Peter Melichar

ehemals Historiker im „vorarlberg museum“ 2009-2026

 

„Mythenumrankte Verbundenheit“

Oktober 2026

Die Kunst, eine Firma zu gründen und nicht unterzugehen: Franz Martin Hämmerle & seine Erben, Teil II.

Die vier Söhne des Gründers Franz Martin Hämmerle (1815–1878) waren als Gesellschafter der Firma zu Reichtum gekommen, der nur zu einem kleinen Teil in den Villen und Landhäusern in Dornbirn, am Bödele und in Wien zum Ausdruck kam; ganz wesentlich war der Erwerb von Grundstücken, keineswegs nur für die Firma. Einen besonderen Ruf erwarb sich das Unternehmen durch soziale Maßnahmen für seine Arbeiterinnen und Arbeiter. Um Arbeitswege zu verkürzen, wurden Arbeiterwohnhäuser gebaut, in den Betrieben Waschmöglichkeiten, Bäder, Duschen, Betriebsküchen und Kantinen eingerichtet, auch ein Pensionsfonds. Das geschah nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, sondern war dem Kampf um Arbeitskräfte geschuldet, der angesichts der expandierenden Industrie entbrannt war. Ein regelrechter Kult wurde um die Dauer der Betriebszugehörigkeit veranstaltet, jährlich feierte man die Jubilare. Über Jahrzehnte und generationenübergreifend entstand eine „mythenumrankte Verbundenheit“ (Ingrid Böhler) der Belegschaft mit dem Unternehmen.
Legendär war auch das Mäzenatentum: Die vier Brüder, vor allem Otto (1846–1916) und Viktor (1855–1946), förderten in Dornbirn Vereine, das Schulwesen, den Straßenbau und vieles andere. Theodor Hämmerle (1859–1930) förderte in Wien Musiker und Komponisten, bestellte aber auch eine Monumentalskulptur für das Familiengrab am Grinzinger Friedhof bei Albert Bechtold. 
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde ein Generationswechsel eingeleitet. Die für alle Unternehmen entscheidende Frage der Nachfolge war von zwei Faktoren geprägt: Der große Altersunterschied der Brüder – zwischen Otto und Guntram (1862–1923) lagen 16 Jahre – ermöglichte einen fließenden Übergang. Drei der fünf Söhne Ottos – einer starb früh, einer wurde Künstler – prägten die Nachfolge: Martin (1874-1946), der älteste Sohn Ottos, ein studierter Chemiker, übernahm die Firmenleitung, Norbert (1878-1972) übernahm nach der Ausbildung in der Textilschule in Reutlingen die Spinnereien, Arthur (1890-1958) ging nach Wien, um Theodor zu unterstützen. Da Viktor und Theodor jeweils ‚nur‘ eine Tochter hatten, musste das Erben neu geregelt werden. Nach dem Tod des Gründers 1878 hatten aufgrund einer testamentarischen Verfügung die Töchter und deren Kinder keine Gesellschaftsanteile erhalten; sie wurden ausgezahlt. Nun erbten auch die fünf Enkelinnen Franz Martin Hämmerles die Anteile ihrer Väter, wurden Gesellschafterinnen. Der 1922 in Kraft getretene Gesellschaftervertrag regelte, wer unter welchen Bedingungen Gesellschafter werden konnte und auch die Ablösesumme im Falle des Ausscheidens. 
Die neue Konstellation eröffnete auch den Ehemännern der Hämmerle-Töchter Chancen. Insbesondere zwei wurden in der Krisenzeit nach 1918 prominent: Adolf Frisch (1888–1934), Ehemann von Eugenie, einer Tochter Guntrams, spielte nicht nur als Prokurist der Firma eine wichtige Rolle, sondern vor allem als Repräsentant in Industrieverbänden und in der Handelskammer. Auch der Ehemann von Viktors Tochter Elisabeth, Gustav Wagner-Wehrborn (1897–1939), trat in die Firma ein. Er fungierte – als Nachfolger von Franz Martins jüngstem Bruder Baptist Hämmerle (1845–1933) – als Finanzchef des Unternehmens. Wagner-Wehrborn hatte nach dem Ersten Weltkrieg bei der Merkurbank gearbeitet, zuletzt als Direktor in Innsbruck. Diese Verbindungen waren für F. M. Hämmerle wichtig: Arthur Hämmerle wurde 1932 Aufsichtsrat der mit der Dresdner Bank eng verbundenen Merkurbank in Wien.

Der große Plan
Wie sein Schwiegervater Viktor engagierte sich Gustav Wagner-Wehrborn für die Nationalsozialisten, auch nach dem Verbot der NSDAP 1933. Abgesehen von der Unterstützung der lokalen NS-Verbände (er wurde einige Monate inhaftiert, musste Strafe zahlen, seine Rückkehr wurde provokant als Triumphzug durch Dornbirn inszeniert) entwickelte er den Plan, den ersehnten Anschluss an NS-Deutschland (Hitler war seit 1933 Reichskanzler) optimal zu nutzen. 1934 erwarb man in Meersburg aus jüdischem Eigentum eine Firma, Wagner-Wehrborn übernahm deren Leitung. Auch weitere Mitglieder der Familie engagierten sich in der sogenannten Verbotszeit 1934–1938 für die NSDAP, auch Rudolf Hämmerle (1904-1984), ein Sohn von Martin. Wie ehemals Otto und Viktor saß er dennoch im Dornbirner Stadtrat. Die Firma deklarierte sich eindeutig: Man engagierte den bekannten Nationalsozialisten Harald Eberl als Anwalt und im September 1937 begrüßte der Seniorchef Viktor Hämmerle eine Abordnung deutscher Unternehmer in Dornbirn mit dem unmissverständlichen Bekenntnis: Man habe „in Oesterreich die Entwicklung der letzten Jahre im Deutschen Reich unter der Führung Adolf Hitlers mit ehrlicher Freude und offener Bewunderung verfolgt“. Im selben Monat verlieh ihm Bundespräsident Wilhelm Miklas das Komturkreuz des österreichischen Verdienstordens.
Der Anschluss ermöglichte die Übernahme wichtiger Positionen: Wagner-Wehrborn trat in das Kuratorium der Landeshypothekenbank ein, Rudolf Hämmerle in jenes der Landes-Feuerversicherung. Der große Plan zur Expansion im Rahmen der „völkischen Neuordnung“ wurde verwirklicht: Gleich mehrere als jüdisch geltende Unternehmen und Firmenanteile wurden erworben, die Teesdorfer Spinnerei, dann gemeinsam mit Franz Martin Rhomberg das Wiener Kaufhaus Herzmansky und schließlich kaufte man noch große Anteile des Zellwolleproduzenten Lenzing AG. Im Industriesektor hatte kein Unternehmen mehr arisiert als F. M. Hämmerle. Dazu passte, dass der Hausfotograf Franz Beer einfühlsame Bilder des Wingathofes aufnahm (damals von Arthur bewohnt), von denen eines in der guten Stube ein Hitlerporträt zeigt. Unmittelbar nach Kriegsbeginn am 11. September 1939 fiel Wagner-Wehrborn als Oberleutnant der Wehrmacht in Polen. In Dornbirn gelang mit politischem Druck noch die Übernahme der Rüschwerke (wieder gemeinsam mit der Firma Franz Martin Rhomberg), um Rüstungsaufträge zu sichern. Wie sehr Firmenleitung und wohl auch Teile der Belegschaft sich mit dem Regime identifizierten, zeigt die Firmenzeitung „Dreihammer“.
Nach dem Einmarsch der Franzosen im Mai 1945 wurden mehrere Mitglieder der Firmenleitung inhaftiert. Über die Seniorchefs Viktor und Martin wurde Hausarrest verhängt. Beide verstarben 1946. Das Unternehmen wurde unter öffentliche Verwaltung gestellt. Als Leiter wurde Rudolf Seidl installiert, seit 1936 Direktor der Firma. Er handelte mit den vertriebenen Eigentümern akzeptable Rückstellungsbedingungen aus. Obwohl selbst Parteimitglied, konnte er sich glaubwürdig als Nazigegner darstellen. Außerdem hatte in der schweren Nachkriegszeit niemand ein allzu großes Interesse, den größten Industriebetrieb des Landes lahmzulegen, der übrigens schon unmittelbar nach Kriegsende dank großer Aufträge aus der Schweiz und Frankreich erstaunliche Gewinne abwarf. Das war auch der Grund dafür, dass Arthur Hämmerle – seit 1939 der Firmenchef – schon 1946 freikam und auch die am stärksten belasteten Familienmitglieder (Franz, Hubert und Rudolf) spätestens 1947 entlassen wurden. Rudolf Hämmerle wurde vom Bundespräsidenten begnadigt, seiner politischen Karriere in der ÖVP stand nichts im Wege. Max Riccabona, damals noch Rechtsanwalt, schrieb 1953 an Leopold Figl, den er aus dem KZ kannte, es wäre ihm „vollkommen unmöglich“ für die ÖVP politisch tätig zu sein: „Die Tendenz ist dadurch genügend gekennzeichnet, dass an vierter Stelle für die Nationalratswahlen der ehemalige Illegale und SS Funktionär Ing. Rudolf Hämmerle, aus der bekannten Dornbirner Industriellenfamilie kandidiert.“ Der ehemalige SS-Mann saß über Jahre im Nationalrat und schrieb familiengeschichtliche Abhandlungen, in denen er das „gemeinsame Bluterbe“ beschwor.

Verwandlung
Die Firma florierte – nicht zuletzt dank der Marshallplankredite – über Jahrzehnte. Erst die globale Krise der europäischen Textilwirtschaft in den 1980er und 90er Jahren, ausgelöst durch die Konkurrenz in Fernost, der viele Betriebe zum Opfer fielen, zwang auch F. M. Hämmerle zum Rückzug aus der Textilbranche. Länger erhalten blieben der seit 1949 bestehende Betrieb in Südafrika und die Spinnerei Gisingen, die erst 2016 stillgelegt wurde. 
Aus einem Industriebetrieb mit zeitweise annähernd 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde nach einer Metamorphose ein Immobilienverwaltungs- und Entwicklungsunternehmen mit etwa 30 Angestellten, mittlerweile das größte private Unternehmen der Branche in Vorarlberg. Der gewaltige Immobilienbesitz und die vielen Standorte ermöglichten das neue Geschäftsfeld: die Entwicklung von Gewerbeparks, Siedlungsanlagen, lukrative Verpachtungen (wie etwa das Areal der Rüschwerke an die „inatura“). Zum Erbe der einstigen „Weltfirma“ gehört auch ein großes Firmenarchiv, das gegenwärtig nicht zugänglich ist. Dokumente von industriehistorischer Bedeutung befinden sich zudem im Besitz von Nachkommen.
Die bemerkenswerte Innenaufnahme einer Stube der Otto Hämmerle-Villa mit einem Porträt des Führers an der Wand war vor einigen Jahren für einige Tage auf einer großen Foto-Plattform zu sehen. Dann wurde es vom Netz genommen, offenbar nach einer Intervention. Ist dieser Umgang mit der Vergangenheit sinnvoll? Welchen Zweck hat das Verbergen des Offensichtlichen? Könnte nicht ein offener Umgang mit der Vergangenheit zeigen, dass man sich mit den Praktiken und Haltungen der Vorfahren, so respektabel ihre Leistungen in geschäftlicher Hinsicht auch gewesen sein mögen, nicht mehr identifiziert?

Eine Langfassung erscheint in der historischen Zeitschrift „Montfort“

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