Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Und dann verstehe ich jeden Unternehmer“

Februar 2025

Georg Jungwirth (60), Professor an der Fachhochschule Campus 02 in Graz, erforscht seit knapp zwei Jahrzehnten Österreichs Hidden Champions. Im Interview sagt Jungwirth, dass die Hilfeschreie aus der Industrie, und nicht nur aus der mittelständischen Industrie, berechtigt sind. Ein Gespräch über Produktionsverlagerungen ins Ausland, den Verlust von Marktanteilen – und dringende Forderungen an die Politik.

Herr Professor Jungwirth, Österreichs Hidden Champions wurden auch schon als stille Architekten unseres Wohlstands bezeichnet. Ein guter Ausdruck?
Ja. Das ist ein guter Ausdruck. Diese mittelständischen Welt- und Europamarktführer sind von enormer Bedeutung, weil sie selbst viele Menschen beschäftigen und attraktive Arbeitsplätze bieten, weil hinter ihnen aber auch viele regionale Zulieferbetriebe stehen. Gerade in Krisenzeiten wie diesen sind starke, verlässliche Auftraggeber, die ihren Zulieferern trotz allem eine gewisse Grundauslastung garantieren, von immenser Bedeutung. Die Hidden Champions sind für einen erheblichen Anteil an regionaler Wertschöpfung verantwortlich. Ein österreichischer Hidden Champion erwirtschaftet im Durchschnitt übrigens 85 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt im Schnitt 463 Mitarbeiter.

Kurz zur ökonomischen Begriffserklärung: Was sind Hidden Champions? 
Ein Hidden Champion ist ein in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekanntes mittelständisches Unternehmen, das am Weltmarkt eine führende Position einnimmt, dessen Jahresumsatz 300 Millionen Euro allerdings nicht überschreitet. Liegt ein Unternehmen über dieser Grenze, führen wir es nicht mehr als Hidden Champion, sondern als großen österreichischen Weltmarktführer. In Vorarlberg gibt es laut unserer Datenbank sieben große Welt- und Europamarktführer und 18 mittelständische Hidden Champions. Das ist für ein kleines Bundesland eine erstaunliche Anzahl, erklärbar unter anderem mit der geografischen Lage, aber auch mit der langen industriellen Tradition, die es in Vorarlberg gibt.

Sie hüten diese Liste. Leider. Aber ließen sich an dieser Stelle zwei dieser Vorarlberger Hidden Champions etwas näher beschreiben?
Gerne. Ich nenne stellvertretend die Baur GmbH. Dieser Hidden Champion ist Experte in der Hochspannungsprüf- und Messtechnik und entwickelt Geräte für die Kabelprüfung, Fehlerortung und Diagnose. Das Unternehmen aus Sulz ist Weltmarktführer im Bereich Ölprüfgeräte für Transformatoren und zählt die meisten Energieversorger der Welt zu seinen Kunden. Die WolfVision GmbH, ein Unternehmen aus Klaus, ist wiederum ein weltweit führender Entwickler und Produzent von innovativen Systemen zur effizienten Wissensvermittlung. Ihre leistungsstarken Dokumentenkamerasysteme finden global Anwendung in führenden Universitäten und Bildungseinrichtungen über Konferenzräume von Unternehmen bis hin zu Gerichtssälen für die digitale Aufnahme von Beweismitteln und Zeugenaussagen.

Sie sprachen eingangs von Krisenzeiten.
Die Wirtschaftslage ist ernst, der Standort unter Druck, die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr. 
Sagen wir es doch, wie es ist: Die österreichischen Industrie-Unternehmen haben derzeit mit Rahmenbedingungen zu kämpfen, die es alles andere als einfach machen. Die Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre waren extrem hoch, die Energiepreise sind in Österreich wesentlich höher als in Ländern, aus denen viele der Mitbewerber stammen. Nicht ohne Grund weisen seit Monaten Vertreter der Industrie, sei es der IV-Präsident Georg Knill oder andere, immer und immer wieder darauf hin, dass die Politik endlich handeln muss. Sie muss jene Voraussetzungen schaffen, mit denen die österreichischen Industriebetriebe, und das betrifft natürlich auch die mittelständischen Weltmarktführer, wieder wettbewerbsfähig sein können. Das ist einfach ein Faktum. 

Sie führen regelmäßig Gespräche mit Unternehmern, mit Hidden Champions …
Ja. Und aus diesen Gesprächen weiß ich, dass der Gegenwind auf den internationalen Märkten derzeit heftig ist. Und ich will nicht verhehlen, dass es doch den einen oder anderen Hidden Champion gibt, der angesichts dieser aktuellen Rahmenbedingungen im Moment gerade einmal eine schwarze Null schreibt oder sogar im Minus ist, und das trotz einer auf dem Weltmarkt führenden Position. Man muss sich um die meisten dieser Hidden Champions keine unmittelbaren Sorgen machen, weil die Eigenkapitalausstattung eine sehr, sehr gute ist. Aber das ist nur ein schwacher Trost. Die berechtigten Hilfeschreie aus der Industrie, und nicht nur aus der mittelständischen Industrie, sind nicht zu überhören.

Einige der Probleme, von denen Sie zuvor sprachen, sind hausgemacht, andere wiederum international, geopolitisch bedingt.
Ja. Man muss aber auch zugeben, dass wir viele Jahre von Energiepreisen profitiert haben, die zum Teil niedriger waren als in anderen Ländern. Nun haben wir andere Bezugsquellen, aber die sind deutlich teurer. Und Russland exportiert seine Energie nun eben in andere Teile der Welt, nach Indien, nach China, und in sonstige Länder, in denen es keinerlei moralische Bedenken gibt, billige Energie eines Kriegstreiberlandes zu nehmen. Auch schaut man gebannt in die USA. Was sieht Präsident Trump an Zöllen oder sonstigen Hemmnissen vor? Es haben zwar etliche österreichische Industriebetriebe, auch mittelständische Hidden Champions, Niederlassungen in den USA und sind von der Zoll-Thematik weniger betroffen. Aber insgesamt kann man nur hoffen, dass Trump in alle Richtungen schießen wird, sprich von vielen Ländern hohe Zölle verlangen wird. Wären davon bestimmte Länder nicht betroffen, wäre das eine weitere Form der Wettbewerbsungleichheit. Zudem kämpft die deutsche Wirtschaft, allen voran die deutsche Automobilindustrie. Da können Zulieferer aus Österreich noch so hochqualitative Produkte anbieten, die Autobauer ordern bei weitem nicht mehr in dem Ausmaß der Boom-Jahre. Aber was die von Ihnen angesprochenen hausgemachten Probleme betrifft …

Ja, bitte?
Wie viel von den hohen Lohnabschlüssen der vergangenen Jahre auf politische Fehler zurückzuführen ist, ob man gegen die hohe Inflation nicht besser hätte gegensteuern können, darüber kann man trefflich streiten. Ich enthalte mich da der Stimme. Ich sage nur: Es hätte Vorschläge gegeben. Man kann es den Gewerkschaften auch nur bedingt verübeln, dass sie entsprechende Lohnabschlüsse haben wollten. Aber das macht den Wettbewerb auf den internationalen Märkten nicht einfacher. Die Konkurrenz in anderen, auch europäischen Ländern hat nicht mit sieben- bis teilweise gar zehnprozentigen Lohnerhöhungen zu kämpfen, sondern nur mit zwei- bis dreiprozentigen Steigerungsquoten. 

Es gibt auch Länder mit deutlich weniger Bürokratie.
Da haben Sie natürlich völlig recht. Auch das ist zu berücksichtigen. Es gibt sehr viele Länder, in denen sich dort tätige Unternehmer deutlich leichter tun. Und es ist fatal, wenn diese Unternehmen dann auch noch Konkurrenten österreichischer Betriebe sind.

Wird unternehmerisches Handeln immer noch schwerer gemacht?
Im Moment ist es wirklich nicht einfach, das muss man ganz klar sagen. Selbst, wenn man exzellente, hochqualitative, innovative Produkte hat und das haben die großen Weltmarktführer und Hidden Champions aus Österreich definitiv. Aber sie agieren auf den Weltmärkten im Vergleich zu Mitbewerben aus vielen anderen Ländern schon immer preislich in der Oberliga. Und wenn man jetzt noch teurer werden muss, aufgrund der zuvor genannten Erschwernisse? Dann wird möglicherweise der eine oder andere internationale Kunde zwar nach wie vor die Qualität der österreichischen Produkte schätzen, aber letztlich sagen: ,Ich war früher schon bereit, mehr zu zahlen. Aber jetzt ist mir der Abstand zu den wesentlich billigeren Preisen eurer Mitbewerber endgültig zu groß‘. Diese Gefahr besteht, sie ist real. Die aktuellen Rahmenbedingungen erschweren es den hiesigen Marktführern, ihren Marktanteil zu halten. Nicht unerwähnt bleiben sollten an dieser Stelle auch die im internationalen Vergleich extrem hohen Lohnnebenkosten.

Ist die Befürchtung, dass Österreichs Unternehmen ihre Produktion zunehmend ins billigere Ausland verlagern, eine reale? 
Das ist teilweise ja jetzt schon der Fall. Der eine oder andere große österreichische Weltmarktführer oder Hidden Champion hat bereits verlängerte Werkbänke in europäischen Billiglohnländern, in der Slowakei, in Ungarn, am Balkan. Die Gefahr weiterer Abwanderung ist real: Industrie-Vertreter haben immer und immer wieder betont, man müsse angesichts der Situation nachdenken, ob Investitionen in Österreich überhaupt noch Sinn machen, oder ob man Produktionskapazitäten in andere Länder mit besseren Gegebenheiten verlagern soll. Das ist zwar ein Gedanke, der vielen widerstrebt, ich weiß aus Gesprächen, dass viele Unternehmen eigentlich nicht im Ausland produzieren wollen, sondern die Produktionskapazitäten hier in Österreich halten möchten. Aber wenn man gezwungen ist, zu reagieren, um die Zukunft des Unternehmens sicherstellen zu können? Dann verstehe ich jeden Unternehmer, der in so einem Fall Produktionskapazitäten in andere Länder verlagert. Das wird mit Sicherheit eine der möglichen Strategien sein, um erfolgreich überleben zu können.

Umso wichtiger wäre es, dass die künftige Bundesregierung diese Dimension des Problems endlich erkennt und auch entsprechend handelt.
Das hoffen sehr, sehr viele. Wir haben in Österreich großartige, exzellente Unternehmen. Aber die haben es angesichts der schlechten Rahmenbedingungen sehr schwer, sie kämpfen auf den Weltmärkten um ihre führenden Positionen. Und manche von ihnen werden Marktanteile verlieren und damit in ein, zwei Jahren nicht mehr in einer weltführenden Position sein, sondern nur noch an zweiter oder dritter Position liegen. Und es widerspricht ihrer Philosophie, den vordersten Platz, den sie sich Jahre zuvor gegen ihre Mitbewerber aus anderen Ländern erkämpft haben, kampflos aufzugeben. Sie brauchen für ihre Wettbewerbsfähigkeit vernünftige Lohnabschlüsse, sie brauchen niedrigere Energiekosten, niedrigere Lohnnebenkosten und weniger Bürokratie. Österreichs große und mittelständische Unternehmen sehnen sich danach, dass die Politik endlich wieder jenen Rahmen schafft, der ihnen das erfolgreiche Agieren auf den Weltmärkten erleichtert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Georg Jungwirth 
*1964 in Graz, ist Professor an der Grazer Fachhochschule CAMPUS 02. Er lehrt und forscht dort am Department Marketing & Sales. Sein Forschungsschwerpunkt sind seit 2007 die Strategien und Erfolgsfaktoren der mittelständischen Welt- und Europamarktführer aus Österreich, der sogenannten Hidden Champions.

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