Peter Melichar

ehemals Historiker im „vorarlberg museum“ 2009-2026

 

Die Kunst, eine Firma zu gründen und nicht unterzugehen

September 2026

Franz Martin Hämmerle & seine Erben

Im Jahr 1836 gründete Franz Martin Hämmerle (1815-1878) in Dornbirn ein Textilunternehmen, das bald zu einem der größten Unternehmen Vorarlbergs wurde. 1869 – in Dornbirn zählte man bei einer Gesamtbevölkerung von 8500 schon 1694 Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter – schrieb Joseph Bergmann in seiner „Landeskunde“ über die Firma:
„Spinnerei, 11,240 Selfactors-Spindeln, mit 52 männlichen und 42 weiblichen Arbeitern; eine mechanische Weberei mit 175 Webstühlen, mit 35 männlichen und 140 weiblichen Arbeitern; eine Handweberei mit 70 männlichen Arbeitern; eine Druckerei mit 12 männlichen Arbeitern; ferner eine Bleiche mit 10 und eine Färberei mit 16 Arbeitern. Diese Fabrik, mit 38 Aufsehern und diversen Hilfsarbeitern, zählt zusammen 415 Personen.“
Hämmerle war bei der Gründung erst 21 Jahre alt. Oft wird behauptet, er entstammte „einfachen Verhältnissen“, doch immerhin waren seine beiden Großväter in Dornbirn bekannte Persönlichkeiten und sein Vater Josef Andrä Hämmerle (1789-1880) war Gemeindekassier und „Numerant“, der die Textilwaren für den Zoll nummerierte und daher die Verhältnisse der Fabrikanten gut kannte. Hämmerles Ausbildung war nicht schlecht: Neben einer strengen Fortbildungsschule hatte er einige Jahre beim Textilfabrikanten Johann Baptist Salzmann gelernt. Er kaufte Garn, bearbeitete es mit einer eigenen Zettelmaschine und ließ es färben. Nach seinen Mustern ließ er dann von selbständigen Handwebern Textilien produzieren und vertrieb sie auf regionalen Märkten. Nachdem er auch Tirol erfolgreich beliefern konnte, kaufte er eigene Webstühle und lernte Frauen an. 1846 erwarb er am Dornbirner Steinebach ein Areal, auf dem er eine eigene Färberei und eine weitere Weberei einrichtete. Entscheidend für die weitgehende Unabhängigkeit in den Produktionsabläufen war die Errichtung einer eigenen Spinnerei in Dornbirn-Gütle, die 1864 in Betrieb ging und bald erweitert wurde. Dieser Bau während des Bürgerkriegs in den USA war mutig, denn die Baumwollknappheit war gewaltig. Doch sein Kalkül, dass nach Beendigung des Krieges vermehrt Baumwolle verarbeitet werden würde, ging auf.

Drei Krisen
Manche Textilfabrikanten hatten durch Fehlinvestitionen Bankrott gemacht, damals mit Ansehens- und Existenzverlust verbunden. Auch Hämmerle erlebte gefährliche Situationen. 1846 geriet er in eine Bonitätskrise, als der Aufbau einer eigenen Färberei die alteingesessenen Färber aufbrachte. Gerüchte über seine Zahlungsfähigkeit kamen auf und die Gläubiger standen Schlange, um ihre Gelder einzutreiben. Doch er konnte alle Schulden zahlen. 1859 geriet er wegen der schlechten Verwaltung seines Wiener Kommissionslagers in große Schwierigkeiten; das Unternehmen konnte nur durch Kreditgeber gerettet werden. Retter in der Not war der Dornbirner Johann Michael Sohm (1832-1919), der damals für Hämmerle arbeitete. Ihm gelang es, Geldgeber zu finden. 
Eine weitere Krise um 1870 wurde bislang ignoriert: Sales Sohm (1830-?), der ältere Bruder von Johann Michael Sohm, war bei Hämmerle über Jahre als Prokurist tätig gewesen und hatte 1865 zum Abschied eine hohe Abfertigung erhalten, mit der er in Gaudenzdorf bei Wien eine Textilfabrik aufbauen wollte. Damit nicht erfolgreich, gründete er Anfang 1870 eine Aktiengesellschaft, die ihm sein marodes Unternehmen für viel Geld abkaufte. Seinen Bruder und Hämmerle überredete er, sich zu beteiligen. Beide kauften Aktien um je 12.500 Gulden (heute etwa 210.000 Euro) und Hämmerle wurde sogar zum Revisor gewählt. Die Gesellschaft musste jedoch schon Ende des Jahres Konkurs anmelden. Sales Sohm wurde verhaftet und es kam zu einem Prozess, in dem auch Hämmerle als Revisor angeklagt war. Er hatte nicht nur sein Geld verloren, sondern musste sich auch noch vor Gericht verantworten. Zu diesem Verfahren gab es zahlreiche Berichte, da hier einer der ersten Fälle jener „Gründungsschwindel“ verhandelt wurde, also von Betrugsmanövern, die durch die neue Rechtsform der Aktiengesellschaft begünstigt wurden und 1873 zu einer großen Wirtschaftskrise führten. Sohm und sein Geschäftsführer wurden 1871 zu langen Haftstrafen, Hämmerle zu einer Woche Arrest verurteilt. Er legte Revision ein und bekam vor dem Obersten Gerichtshof recht: Weil er die Stelle als Revisor nicht angenommen hatte, wurde er freigesprochen. Das war von großer Bedeutung für ihn, sein makelloser Ruf hätte andernfalls erheblichen Schaden erlitten. 
Der finanzielle Verlust dagegen traf Hämmerle kaum. Er war – seitdem er durch seine Färberei und die Spinnerei als Baumwollfabrikant eine weitgehende Unabhängigkeit erreicht hatte – reich geworden. Großzügig konnte er dem Land für den Bau der künftigen Landesirrenanstalt Valduna ein Darlehen über 100.000 Gulden gewähren. Er engagierte sich in zahlreichen Vereinen, erwarb eine Alpe am Hochälpele zwischen Dornbirn und Schwarzenberg und saß viele Jahre für die Liberalen im Gemeinderat. 1876 erwarb er ein großes Haus in Wien (Franz-Josefs-Kai 53).
Als er 1878 starb, besuchten 3000 Menschen sein Begräbnis; sein Werk und sein Leben wurden allseits gewürdigt. In seinem Testament vermachte er sein Vermögen zu gleichen Teilen seinen Kindern, verfügte jedoch, dass seine Unternehmungen von seinen vier Söhnen übernommen werden sollten. Sie mussten die übrigen sieben Erbinnen und Erben – die Ehefrau, die Töchter aus seinen drei Ehen und deren Kinder – auszahlen. Das Vermögen wurde auf über eine Million Gulden geschätzt (heute über 17,1 Millionen Euro). Um 1880 zählte das Unternehmen 800 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte, um 1900 waren es dann schon 2000.

Vier Söhne
Nun übernahmen seine Söhne das Unternehmen: Otto Hämmerle (1846-1916), ein Sohn aus der zweiten Ehe, war schon 1863 in die Firma eingetreten. Als Ältester hatte er nun bis zu seinem Tod die Leitung inne. Wie sein Vater saß er im Gemeinderat von Dornbirn, engagierte sich in zahlreichen Vereinen, ließ sich eine schöne Villa bauen, den Wingathof. Vor allem aber plante und realisierte er durch den Erwerb von mehreren Alpen die Entwicklung eines Tourismusgebietes nahe Dornbirn, das Bödele. Hier ließ er ein Hotel und eine dazugehörige Kapelle errichten und einen künstlichen See anlegen. Etliche der Alphütten verwandelten sich in Ferienhütten (Vgl. Langreiter/Zudrell, Wem gehört das Bödele?, 2020).
Viktor Hämmerle (1855-1946) übernahm die Leitung der Spinnerei in Dornbirn-Gütle und war auch für den Bau einer weiteren Spinnerei in Feldkirch-Gisingen verantwortlich. Dieses Werk wurde errichtet, weil einerseits in Dornbirn sich ein Arbeitskräftemangel bemerkbar machte, andererseits hier auch keine ausreichenden Wasserkräfte mehr zur Verfügung standen. Gisingen wurde nach zähen Verhandlungen um die Wasserrechte 1894 in Betrieb genommen. Viktor, der übrigens wie sein Vater und Halbbruder Otto im Gemeinde- bzw. im Stadtrat saß, hatte noch zahlreiche andere Interessen: Er richtete eine Haushaltungsschule für junge Frauen ein, verwandelte die Umgebung der Spinnerei in Dornbirn-Gütle in eine Kunstlandschaft, ließ Wege durch die Rappenlochschlucht anlegen und rund um den Staufensee. Auch den Zanzenberg verwandelte er in einen Park samt Turnplatz und deutschnationaler Gedenkstätte (Körnerstein). Für sich selbst ließ er im Gütle auch eine Villa errichten und später, nach seiner Heirat, noch eine zweite im Dornbirner Oberdorf. Er heiratete spät und bekam mit seiner Frau nur ein Kind, soll jedoch der Vater von über hundert unehelichen Kindern gewesen sein.
Theodor Hämmerle (1859-1930) hatte die Wiener Niederlassung übernommen und war für den Verkauf in all den Provinzen der Monarchie und auch am Balkan verantwortlich. Gleichzeitig repräsentierte er die Firma in wichtigen Gremien und Kommissionen. Besonders bekannt wurde er aber wegen seiner Musikliebhaberei, er förderte Komponisten und Musiker, unterstützte Vereine und war ein Mitbegründer des Wiener Konzerthauses. Wien verdankte ihm übrigens auch die Durchsetzung der tiefgelegten Stadtbahntrasse am Donaukanal, die ursprünglich als Hochbahn wie am Gürtel gebaut werden sollte. Als Anrainer am Franz-Josefs-Kai setzte sich Hämmerle 1896 an der Spitze eines Personen-Komitees gegen die Pläne zur Wehr und war erfolgreich. Auch er ließ sich im Grinzinger Villenviertel eine feudale Villa errichten und unterhalb vom Hochälpele am Bödele ein großzügiges Landhaus samt Kapelle und künstlichem Teich.
Guntram (1862-1923), der jüngste der Brüder, war der unauffälligste. In Erinnerung ist er heute, weil unter den Villen, die in Dornbirn errichtet wurden, seine die auffälligste ist: Die Villa Guntram Hämmerle wirkt wie der Traum von einem kitschigen Phantasie-Mittelalter, das es nie gegeben hat.
In den letzten Jahrzehnten sind vor allem Facetten der Geschichte von F. M. Hämmerle vor und während des Nationalsozialismus untersucht worden. Wie konnte es geschehen, dass kühle und weitblickende Geschäftsleute sich derart für die völkische NS-Ideologie begeistern konnten, dass sie zu „Hintermännern“, also zu Finanziers der NSDAP und ihrer (ab 1933 illegalen) Organisationen wurden? Und schließlich auch zu Helfern und Nutznießern im großen Stil? Und vor allem: Wie ging man nach 1945 mit dieser Geschichte um? Doch das ist eine eigene Geschichte.

Ein zweiter Teil wird die Geschichte ab 1918 behandeln, eine Langfassung wird in der Zeitschrift „Montfort“ erscheinen.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.