr Traum wäre ein Haus mit kleinem Garten, idealerweise noch in Fahrraddistanz zum Zentrum. 
Die Zwillingsbrüder Martin und Frank sagen, sie haben sich immer ein wenig durch das Schicksal leiten lassen: „Manchmal träumen wir noch von einem gemeinsamen Designstudio zwischen Amsterdam und Paris, außerhalb der großen Firmen, für die wir arbeiten. Da könnten wir unsere Ideen verstärken und etwas ganz Eigenständiges entwickeln.“

Frank Rettenbacher

*3.11.1979, ist in Hard aufgewachsen. Nach der Matura am Gymnasium Gallusstraße studierte er Industrial Design an der Fachhochschule Joanneum in Graz. Seit 20 Jahren verantwortet er das Design aller Philips TV- und Audio-Produkte. Parallel dazu ist er Kreativdirektor bei A.D.O. (Amsterdam Design Office). Mit seiner Partnerin Lisa und den Töchtern Alma (13) und Mina (10) lebt er in Amsterdam.

Martin Rettenbacher

*3.11.1979, verbrachte seine Kindheit ebenfalls in Hard und maturierte wie sein Zwillingsbruder in der Gallusstraße. Das Studium der Medientechnik brachte ihn an die FH St. Pölten, drei Jahre als Designer folgten in Wien, bevor er nach Paris zog. Seit 2007 ist er Group Design Direktor bei AREA 17. Im Osten von Paris lebt er mit seiner Frau Eloïse und den Söhnen Oscar (13) und Eliott (10). 

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