
Christoph Nussbaumer „Als Designer arbeitet man immer und nie“
Nach Novellara, eine Kleinstadt in der italienischen Region Emilia-Romagna, hat es den Dornbirner Christoph Nussbaumer der Liebe wegen verschlagen: der Liebe zu seiner Frau und jener zum designaffinen Italien. Seit 1997 betreibt er dort in einem 120 Jahre alten Landhaus seine eigene Agentur und geht über die Grenzen des Produktdesigns hinaus.
Nachdem er sich als Jugendlicher verletzt hatte und eine bis dahin mit viel Passion und Ehrgeiz angestrebte Karriere als Skirennläufer nicht mehr möglich war, fand Christoph Nussbaumer schnell sein zweites Standbein. Bei der Druckerei Höfle in Dornbirn absolvierte er eine Lehre als Grafiker, denn schon als Kind faszinierte ihn das Zeichnen und kreative Gestalten, das er in der Spenglerei seiner Familie voll ausleben konnte. Schon in der Lehrzeit gefiel dem gebürtigen Dornbirner der Gedanke eines Studiums. Der ideale Ort, der Universität und seine Leidenschaft für Design verband, war die „Scuola Politecnica di Design“ in Mailand. Die Zeit in der Designmetropole Italiens prägte ihn so sehr, dass es den jungen Kreativen nach dem absolvierten Militärdienst in Vorarlberg und Jobs in renommierten Architektur- und Gestaltungsbüros in Salzburg und Vorarlberg, zurück nach Italien zog. „Vorarlberg war ohne die EU abgeschottet vom internationalen Markt und für mich und meine Perspektiven als Industriedesigner nicht der Nabel der Design-Welt. Die Vorarlberger Industrie war sehr auf Technik fokussiert und im B to B tätig. Endverbraucher und Lifestyle-Produkte waren kein großes Thema“, umreißt Nussbaumer seine Beweggründe, 1994 ins designaffine Italien zurückzukehren. In Mailand arbeitete er drei Jahre lang für die Italien-Niederlassung einer US-amerikanischen Industriedesign-Agentur, deren Portfolio anfänglich sehr medizinlastig war. Nach und nach kam, vor allem durch sein persönliches Engagement und seine Leidenschaft für das Thema, der Sportbereich dazu. „Das Büro wuchs in kurzer Zeit von zehn auf vierzig Mitarbeiter, meine Verantwortung wuchs stetig und die Fluktuationsrate war so hoch, dass ich bei jedem Projekt mit einem anderen Team arbeiten musste“ – für den gebürtigen Dornbirner waren das die ausschlaggebenden Faktoren, ein eigenes Büro mit einer anderen Ausrichtung zu gründen: „Seit 1997 besteht die Nussbaumer Design SAS in Novellara. Mein Wunsch war es von Anfang an, über längere Zeit mit meinen Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und vor allem weg von einem Alltag als Bürohengst zu kommen: Wir entwickeln und gestalten Produkte, die ausprobiert werden müssen, um ein exzellentes Ergebnis zu erreichen. Ob Skier, Tourenschuhe, Gartengeräte oder Lawinenrettungssysteme – wir gehen hinaus und testen unsere Entwürfe unter realen Bedingungen.“
Weit mehr als ein klassischer Gestalter
Die Ausgangslage im norditalienischen Novellara ist dafür perfekt: „Wir sind in der Umgebung der wichtigen Städte Modena, Parma, Reggio Emilia und der Millionenstadt Bologna angesiedelt. Der Po ist nahe, genauso wie die italienischen Voralpen und die Apenninen, und in etwas mehr als einer Stunde sind wir am Meer. Marken wie Ferrari und Ducati haben in der Region genauso ihren Sitz wie luxuriöse Modehäuser und die Fliesenindustrie.“ Diese unternehmerische Vielfalt und wirtschaftliche Stärke bedeutet vor allem viel Dynamik, weiß der Industriedesigner: „In Österreich und Deutschland wird innerhalb der Betriebe sehr viel selbst gemacht, hier in Italien gibt es viele kleine Firmen, die zusammenarbeiten und in ihren Nischen Spezialisten sind. Das führt zu einem fruchtbaren Austausch zwischen den Branchen.“ Auch er selbst praktiziert diese Arbeitsweise: Zu seinem Team gehören vier bis fünf fixe Mitarbeiter. Zusammen betreuen sie an die vierzig fixe Kunden, darunter Atomic, Pieps, Scarpa, S.I.E., Alpina, Uvex Helme und Gantner Electronic. Aber auch Küchen, Fahrradsattel, Gartenutensilien und Geldbörsen werden gestaltet, meist in enger Zusammenarbeit mit den Stammmitarbeitern der einzelnen Firmen. „Wir sind keine klassischen Gestalter, sondern schaffen konzeptionelle, aber umsetzbare Designs“, gibt der Wahlitaliener einen Einblick in seine Philosophie und erklärt die Arbeitsweise seines Teams: „Viele unserer langjährigen Kunden haben selbst Designer im Haus, wir übernehmen alles, was in einem Gestaltungsprozess komplizierter und schwieriger ist, machen also die ganze Vorarbeit, wie zum Beispiel das Potenzial neuer Technologien und Lieferanten, aber auch den Markenaufbau, die Produktstrategie oder das Gestalten und Testen von Modellen und Prototypen bieten wir an.“ Je nach Produkt und Bedarf werden dann auch technische Berater, mit denen Nussbaumer in Italien, Tirol und Deutschland Kooperationen pflegt, hinzugezogen. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf Produkten, bei denen der Endverbraucher im Mittelpunkt steht. Deshalb werden von ihm gestaltete Skischuhe, Helme oder Arbeitsbekleidungen besonders in Hinblick auf die Ergonomie und das Gewicht optimiert. „Ich hatte schon als Kind großes Vergnügen daran, Objekte auseinanderzubauen und dann schneller und leichter wieder zusammenzufügen. Das ist auch heute meine Mission – vor allem im Bergsport. Beim Design eines Skischuhs sind wir bei einem Gewicht von über zwei Kilogramm gestartet, heute hat er gerade noch 600 Gramm – das ist unsere Spezialität: Ohne die Ergonomie oder die biomechanische Qualität leiden zu lassen, ein Produkt bis auf die Spitze der Leichtigkeit zu bringen.“
Ein altes Landhaus mit Werkstatt
Christoph Nussbaumer spricht von seinem Büro als „strategische Designagentur“ und will sich trotz der durch Ästhetik bestechenden Produkte nicht als Hochglanz-Agentur verstanden wissen: „Die handwerkliche Arbeit an einem Modell ist mir wichtig. Deshalb habe ich in meinem Studio auch eine Modellbauwerkstatt inklusive 3D-Drucker, in der wir allerhand ausprobieren können.“ Diese befindet sich in einem 120 Jahre alten Landhaus der Großeltern seiner italienischen Frau und wird nicht nur von ihm und seinem Team genutzt: „Unsere Söhne sind 16 und 14 Jahre alt, der Ältere besucht die Oberstufe mit dem Schwerpunkt Design und Möbelbau. Indem er seine Hausaufgaben bei uns in der Werkstatt macht, lernt er vieles auch außerhalb der Schule, weil er uns bei der Arbeit über die Schulter schaut und Ratschläge einholt.“ Auch der jüngere Sohn strebt eine kreative Karriere an, er besucht eine Schule mit dem Fokus auf Multimediagestaltung. Privates und Berufliches ist bei Familie Nussbaumer generell nicht kategorisch getrennt, denn Wohnhaus und Designagentur sind unter demselben Dach beherbergt. „Ich habe mir das für meine Kinder so gewünscht, dass sie, wie ich in der Spenglerei meines Vaters, in einem Haus mit angeschlossener Werkstatt aufwachsen können – hier in Novellara hat sich dieser Traum erfüllt.“
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