
Übermenschen, Hochverräter, Welterklärer?
Intellektuelle in Vorarlberg und anderswo.
Gibt es in Vorarlberg Intellektuelle? Und was macht einen Intellektuellen überhaupt aus? Der berühmte Ökonom Joseph A. Schumpeter bemerkte, „dieser Typus“ sei „nicht leicht zu definieren“, es handle sich nicht um eine „soziale Klasse“. Intellektuelle kämen vielmehr „aus allen Ecken und Enden der sozialen Welt“. Hauptsächlich würden sie einander bekämpfen, daneben „Lanzen … brechen für Klasseninteressen, die nicht ihre eigenen sind.“ Schumpeter fügte noch hinzu, Intellektuelle seien „Leute, die die Macht des gesprochenen und des geschriebenen Wortes handhaben“, doch gleichzeitig fehle ihnen eine „direkte Verantwortlichkeit für praktische Dinge“, sie besäßen keine „echte Autorität“. (Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1940)
Diese etwas boshafte Charakterisierung des Intellektuellen zeigt gleich die Problematik einer Typologie: Sie mag auf viele zutreffen, ist jedoch unbrauchbar, wenn es um Ausnahmeerscheinungen geht. Denkt man an Vorarlberg, ist aber gleich das erste Beispiel, das einem einfällt, eine Ausnahmeerscheinung, nämlich der Schoppernauer Kleinbauer Franz Michael Felder (1839–1869), der Schriftsteller wurde. In seinem kurzen Leben setzte er sich nicht nur mit Worten für die überschuldeten Bauern ein, sondern setzte mit der Gründung von Genossenschaften auch Taten.
Zu Felders Zeiten gab es den Begriff des Intellektuellen noch gar nicht. Man sprach von Intelligenz und bezeichnete damit sowohl die geistigen Kapazitäten eines Individuums als auch die Kopfarbeiter, die Gebildeten einer Gesellschaft. „Intelligenzija“ als Bezeichnung dieser Schicht, die sich politisch engagierte und deren Mitglieder meist als regierungsfeindlich galten, machte in Russland ab 1860 Karriere. Das Konzept des Intellektuellen entstand in Frankreich um 1900 und meinte Personen, die sich öffentlich für eine (gerechte) Sache engagierten, Autoritäten kritisierten und dabei auch persönlich einiges riskierten. Gleichzeitig wurde ihnen aber auch vorgehalten, dass sie sich als „Aristokratie des Geistes“ aufführten und für „Übermenschen“ (in Anlehnung an Friedrich Nietzsche) hielten. Im Lauf der Geschichte traten viele Spielarten des Intellektuellen in Erscheinung. Wesentlich war ein kritisches Potenzial, das sich gegen buchstäblich alles richten konnte – auch gegen die Demokratie, gegen Liberalismus oder gegen den Rechtsstaat.
Kein Thema in Vorarlberg?
Als wissenschaftliche Erkenntnisse, die mit bestimmten Glaubenswahrheiten unvereinbar schienen (zum Beispiel Darwins Lehren), auch Österreich erreichten, forderte die katholische Kirche von ihren Geistlichen ein klares Bekenntnis. Sie mussten der modernen Wissenschaft abschwören. Einer der wenigen Priester, die 1910/11 diesen sogenannten „Antimodernisteneid“ (der bis 1967 geleistet werden musste) verweigerten, war ein Vorarlberger: Vinzenz Wilburger (1866–1952), Pfarrer von Ebnit. Er musste den Priesterstand verlassen. Es entbrannte keinerlei Debatte um dieses Thema. Die Werte, um die es Wilburger ging, waren offensichtlich in Vorarlberg nicht wichtig.
Als nach dem Ersten Weltkrieg die Monarchie zerfiel, wurde in Vorarlberg die Frage virulent, ob man sich nicht besser der Schweiz anschließen solle. Diese Frage wurde 1919/20 links und rechts vom Rhein heftig und kontrovers diskutiert. Intellektuelle auf der Seite der Gegner wie der Befürworter neutralisierten einander. Bemerkenswert war die Bösartigkeit, mit der man gegeneinander vorging. Als zwei Vorarlberger Befürworter sich mit einem Telegramm an einen französischen Staatsmann wandten, war etwa von „Hochverrat“ die Rede.
Intelligenz und Intellektuelle waren in Vorarlberg nie groß Thema. Stets wurde betont, man brauche nicht zu viele „Studierte“. Landeshauptmann Otto Ender bemerkte 1929: „Wir haben einen Ueberschuß an Vorarlberger Intelligenz, an kaufmännischen Talenten, unser Land ist zu klein, manche müssen hinaus.“ Zugleich gab es ein Gezerre um die Intelligenz: Als ein christlichsozialer Politiker bemerkte, 80 Prozent der Vorarlberger Intelligenz seien im katholischen Lager verwurzelt, konterte ein Großdeutscher, dass da schon viele zur Intelligenz gezählt werden müssten, die man normalerweise nicht dazu rechnen würde (Vorarlberger Tagblatt, 23. Juni 1930, S. 2).
Einer, der das Potenzial zum Intellektuellen hatte, wurde Künstler: Rudolf Wacker (1893–1939). Er notierte in seinem Tagebuch kritische Beobachtungen zu allen sozialen und politischen Erscheinungen seiner Zeit, enthielt sich aber weitgehend jeder öffentlichen Äußerung. Seine Bilder freilich sprechen. „Stillleben mit Engel“ (1931) zeigt einen ramponierten Barockengel, ein Buch, eine Zeitung, auf der eine Vase mit verblühtem Mohn steht, eine erloschene Kerze und eine leere Schuhschachtel. Die Zeitung ist die Ausgabe des „Neuen Wiener Journals“ vom 1. Mai 1931. „Unruhen in Berlin“, liest man und auch das Wort „Polizei“. Das Cover des Buches zeigt einen Priester, der drohend nach oben zeigt und in der anderen Hand eine Bibel hält. Wacker montiert einen Zusammenhang zwischen dem traditionellen Feiertag der Arbeiterbewegung, den Unruhen in Berlin, der museumsreif gewordenen Kirche und dem Aperçu von Karl Marx, Religion sei Opium fürs Volk. Dieses Bild verschwand, wie die meisten seiner Werke, in einer Privatsammlung. Seine Tagebücher wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod ediert.
Wackers Freund Max Haller (1895–1971) hingegen publizierte sehr wohl – nicht in Vorarlberg, weil es dazu keine geeigneten Medien gab. Am 9. Mai 1933 veröffentlichte er in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Würdigung Ortega y Gassets. Obwohl Haller den Begriff nicht verwendete, feierte er den Philosophen als Intellektuellen, der zum Trainer seiner Nation geworden sei: „Schonungslos deckte er Fehler und Mängel auf, tief in die Seele des Volkes wollte er den Schmerz um Spanien versenken, […]. Von Grund auf müsse verändert werden. Spanien existiere ja gar nicht als Nation. „Construyamos España!“ forderte er damals seine Zuhörer auf. “ Haller trat der Kommunistischen Partei bei, entwickelte nach 1945 als Kommunalpolitiker bemerkenswerte Ideen, scheiterte aber als Intellektueller. Er unterwarf sich der geforderten Disziplin, reiste nach Moskau, huldigte Stalin, erinnerte sich nicht an die furchtbaren Schauprozesse und Säuberungen. Jene, die in der KP zu Recht als Intellektuelle galten, wurden in den 1950er und 60er Jahren als Dissidenten ausgeschlossen – Haller nicht.
Infolge der 68er-Bewegung entstanden auch in Vorarlberg Initiativen, die es einigen wenigen Intellektuellen ermöglichten, sich zu artikulieren. Dazu zählten die Johann-August-Malin-Gesellschaft mit dem Programm, die Geschichte der NS-Zeit zu thematisieren, die Kulturinitiative Spielboden und andere Jugendzentren, die über sich hinauswuchsen, einige Kabarettgruppen wie die Wühlmäuse und die Literaturabteilung im Landesstudio des ORF. Gegen die Dominanz der „VN“ wurde – finanziert von einigen Unternehmern – 1972 die „Neue Vorarlberger Tageszeitung“ gegründet. Sie bot 1979/80 bei den Auseinandersetzungen um die Initiative Pro Vorarlberg deren Gegnern eine mediale Plattform. Ab 1981 erschien die Zeitschrift „Spielboden“ (ab 1985 „Kultur“), die vor allem an Bedeutung gewann, als die „Neue“ 1990 vom Verlag der „VN“ übernommen und damit gleichgeschaltet wurde.
Ironie der Geschichte?
Einige Köpfe dieser zivilgesellschaftlichen Initiativen machten sich als Intellektuelle einen Namen, etwa Kurt Greussing. Doch aus heutiger Sicht ist es schwer zu entscheiden, ob die mit den Jahren erreichte kulturelle Öffnung sich ihrer wichtigen Arbeit verdankte, oder dem Rücktritt beziehungsweise Tod ihrer Gegner: Landeshauptmann Herbert Kessler (1925-2018) trat 1987 zurück, „VN“-Chefredakteur Franz Ortner (1922-1988), Elmar Grabherr (1911-1987), der Erfinder des „Alemannenerlasses“ und Ideologe der Initiative Pro Vorarlberg starben bald nacheinander. Und Bischof Bruno Wechner (1908-1999), im Amt seit 1968, trat 1989 zurück.
Einige von denen, die sich in den 1970er und 80er Jahren als kritische Oppositionelle profiliert hatten, schreiben mittlerweile für das einstige Zentralorgan der Vorarlberger Reaktion. Es ist unklar, ob sie sich ihre ORF- oder Hofratspension aufbessern müssen, oder wirklich getrieben sind, die Welt zu erklären und gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Aber nachdem das Blatt sich stark in Richtung „Kronen Zeitung“ gewandelt hat (einst hatte es ein Feuilleton!) und überhaupt von den allermeisten, die man fragt, nur wegen der Todesanzeigen gelesen wird, muss man sich auch nicht über einen Verrat der Intellektuellen echauffieren. Schon eher sollte man sich über ihr Aussterben Gedanken machen und eine geeignete Trauerfeier vorbereiten. Intelligenz wird gerade von der KI ersetzt, und die verstummenden Intellektuellen werden, ohne dass es viele bemerken, von einem neuen Typus abgelöst: dem Influencer. Er setzt sich nicht für eine gerechte Sache ein, sondern für eine Ware. Er will nicht mehr kritisieren, nicht mehr opponieren, nichts erklären. Er will seinem Publikum nur etwas einreden.









Kommentare