Daniela Vonbun-Häusle

Redakteurin Thema Vorarlberg (daniela.vonbun@themavorarlberg.at)

Wenn der Winter seine Verlässlichkeit verliert

Oktober 2026

Was tun, wenn der Schnee weniger wird? Für den Ökonomen Robert Steiger gibt es darauf keine Patentlösung. Wohl aber eine klare Empfehlung: standortbezogene Strategien entwickeln, mehrere wirtschaftliche Standbeine aufbauen und den Mut haben, rechtzeitig neue Wege zu gehen. Steiger ist einer der Vortragenden bei der Veranstaltung Land|Gespräche am Samstag, 17. Oktober in Hittisau.

Es gibt diesen Moment im Winter, den jeder kennt, der in den Bergen lebt. Die ersten Schneeflocken fallen. Oft entsteht über Nacht eine Winterlandschaft. Der Schnee ist wirtschaftliche Grundlage, Arbeitsplatz, Wertschöpfung und für viele alpine Regionen ein Stück Lebensgrundlage. Doch genau diese Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken. Was passiert, wenn der Schnee weniger wird? Wenn die kalten Tage kürzer werden, die Saison später beginnt und früher endet? Und was ist, wenn selbst technische Beschneiung nicht mehr jede Lücke schließen kann? Die vielleicht wichtigste Antwort des Ökonomen Robert Steiger von der Universität Innsbruck ist, dass es keine Universallösung geben werde. Dafür seien die Ausgangslagen der Destinationen zu verschieden. „Klimaanpassung heißt für mich: Frühzeitig Optionen schaffen, statt erst zu reagieren, wenn wirtschaftlicher Druck bereits sehr groß ist“, fasst Steiger zusammen.

Trendprodukte hinterfragen
Der Ökonom plädiert für eine Art Blickwechsel. Dahinter steckt eine durchaus pragmatische Idee: Wer früh beginnt, hat mehr Möglichkeiten. Besonders gefordert sieht Steiger Regionen, die vergleichsweise tief liegen, bereits heute stark von Beschneiung abhängig sind und wirtschaftlich besonders stark am Skibetrieb hängen. Entscheidend sei eine standortbezogene Betrachtung und die Suche nach zusätzlichen Standbeinen: Abdeckung von Betriebszeiten, steigende Kosten, Abhängigkeit der Region vom Skitourismus, das sind die Fragen, die man sich stellen müsse. Denn der Klimawandel trifft die Alpen nicht überall gleich. Höher gelegene und klimatisch begünstigte Regionen werden voraussichtlich länger verlässliche Bedingungen vorfinden. Andere geraten früher unter Druck. Besonders heikel sind laut Steiger Saisonbeginn und Saisonende sowie die Weihnachtsferien. Also jene Zeiten, in denen ein funktionierender Wintertourismus wirtschaftlich besonders wichtig ist. Für Österreich ist das mehr als eine Frage des Freizeitvergnügens. In vielen alpinen Tälern hängen Arbeitsplätze, Einkommen und Infrastruktur unmittelbar oder mittelbar am Tourismus. Es geht darum, zu welchen Kosten, mit welcher Verlässlichkeit und mit welcher wirtschaftlichen Perspektive Wintertourismus künftig möglich ist. Naheliegend wäre, nach einem neuen Produkt zu suchen. In vielen Regionen sind etwa Bikeparks entstanden. Diese können für einzelne Destinationen durchaus erfolgreich sein. Doch auch hier mahnt Steiger zur Vorsicht. Wer die Abhängigkeit vom Skifahren lediglich durch die Abhängigkeit vom nächsten Trendprodukt ersetzt, hat das eigentliche Problem nicht gelöst. Die Zukunft liege vielmehr in einem eigenständigen Profil. Radfahren und Wandern können dazugehören, ebenso Kulinarik, Kultur, Gesundheit oder Naturerlebnisse. Das klingt nach einer weniger spektakulären, dafür nachhaltigen Tourismusstrategie. Nicht überall muss das gleiche Angebot entstehen. Nicht jede Region braucht ihren eigenen Bikepark, ihre nächste Erlebniswelt oder das nächste große Infrastrukturprojekt. Entscheidend ist, mehrere tragfähige Standbeine zu entwickeln. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf den Sommer. Viele Regionen sind in dieser Jahreszeit längst gut aufgestellt. Mehr Gäste sind deshalb nicht automatisch die Antwort. Steiger hält vielmehr qualitatives Wachstum und eine höhere Wertschöpfung pro Gast für wichtig. „Wir werden die fehlenden Skigäste jedoch kaum mit mehr Gästen im Sommer ausgleichen können.“

Grenzen der Technik
Die technische Beschneiung bleibt für viele Skigebiete ein wichtiger Baustein, um natürliche Schneeschwankungen auszugleichen und zentrale Saisonzeiten abzusichern. Sie kann Winter verlässlicher machen, aber sie kann die klimatischen Grenzen nicht beliebig verschieben. Denn auch Schnee aus der Kanone oder der Lanze braucht Kälte. Werden die geeigneten Wetterfenster kürzer, steigen die Kosten. Hinzu kommen Fragen des Wasser- und Energiebedarfs sowie die Investitionskosten. Wer heute baut, investiert damit in eine Infrastruktur, die oft jahrzehntelang genutzt werden soll. Genau deshalb sollte sie auch für unterschiedliche Zukunftsszenarien funktionieren. Energiebedarf, Mobilität und mögliche Folgekosten müssten von Anfang an mitgedacht werden. Klimaanpassung und Klimaschutz gehören für Steiger zusammen gedacht. Trotz aller Veränderungen zeichnet Steiger kein Bild eines unmittelbar bevorstehenden Endes des alpinen Wintertourismus. Der Klimawandel bedeute nicht, dass von heute auf morgen niemand mehr Ski fahren könne. Aber die Bedingungen verändern sich, und damit auch die Grundlagen, auf denen heute Investitionsentscheidungen getroffen werden.
Steiger warnt vor Extremen: „Wir dürfen weder fatalistisch sein noch die Vorstellung haben, Technik könne jedes Problem dauerhaft lösen. Regionen brauchen ein realistisches Bild ihrer Risiken, einen langen Planungshorizont und den Mut, frühzeitig Alternativen aufzubauen.“ Der Klimawandel zwingt Regionen dazu, sich selbst neu zu betrachten. Eine solche Auseinandersetzung muss nicht zwangsläufig Verlust bedeuten. Sie kann auch neue Möglichkeiten eröffnen. Denn am Ende geht es dem Ökonomen nicht darum, den Wintertourismus abzuschreiben. Es geht darum, ihn realistischer zu planen. 
Die vielleicht wichtigste Botschaft, die Robert Steiger bei den Land|Gesprächen mitgeben wird, ist: Nicht die Suche nach der einen großen Lösung wird die Zukunft alpiner Regionen entscheiden, sondern die Fähigkeit, rechtzeitig mehrere gute Möglichkeiten zu schaffen.9. Land Gespräche Hittisau

9. Land Gespräche Hittisau

„Wie eine konsens­fähige weitere Entwicklung des touristischen Angebots im Alpenraum gelingen kann“
Sa, 17. Oktober 2026 ab 13.30 Uhr, Ritter-von-Bergmannsaal in Hittisau, kostenfrei
Anmeldung über tourismus@hittisau.at

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.