Thomas Jennerwein

*1972 in Dornbirn, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Business, digitaler Wertschöpfung und Technologie in Industrieunternehmen. Der Digitalexperte ist als Senior Enterprise Architect bei foryouand­yourcustomers.com tätig. Zuvor war er über ein Jahrzehnt IT-Leiter bei Meusburger und Teil der Geschäftsleitung mit Gesamtverantwortung für IT und Digital Business. Weitere Führungsrollen in der Digitalisierung hatte er in Vorarlberger Industrieunternehmen inne.

Der Wilde Westen

Oktober 2026

Niemand hat die Gesetze abgeschafft. Sie greifen trotzdem nicht mehr.

Der Rapper Biz Markie nahm 1991 acht Takte aus einem Lied von Gilbert O‘Sullivan und legte einen eigenen Text darüber. O‘Sullivan klagte. Richter Kevin Duffy eröffnete das Urteil so: „Du sollst nicht stehlen ist eine Mahnung, der man seit Anbeginn der Zivilisation folgt. Leider wird sie in der modernen Geschäftswelt nicht immer befolgt.“ Das Album kam aus dem Handel, die Karriere war beschädigt, eine ganze Musikrichtung musste ihr Handwerk umbauen. Sein nächstes Album nannte er „All Samples Cleared“. Vierzehn Jahre später schob ein Berufungsgericht nach. Jeder Schnipsel braucht eine Lizenz, egal wie kurz. Acht Takte. Ein Lied. Ein Urteil.
Seit dem 8. September verhandelt ein Gericht in San Francisco den Fall dreier Illustratorinnen gegen einen Bildgenerator. Zwölf Geschworene entscheiden über fünf Milliarden Bilder. Derselbe Vorgang wie 1991, nur der Maßstab ist ein anderer. Und der ändert alles. Urheberrecht ist für den Einzelanspruch gebaut. Ein Werk, ein Verletzter, ein Gericht. Das funktioniert, wenn ein Rapper ein Lied nimmt. Bei fünf Milliarden Bildern nicht mehr. Nicht weil das Gesetz abgeschafft wurde, sondern weil niemand fünf Milliarden Mal klagen kann. Das Recht wurde nicht aufgehoben. Es skaliert nur nicht.

Der Sheriff war da
Es heißt, es gebe keine Regeln mehr. Stimmt nicht. Im Juni 2025 entschied ein Bundesrichter in Kalifornien, dass ein Modell mit gekauften Büchern zu trainieren zulässig ist, dieselben Bücher von Piratenseiten zu laden aber nicht. Der Diebstahl lag im Beschaffen, nicht im Lesen. Die Rechnung kam im Juli 2026. Anthropic zahlte 1,5 Milliarden Dollar an rund eine halbe Million Autoren und musste den Datensatz vernichten. Der größte Urheberrechtsvergleich der US-Geschichte. Pro Buch waren das 3100 Dollar. An einem Buch sitzt man ein Jahr. Der Sheriff ist also gekommen und hat einen Strafzettel ausgestellt. Der war bezahlbar.
Ein Gesetz wirkt, solange seine Übertretung teurer ist als der Vorteil. Wird sie billiger, ist es ein Tarif. Einem Minister genügt ein nicht zitierter Absatz in der Doktorarbeit, und die Laufbahn ist vorbei. Eine Frage der Ehre. Wer eine halbe Million Bücher nimmt, zahlt und baut weiter. Das ist nicht Anarchie; Anarchie wäre ehrlicher. Sondern ein Recht, das zu spät kommt und zu wenig kostet. Was in dieser Lücke geschieht, hat einen älteren Namen. Wenn jemandem die Lebensgrundlage genommen wird, ohne dass er gefragt wurde, und die Begründung darauf hinausläuft, dass der Nehmende stärker ist, dann ist das Enteignung. Nicht durch Gesetz, durch Übermacht. Wild war der Westen, weil dort galt, wer die Regeln durchsetzen konnte.

Felle
Zwischen 1870 und 1883 verschwanden die Bisons aus der Prärie. Zuvor Millionen, am Ende einige hundert. Niemand hatte beschlossen, die Prärievölker zu vernichten. Man wollte Felle verkaufen. Ein neues Gerbverfahren machte die Haut verwertbar, die Eisenbahn brachte sie zum Markt, der Rest ergab sich aus dem Preis. Dass die Lebensgrundlage ganzer Völker erlosch, war ein Nebenprodukt. Der Vergleich hinkt an einer Stelle, und das gehört gesagt: Dort starben Menschen, hier verlieren Menschen ihren Beruf. Das ist nicht dasselbe. Gleich ist der Mechanismus. Um eine Lebensgrundlage zu zerstören, braucht es keine Absicht. Ein Markt genügt, ein Verfahren, genug Tempo. Die Zahlen liegen vor. Ein Drittel der Übersetzer und ein Viertel der Illustratoren haben Arbeit an KI verloren, über vierzig Prozent verdienen weniger. Bei Sprechern stieg der Anteil, der einen Auftrag an eine synthetische Stimme verlor, in einem Jahr von 14 auf 21 Prozent. Acht von zehn erwarten weiteren Rückgang. Gezählt wird nur das Einkommen. Wer sein Handwerk verliert, verliert mehr als Aufträge. Er verliert das, wofür er gut war.
Stewart Brand sagte 1984: „Einerseits will Information teuer sein, weil sie so wertvoll ist. Die richtige Information am richtigen Ort verändert Ihr Leben. Andererseits will Information frei sein, weil die Kosten, sie zu verbreiten, immer weiter sinken. Diese beiden kämpfen gegeneinander.“ Seit vierzig Jahren zitiert man davon die Hälfte. Brand hat beides gesagt, und er nannte es einen Kampf, kein Programm. Diese Modelle sind aus menschlicher Arbeit gemacht. Sie stehen auf einem Bestand, der nachwachsen muss, und der wächst nicht nach, wenn niemand davon leben kann. Eine Herde schießt man nur einmal ab.

Rohstoff und Fertigware
Die zweite Ähnlichkeit ist älter. Sie heißt Kolonialhandel. Der Rohstoff kommt aus der Peripherie, veredelt wird im Zentrum, und die Fertigware geht dorthin zurück, woher der Rohstoff kam.
Genau das geschieht hier. Das Material stammt von Übersetzern, Fotografen, Autoren, Zeichnern, verarbeitet wird es in wenigen Rechenzentren. Wer heute als Illustrator arbeiten will, zahlt monatlich für das Werkzeug, das aus seiner Arbeit gemacht wurde. Einen Lizenzmarkt gibt es inzwischen. Ein Verlagskonzern erhielt 250 Millionen Dollar über fünf Jahre, ein Internetforum über 200 Millionen. Man muss nur lesen, wer dabei ist. Bezahlt wird, wer Verhandlungsmacht hat. Es gibt Recht, und es gibt Geld. Beides erreicht die großen Grundbesitzer.

Beide Seiten der Linie
Für ein Unternehmen hier ist das keine ferne Debatte. Es steht auf beiden Seiten der Linie. Wer diese Werkzeuge benutzt, profitiert von einer Aneignung, die er nie selbst vorgenommen hätte. Zurückgeben wird sie niemand. Und wer Produktbilder, Anleitungen und Kataloge ins Netz stellt, hat längst geliefert. Ob das erlaubt ist, klärt sich gerade, Verfahren für Verfahren. Die andere Frage beantwortet kein Gericht. Wer soll in zehn Jahren noch etwas herstellen, das sich zu nehmen lohnt? Der Westen wurde am Ende ruhig. Kein Gesetz hat das bewirkt. Das Land war verteilt, es blieb nichts mehr zu nehmen. Ordnung kam, als das Nehmen fertig war. Darauf sollte man nicht warten.

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