Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

Die Welt im Wandel – warum die Wirtschaft nervös ist

April 2026

Die Weltwirtschaft wirkt derzeit wie ein System im Dauer-Alarmmodus. Zinsen, Inflation, geopolitische Konflikte und schwankende Rohstoffpreise sorgen für Unsicherheit. Und genau diese Unsicherheit ist laut Martin Jäger, Vorstand der Dornbirner Sparkasse, aktuell der entscheidende Belastungsfaktor. Es ist weniger eine einzelne Krise als vielmehr die Gleichzeitigkeit mehrerer Risiken, die das wirtschaftliche Umfeld so schwer kalkulierbar macht.

Im Moment ist alles wieder sehr vorsichtig und abwartend. Jeder ist verunsichert, was eigentlich als Nächstes passiert“, beschreibt Jäger die Stimmung in der Wirtschaft. Prognosen seien derzeit kaum möglich, weil politische und wirtschaftliche Entwicklungen innerhalb weniger Tage die Richtung verändern können. „Die Weltwirtschaft hängt aktuell an einzelnen Personen. Wenn dort etwas passiert, dreht sich alles wieder in die andere Richtung.“
Steigende Zinsen, Inflationsängste und fragile Lieferketten verstärken diese Nervosität zusätzlich. Volkswirtschaftlich bedeutet das eine klassische Kombination aus Investitionszurückhaltung und Konsumhemmung. Unternehmen verschieben Projekte, Konsumenten halten ihr Geld zurück. „Wir hatten gerade das Gefühl, dass sich die Wirtschaft stabilisiert. Und jetzt ist wieder alles auf null“, sagt der Vorstand. Diese Unsicherheit wirkt sich besonders stark auf die Investitionsdynamik aus. Gerade in kapitalintensiven Branchen werden Entscheidungen aufgeschoben – mit unmittelbaren Folgen für Wachstum, Beschäftigung und Konjunkturentwicklung.

Strukturelle Probleme, neue Unsicherheit
Auch Österreich kämpft mit strukturellen Schwächen, die durch die aktuelle Weltlage zusätzlich verstärkt werden. Besonders kritisch sieht Jäger die langfristige Entwicklung der Industrie. „Wir haben eine leichte Form der Deindustrialisierung. Andere Länder bauen Industrie auf, bei uns geht sie zurück.“ Diese Entwicklung habe nicht nur kurzfristige konjunkturelle Auswirkungen, sondern langfristige strukturelle Folgen für Beschäftigung, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. „Wenn Industrie wegfällt, fallen auch Jobs weg. Und dann wird es schwierig.“
Hinzu komme eine zunehmende regulatorische Belastung. Jäger spricht von Bürokratie, die Investitionen erschwere und Unternehmen das Wirtschaften behindere. „Wenn wir die Überbürokratisierung nicht in den Griff bekommen, wird sich dieser Trend fortsetzen.“ 
Besonders in der Bauwirtschaft zeigt sich die Unsicherheit deutlich. Zwar stieg die Nachfrage nach Wohnbaufinanzierungen zuletzt spürbar, doch der Neubau bleibt schwach. „Über 90 Prozent der Finanzierungen betreffen gebrauchte Immobilien, nur knapp zehn Prozent Neubauten. Das zeigt, wie zurückhaltend der Markt ist.“ Diese Entwicklung deutet auf eine strukturelle Abschwächung der Baukonjunktur hin – mit entsprechenden Auswirkungen auf vor- und nachgelagerte Branchen.

Exportregion unter Druck
Vorarlberg spürt internationale Entwicklungen besonders stark. Als exportorientierte Region reagiert die Wirtschaft sensibel auf Handelshemmnisse, geopolitische Konflikte und schwankende Nachfrage in den internationalen Märkten. Besonders betroffen seien Branchen wie Teile der Metallindustrie oder Zulieferbetriebe. Gleichzeitig zeigt sich ein heterogenes Bild. „Es ist im Moment sehr ambivalent. Manche investieren stark, andere treten komplett auf die Bremse.“
Trotzdem bleibt Jäger vorsichtig optimistisch. „Vorarlberg hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass man Krisen ins Positive dreht. Das macht mir Hoffnung.“ Die kleinstrukturierte Wirtschaftslandschaft, die hohe Spezialisierung und die Innovationskraft vieler Unternehmen gelten dabei als zentrale Stabilitätsfaktoren.

Auswirkungen auf Verbraucher
Die Unsicherheit spüren auch Privatkundinnen und Privatkunden deutlich. Besonders auffällig ist laut Jäger das veränderte Sparverhalten. „Wir haben in den letzten drei Jahren die höchsten Sparquoten überhaupt.“ Gleichzeitig werde dieses Kapital überwiegend konservativ veranlagt. „Das Geld geht aufs Sparbuch oder aufs Konto, nicht in dynamische Veranlagungen.“
Aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutet das eine gedämpfte Konsumnachfrage – ein zentraler Faktor für schwaches Wirtschaftswachstum. Der Grund für diese Entwicklung liegt in der allgemeinen Verunsicherung. Inflation, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Risiken führen zu einer defensiven Haltung der Haushalte. „Immer wenn wirtschaftspolitische Irritationen da sind, wird der Mensch vorsichtig. Und das schadet der Wirtschaft massiv“, erklärt der Finanzexperte. Auch der Immobilienmarkt bleibt angespannt. Besonders kritisch sieht Jäger die sinkende Eigentumsquote. „Die Eigentumsquote ist eine der besten Pensionsvorsorgen. Wenn du später eine kleine Pension hast und zusätzlich Miete zahlen musst, wird das schwierig.“ Langfristig könnte diese Entwicklung auch sozialpolitische Auswirkungen haben, insbesondere im Hinblick auf Altersvorsorge und Vermögensbildung.

Banken im Wandel
Auch Banken stehen vor einem strukturellen Wandel, unabhängig von der aktuellen Konjunkturlage. Neue Wettbewerber, digitale Geschäftsmodelle und andere Kundenbedürfnisse verändern die Branche nachhaltig. „Trotzdem wollen die meisten einen Ansprechpartner“, betont Jäger. Selbst bei jüngeren Generationen bleibe der Wunsch nach persönlicher Beratung trotz zunehmender Digitalisierung bestehen. Künstliche Intelligenz werde die Branche zusätzlich verändern. „KI wird uns massiv helfen – vor allem in Verwaltung, Betrugsbekämpfung und Risikomanagement.“ Gleichzeitig sieht Jäger darin eine strategische Chance: „Wenn KI richtig eingesetzt wird, haben wir wieder mehr Zeit für unsere Kunden. Und das ist unser größtes Asset.“
Trotz aller Unsicherheiten sieht Jäger gute Chancen für Vorarlberg. „Vorarlberg ist kleinstrukturiert, innovativ und flexibel. Das hilft uns in Krisenzeiten.“ Viele Unternehmen seien bereit, sich anzupassen, neue Märkte zu erschließen und Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Diese Anpassungsfähigkeit habe die Region bereits in früheren Krisen ausgezeichnet. Eine klare Prognose bleibt dennoch schwierig. Für Martin Jäger bleibt ein zentraler Punkt: „Vorarlberg hat viele Krisen gemeistert. Und ich bin überzeugt, dass wir auch diese Phase wieder positiv drehen können.“

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