Wolfgang Greber

*1970 in Bregenz, Jurist, Lehrer und Publizist, Schwerpunktthemen Geschichte, Militär- und Kraftfahrwesen, Vorarlbergensien. Ein Vierteljahrhundert bei der „Presse“, Ressort Außenpolitik.

„So a haßa Summa!“

September 2026

Von historischen Hitzewellen auch im Ländle, einer bizarren ideologischen Strohfeuerdebatte über Klimaanlagen und anderen Mängeln im Alltagsverständnis. 

Sie kennen das: Es gibt ein Lied, bei dem sie bisweilen einige Zeilen mitsingen. Doch dann fällt Ihnen Jahre später auf, dass Sie immer falsch gesungen haben. Denn Sie hatten den Text falsch verstanden.
Michael Stipe von R.E.M. etwa singt im Chorus von „The Sidewinder Sleeps Tonite“ nicht „Call me in Jamaica“ oder „I call you in Jamaica“, sondern „Call me when you try to wake her“. Okay, er nuschelt das extrem schnell, aber auch Madonna singt bei „La Isla Bonita“ in moderatem Tempo nicht von einem „young girl with eyes like potatoes“, sondern einem „young girl with eyes like the desert“.
Jüngst erklang bei Freunden in Lauterach Fendrichs „Oben ohne“, der Sommerhit von 1982, bei dessen Hintergrundchor ich so wie immer „humba hassa humba“ mitsang. Allerdings waren da Gäste aus Wien, die mich korrigierten: In Wahrheit heißt’s „So a haßa Summa, so a haßa Summa“. Kurz zuvor hatten wir diese Leutchen gehänselt, weil sie Vorarlberger Begriffe falsch ausgesprochen hatten, und jetzt das! Tja, Hochmut kommt vor dem Fall, man sollte sich das grad auch als Gsiberger merken.
Es war a b’sundrig hoaßa Summa hüür. In Europa gab es neue Temperaturrekorde seit Beginn der Messungen, in Österreich mit 41,2 Grad nahe Hainburg (NÖ). Bregenz kam Ende Juli auf 36,4°, Bludenz auf 37,4°, was dich wundert, liegt das doch in der Nähe von Schneelöchern wie Arlberg und Montafon. Allerdings blieb der Ländle-Rekord vom Juli 1984 in Feldkirch (kräftige 38,1°) intakt. Seit den 90ern haben sich nicht nur in V die Hitzetage (mind. 30 Grad) vervielfacht. In Bregenz gab’s in jenem Jahrzehnt laut „GeoSphere Austria“ drei Jahre mit mehr als fünf Hitzetagen, das Extrem waren 15 Tage anno 1992. Damals hab ich als Kellner bei den Festspielen tüchtig geschwitzt. In all den Jahrzehnten zuvor bis 1960 zählte Bregenz nur vier (!) Jahre mit mehr als fünf Hitzetagen. Im Montafon holte ich mir deswegen 1983 einen Sonnenstich. Seit 2000 indes gab es in Bregenz schon 20 (!!) Jahre mit mehr als fünf Hitzetagen. Und der Rekord von 2015 – 29 Schmortage – ist heuer gekippt: Es waren mit Ende August 46.
Dazu kam Trockenheit. Klimaforscher Klaus Haslinger von GeoSphere sagte im August, dass nicht nur das Jahr bisher, sondern die letzten zwölf Monate die trockensten in Österreich seit 1850 seien. Seit Jänner gab es im Ländle 35 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel, in NÖ gar minus 43 Prozent. Dort war ich oft ratlos, wenn an brütend heißen Nachmittagen mächtige Wolkenbänke und graue Gewittertürme erschienen wie die Wilde Jagd, aber kein Tropfen fiel. Harrgottzack, i hon an Gaarta zum güüßa!
Dann dachte ich an vorigen Sommer: Der Juni glühte und die Medien im Wiener Raum kochten wie immer über vor Hitzestorys mit diesem aufgeregten, moralischen Unterton zuzüglich einer Prise „Das Ende naht!“. Als der Juli aber nass und frisch wurde, klagten Jungjournalistinnen, denen man das Wetterthema umgehängt hatte, übers „Herbstwetter“. Sie fragten „Es ist Sommer, warum ist es so kühl?“ und mahnten selbstverständlich, dass man an der menschengemachten Erderwärmung ja nicht zweifeln dürfe. August war dann klassisch Sommer mit etwas von allem, was medial folglich nix hergab.
Die Geschichte der Menschheit ist auch eine der Dürren und anderer Wetter- und Klimaextreme, das bezeugen schon die Bibel und Erzählungen anderer Kulturen. Interessant ist, dass es auch im milden Europa oft heftige Hitze- und Dürrephasen mit niedrigen Wasserständen gab, mit hohen landwirtschaftlichen Schäden und bisweilen menschlichen Opfern. Etwa 1976 (heftig in England, in Ö bis 36,4 Grad), 1947 (>35° in Bregenz, Hunderttausende Hungertote in der UdSSR), gut ein Dutzend Dürren vor dem 2. Weltkrieg bis zur Jahrhundertwende.
Gegrillt wurden Europa oder Teile davon bei über 35 Grad nachweislich viele Male schon in vorindustrieller Zeit. Nur mickrige zwei Exempel: Die 14-monatige Dürre 1473/74 von Spanien bis Polen, 1540 die elfmonatige Megadürre mit Kernzonen von Frankreich über Deutschland bis Italien. Aus dem Bodenseeraum und Vorarlberg gab’s damals Berichte über Waldbrände, tote Äcker, dass man große Flüsse wie den Rhein durchwaten und Lindau trocknen Fußes habe erreichen können. Rekonstruktionen zufolge hatte es mehr als 35 oder 40 Grad. Immerhin wurde der Weinjahrgang als enorm starker, süßer „Jahrtausendwein“ bekannt, den man noch im 20. Jhdt. (!) verkostete.
Hier im Osten warnten die Journos zuletzt manisch gern vor dem Austrocknen des Neusiedler Sees. Er ist immer noch da. Überhaupt war er schon öfters geschrumpft oder sogar ganz weg – zuletzt 1865 bis 1870. Bauern nutzten das neue Land und bauten Höfe darauf. 1871 füllte er sich wie durch Magie aufs alte Niveau. Falls Sie sich derzeit fragen, ob der Bodensee verschwindet: He’ll be back!
In der planetaren Wetter- und Klimaküche werken viele Köche. Der Mensch ist einer davon und macht sich seit der industriellen Revolution massiv bemerkbar. Siehe Erderwärmung. Dass „wir“ aber die einzige Ursache für jede Klimaänderung und jede missliche Wetterlage sind, ist eine anthropozentrische Anmaßung.
Während der Hitzewelle gab es kurz eine Debatte über Klimaanlagen. Da sie Warmluft aus Räumen ins Freie blasen, physikalisch/technisch bedingt mit höherer Temperatur als jener der Raumluft, wird die Umgebung geheizt, angeblich um ein bis zweieinhalb Grad. Individuelle Kühlung belaste also die Allgemeinheit und speziell jene, die im Freien sind oder keine Air Condition haben.
Okay. Aber gibt eine Wohnung ihre Wärme nicht auch beim Lüften oder über die Wände ab, wenn es draußen kühler ist? Ist die Erwärmung nicht nur aufs engste Umfeld beschränkt? Ist nicht sogar eine lokale Gesamtheit von Volumina gekühlter Gebäude nur ein winziger Bruchteil des Umweltvolumens, worin sich die warme Abluft fast spurlos verdünnt und beim Aufsteigen abkühlt?
Linke Kreise forderten Beschränkungen, ja Verbote privater Klimaanlagen außer für „vulnerable“ Menschen. Es hieß sogar, diese Geräte seien politisch „rechts“ und Symbole „kapitalistischer Zweiklassengesellschaft“. Soviel zu vernunftgeleiteter Klimapolitik. Nun ja: Mit Air Condition haben es viele kühler und andere nicht. Ohne haben’s alle gleich heiß. Klingt nach Kommunismus.

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