Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Jeder Bau wirkt auf den öffentlichen Raum“

Februar 2026

Die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs (ZV) ist eine Interessenvertretung der österreichischen Architekten, die in Landesverbänden organisiert ist. Der Bregenzer Architekt Christian Matt ist Präsident der ZV Vorarlberg. Im Interview spricht Matt über den Bauherrenpreis, über besondere Projekte und über die Verantwortung, die jeder einzelne Bauherr hat. Matt sagt: „Architektur ist immer dann gut, wenn sie souverän ist.“

Herr Matt, das von Ihnen entworfene VLV-Gebäude in Bregenz wurde jüngst für den renommiertesten europäischen Architekturpreis nominiert, den Mies van der Rohe Preis. 
Wir sind in der ersten Runde dabei, schauen wir, ob wir weiterkommen.

Das klingt recht bescheiden. Freut Sie die Nominierung denn nicht?
Natürlich freut es. Auch deswegen, weil der Mies van der Rohe Preis auf all das Rücksicht nimmt, was aktuell in der Architektur diskutiert wird: Gesellschaftliche Themen, Verantwortungen, Nachhaltigkeit, Energie, Ästhetik. Es geht bei diesem Preis auch ausdrücklich um die Berücksichtigung des kulturellen Verständnisses vor Ort. Die muss gegeben sein. Es geht um die Frage, wie man mit der jeweiligen Baukultur umgeht. Man baut ja in Südspanien anders als in Norwegen anders als in Vorarlberg. Jede Gesellschaft hat andere kulturelle und damit auch andere baukulturelle Ankerpunkte.

Um solche Ankerpunkte geht es wohl auch beim alljährlich von der ZV vergebenen Bauherrenpreis. Das ist wiederum der einzige Preis in Österreich, der per Eigendefinition „eine erweiterte Sicht auf Architektur“ explizit einfordert. Was ist damit gemeint?
Jeder Bau wirkt auf den öffentlichen Raum. Bauen ist ein kultureller Akt. Und wer baut, muss sich dieser Verantwortung bewusst sein. Das sind sich die meisten aber nicht mehr. Umso wichtiger ist es, mit dem Bauherrn oder der Bauherrin in einen Dialog über das Thema Baukultur zu kommen. Denn erst aus diesem Dialog heraus entsteht Architektur. 

Und der Bauherrenpreis …
Der Bauherrenpreis dient dazu, das entsprechende Verständnis zu vermitteln. Es gibt geschätzt hunderte Architektenpreise in Europa. Aber nur der Bauherrenpreis würdigt den Auftraggeber, der Kosten und Verantwortung übernimmt, um der Allgemeinheit etwas zurückzugeben. Mit diesem Preis wird der Bauherr für seinen Einsatz im Sinne der Baukultur, im Sinne des öffentlichen Raums, im Sinne des Gemeinwohls honoriert.

Der Preis honoriert den Bauherren. Ist er für einen Architekten dennoch erstrebenswert? 
Unbedingt. Wer Architektur als solipsistisches Genre betrachtet, als unabhängig von allem und nur auf sich allein gestellt, ist auf dem falschen Weg. Denn Architektur ist eine Profession, die in meinen Augen besonders stark auf Dialog mit allen Projektbeteiligten setzen muss. Ich bin ein absoluter Fan jeglicher dialogischer Verfahren. Es braucht den Dialog. Auch wenn er konfliktreich und emotional sein kann. Ich habe oftmals erlebt, wie man sich gestritten und zusammengerauft hat, und wieder und wieder, bis dann schließlich beide eine Freude mit dem Ergebnis hatten, der Architekt und der Bauherr. 

Sie sagten, es brauche den Dialog. Um den Blick des Bauherrn entsprechend zu weiten? 
Absolut. Man hat den Blick zu weiten. Man darf auch nicht zu früh abbrechen, nicht zu früh zufrieden sein. Aber man sollte nicht nach einem Ideal streben, das sage ich auch immer.

Warum nicht?
Das Ideal ist die Rache des Intellekts, an der Architektur und an vielen Dingen. Das Ideal ist eigentlich reaktionär und stört unser Empfindungsvermögen. Und dort, wo Idealisten plädieren, sind Scheinheilige meistens nicht weit. Und die Crux ist, dass wir in Zeiten leben, in denen mehr geglaubt denn tatsächlich gewusst wird und zunehmend mehr Menschen in ihren eigenen Blasen leben. Aber wenn es gelingt, Bauherren klarzumachen, dass Bauen ein kultureller Akt ist und mit dem Bauen auch gesellschaftliche Verantwortung einhergeht und er damit auch neue und andere Perspektiven einnimmt, dann ist viel gewonnen. Dann ist sogar unheimlich viel gewonnen. 

Sie sprechen von verschiedenen Perspektiven, auch von gesellschaftlichen Wirkungen. Dabei wird Architektur vielfach nur auf die Ästhetik des jeweiligen Gebäudes reduziert.
Der Architekt wird in der Komplexität seiner Aufgabe oft nicht richtig wahrgenommen. Man sieht den Architekten eher als jemanden, der ohne Kontakt zur Außenwelt in seinem Büro vor sich hin werkt. Dabei ist der Architekt einer der letzten Universalisten, die es in dieser Welt noch gibt. 

Einer der letzten Universalisten? 
Wenn ein Architekt eine Oper plant, muss er sich zwingend mit Musik und Akustik auseinandersetzen. Wenn ein Architekt eine Metzgerei plant, muss er wissen, wie man schlachtet, wie man Fleisch kühlt, wie man eine Wurst macht, wie also alles funktioniert. Und die Theke, an der der Metzger schließlich verkauft, die muss zusammen mit dem Haus qualitäts- und anspruchsvoll, schlichtweg schön sein. Ebendiese Komplexität der Aufgabe wird in der Gesellschaft nicht gesehen. Bis auf das Schlussbild, das wir im Kopf haben, sind wir Architekten eigentlich Koordinatoren, die versuchen, Wissen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen zusammenzuführen. Und ganz oben steht die Aufgabe, den Bauherren für diese Komplexität und für seine Verantwortung zu öffnen. Das ist mitunter schwierig.

Versteht sich die Auszeichnung auch als Ermunterung, Ungewöhnliches zu wagen?
Es ist keine Anleitung oder eine Ermunterung zum Ungewöhnlichen. Es sollte eher eine Anleitung sein, sich bewusst um Architektur in Bezug auf öffentliche Agenden zu konzentrieren. Ob das Gebäude danach ungewöhnlich ist oder gewöhnlich, das sind Begriffe, mit denen ich mir schwertue. Wir müssen jenen die Türen öffnen, die bisher keinen Zugang hatten. Dass sie sich bewusst sind, was sie jetzt machen und warum sie das machen. Und wenn das gelingt, dann gelingt meistens auch ein hervorragendes Gebäude. Wie beispielsweise das Museum Bezau von Museumsverein Bezau und Innauer Matt Architekten, das erst vor wenigen Wochen mit dem Bauherrenpreis 2025 ausgezeichnet wurde. Das war ein kleines Projekt, initiiert von einem kleinen Verein, dessen erklärtes Ziel es war, das kulturelle Erbe zu erhalten. Die Vereinsmitglieder hatten das Bewusstsein, dass das, was sie da tun, für die Gesellschaft und die nächste Generation sehr wichtig ist. 

2024 ging der Bauherren-Preis an Haberkorn, was war in Ihren Augen das Auszeichnungswürdige an diesem Projekt?
Haberkorn wollte eine Büroerweiterung und hatte sich deshalb Gedanken über einen Neubau samt Abriss des Bestehenden gemacht. Und dann trat er mit den NONA-Architektinnen in einen Dialog. Und dieser Dialog führte dazu, dass in dem Bestandsgebäude letztlich eine sehr intelligente Büroerweiterung errichtet wurde, indem eine Holzkonstruktion in die bestehende Halle eingesetzt wurde. Es ist ein hervorragendes Projekt. Die Interaktion zwischen den Beteiligten, der Dialog, führte letztlich zu diesem Projekt. Und es ist wunderbar, dass der Bauherr diesen Schritt gewagt hat. Wäre da eine andere Riege am Werk gewesen, hätte man womöglich die alte Halle abgerissen. So aber funktioniert die Nachnutzung hervorragend, gleichzeitig wurde wirklich nachhaltig-ökologisch agiert. Dieser Bauherr war sich wirklich seines Handelns bewusst. 

Wird Nachnutzung zu einem immer wichtigeren Zweig in der Architektur?
In Vorarlberg gibt es einige Beispiele guter Nachnutzungen, in Feldkirch oder Dornbirn oder am ehemaligen Maggi-Areal in Bregenz. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass Nachnutzungen nur in großen Agglomerationen ein wirkliches Thema sind. In deutschen Innenstädten stehen sehr viele ehemals große Kaufhäuser still. Sie funktionieren nicht mehr. In diesen Gebäuden steckt derart viel graue Energie, also gebundene Energie, dass Nachnutzung eigentlich ein Gebot der Stunde ist. Allerdings ist es auch wichtig, eines zu verstehen: Es kann nicht alles erhalten werden. Es soll auch gar nicht alles erhalten werden.

Das sagen Sie jetzt mit Blick auf Vorarlberg.
Denken Sie an eines dieser Einfamilienhäuser aus den 1950er Jahren. Mit seinen schlechten technischen Werten. Macht es Sinn, solche Häuser zu erhalten? Haben solche Häuser einen technischen Wert? Einen baukulturellen Wert? Man muss sich eingestehen, dass es viele Gebäude gibt, die einfach nicht erhaltenswürdig sind. Neben der Baukultur gibt es auch eine alltägliche Bauproduktion. Und diese alltägliche Bauproduktion ist im Land recht fleißig …

Das haben Sie jetzt aber nett formuliert.
Ich versuche ja auch, mich nett auszudrücken (lacht). Aber: Sollen wir denn all die Fehler der vergangenen Jahrzehnte stehenlassen, nur weil wir heute CO2 einsparen wollen? Dieser Spargedanke ist gut und wichtig, bleibt aber eine von vielen Binnenaufgaben der Architektur. Zuerst immer über das Falsche schimpfen, und dann das Falsche erhalten? Das geht ja auch nicht. Wir wollen ein möglichst hochwertiges baukulturelles Zusammenleben, aber in dem Sinn, dass wir den öffentlichen Raum stärken, dass wir das Gemeinwohl stärken.
Was würden Sie mit der Südtiroler Siedlung machen?
(längere Pause) Weiß ich nicht. Mir wurde das so dargestellt: Wenn die gemeinnützigen Wohnungen nach den derzeit geltenden Richtlinien saniert werden sollen, was beispielsweise Wärme- oder Schallschutz betrifft, dann ist der Erhalt dieser Gebäude eigentlich nicht finanzierbar. Wird trotzdem saniert, ist der finanzielle Aufwand derart hoch, dass anschließend nicht mehr zu jenen garantierten Mieten vermietet werden kann, die der gemeinnützige integrative Wohnbau ja halten soll. Das geht sich nicht aus. 

Ergo?
Ergo bräuchte es andere Förderkriterien, andere Regulative, andere Instrumente. Man könnte einen Prototypen nehmen und untersuchen, was wirklich möglich ist. Das ist die eine Seite. 

Und die andere? 
Ich bin mehrmals durch diese Südtiroler-Siedlungen gegangen, und was mich sowohl architektonisch als auch emotional berührt hat, ist die Qualität der Freiräume und die Qualität der Häuser, wie sie zueinanderstehen. Natürlich kann man auch eine andere Perspektive einnehmen und sagen: Das wurde in der NS-Zeit gebaut. Das ist eine Nazi-Siedlung. Die muss man nicht erhalten. Aber trotzdem sind diese Siedlungen baukulturelles Erbe. Die Struktur war schon damals relativ intelligent. Und diese Durchlässigkeit zwischen den Häusern lässt einen fast schon unglaublichen demokratischen Raum in den Siedlungen entstehen. Kann man diese Qualität unter den eingangs genannten Aspekten erhalten, wird es interessant. Aber von der pekuniären und der technischen Seite kann ich das nicht beurteilen, das müssen andere entscheiden …

Noch ein anderes Thema. Die IV hat den Gestaltungsbeiräten den Kampf angesagt, hat Qualifikation, Nutzen und Rolle massiv in Frage gestellt, wie argumentiert man da? 
Die Frage ist, ob diejenigen, die das geschrieben haben oder formuliert haben, sich dessen bewusst sind, was wir eigentlich vermitteln wollen und was wir in unserem Gespräch heute besprochen haben: Dass eben der Dialog der Beteiligten so wichtig ist. Diesen Dialog hat es in dieser Causa nicht gegeben. Wir werden ihn suchen, wir werden uns zusammensetzen.

Folgende Frage ist vermutlich schwierig zu beantworten, wir stellen sie trotzdem: Was ist in Ihren Augen gute Architektur?
Ich kann nur eines sagen: Architektur ist immer dann gut, wenn sie souverän ist.

Und mit souverän meinen Sie?
Wenn sie den Hintergrund hat, über den wir gesprochen haben. Dann ist sie souverän, weil sie all diese Aspekte mitberücksichtigt hat. Und wenn ich sie fast nicht mehr erklären muss, dann ist sie auch souverän. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Christian Matt , *1961 in Bregenz, Studium an der TU Wien. 1993 Diplom bei Prof. DI Helmut Richter. 1995 Projektleiter bei Jean Nouvel in Paris. 1997 bis 2000 Projektpartnerschaft mit Ateliers Jean Nouvel/Paris. 1997 Dorner\Matt gemeinsam mit Markus Dorner. Seit 2023 Präsident der Zentralvereinigung der Architekten Vorarlberg.

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