

4-Tage-Woche – Eine realitätsfremde Träumerei
ie Gewerkschaft fordert wieder einmal die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich – mit falscher Argumentation und falschen Annahmen skizziert sie ein utopisches Ziel. Eine Studie des Wirtschafts-forschungs-instituts EcoAustria belegt, dass ein solches Modell allen schaden würde.
Gewerkschafter aus der Vierländerregion fanden sich Anfang Monat im Rahmen des Gewerkschaftsrats Bodensee in Bregenz ein. Der ORF Vorarlberg berichtete von diesem Treffen, mit folgender Anmoderation: „Globalisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, unsere Arbeitswelten verändern sich so rasant wie noch nie. Unsere Arbeitszeiten hingegen sind stehengeblieben, die 40-Stunden-Woche etwa stammt aus den Siebzigern und gilt heute noch, die Gewerkschaft will das ändern und die Arbeitszeiten an die neuen Realitäten anpassen.“ Reinhard Stemmer, Landesvorsitzender des ÖGB, sagte im Beitrag: „Im Allgemeinen geht es um eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.“ Was Stemmer nicht sagte, aber den Gewerkschaftern insgesamt vorschwebt: 32 statt 40 Stunden. Die Viertagewoche.
Nun ist die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich nicht neu, sie wird in regelmäßigen Abständen erhoben. Sie mag in projektbezogenen Berufsfeldern, etwa im Dienstleistungssektor, auch durchaus möglich sein und wird in Einzelfällen praktiziert. Nur fordern die Gewerkschafter einen Maßstab, nach dem sich alle richten sollen; und begründen dies unter anderem mit dem Satz, Produktivitätsgewinne der Vergangenheit müssten den Beschäftigten heute in Form höherer Löhne und einer Arbeitszeitverkürzung zugutekommen.
Die Realität ist eine andere
Das ist realitätsfern. Kürzere Arbeitszeiten mögen zwar durchaus die Work-Life-Balance erhöhen und damit einem angeblich zentralen Wunsch der Generation Z entsprechen. Aber: Österreich befindet sich im dritten Rezessionsjahr, verliert an Wettbewerbsfähigkeit, die gesamte Wirtschaft steht massiv unter Druck, die aktuelle Industriekonjunktur im Land zeigt das deutlich. Julian Fässler, der Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, sagt deswegen: „Wir sind nicht in einer Phase, in der zusätzliche Kosten und weniger Arbeitszeit problemlos aus Produktivitätsgewinnen finanziert werden können. Historische Produktivitätsgewinne sind kein Freibrief für Arbeitszeitverkürzung.“
Produktivität sei schließlich kein historisches Guthaben, das man heute einfach aufbrauchen könne, entscheidend sei, was Unternehmen heute erwirtschaften und welche Kosten sie aktuell tragen müssten. Fässler: „Kann sich ein Land, das im internationalen Wettbewerb zurückfällt, dessen Wirtschaft unter Druck steht und dessen Produktivitätsentwicklung schwach ist, eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich leisten? Unsere Antwort lautet: Auf absehbare Zeit nicht.“
Eine bizarre Argumentation
In gewissen Punkten ist die Argumentation der Gewerkschaft auch schlichtweg falsch. Die Globalisierung hat beispielsweise gewiss nicht dazu geführt, dass Arbeitnehmer heute weniger zu tun hätten, taugt also mitnichten als Argument, das für eine Arbeitszeitverkürzung spräche. Ganz im Gegenteil hat die Globalisierung den Wettbewerbsdruck auf Unternehmen drastisch erhöht. Der Bedarf an zeitlicher Flexibilität und Arbeitsleistung ist in vielen Branchen und besonders in der exportierenden Wirtschaft gestiegen und nicht gesunken. Auch haben Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zwar die Arbeit in bestimmten Branchen erleichtert, sie haben Routinetätigkeiten ersetzt; der technologische Wandel hat aber vielfach nur die Art der Tätigkeiten verändert. Und in vielen Sektoren – wie etwa in der Pflege, in der Gastronomie, im Handwerk – ist physische Präsenzzeit unverändert erforderlich.
Zudem ignoriert die generelle Behauptung, die Arbeitszeiten seien stehengeblieben, die Realität. Soll heißen: In Österreich ist die gesetzliche Normalarbeitszeit im Arbeitszeitgesetz zwar grundsätzlich mit 40 Stunden pro Woche festgelegt, viele Kollektivverträge sehen jedoch branchenspezifisch bereits eine geringere wöchentliche Normalarbeitszeit für eine Vollzeitbeschäftigung vor.
Die Volkswirtschaft
Wie sich eine Arbeitszeitverkürzung tatsächlich auf Österreichs Volkswirtschaft auswirken würde, das geht aus einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria hervor. Darin untersuchen die Wirtschaftsforscher verschiedene Szenarien – und kommen zu dem Schluss, dass sich alle Modelle, die da mitunter diskutiert werden, volkswirtschaftlich negativ auswirken würden – für die Arbeitgeber, für die Arbeitnehmer und für den Staat.
Das würde selbst für eine Viertagewoche mit 32 Stunden ohne Lohnausgleich gelten, sagt Studienautor Johannes Berger im Gespräch mit Thema Vorarlberg: „In diesem Szenario würde es zwar mehr Beschäftigte geben. Aber es würde bei weitem nicht ausreichen, um die Reduktion der Arbeitszeit zu kompensieren.“ Letztlich würde selbst dieses Modell ohne Lohnausgleich dazu führen, „dass das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen und dementsprechend auch die Wirtschaftsleistung sinkt, dass die Einkommen der Haushalte im Schnitt sinken und damit auch die Konsummöglichkeiten.“
Eine negative Spirale
In einem Szenario mit Lohnausgleich wären die volkswirtschaftlichen – selbstredend auch die betriebswirtschaftlichen – Folgen nochmals negativer, und das sogar deutlich: „Eine Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich würde zu höheren Stundenlöhnen führen, also zu steigenden Lohnkosten in den Betrieben. Damit würden auch die Lohnstückkosten steigen, also die Arbeitskosten pro produzierter Einheit eines Gutes oder einer Dienstleistung – und das würde wiederum die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen entsprechend beeinträchtigen.“
Dabei, sagt Berger, habe Österreichs Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der stark gestiegenen Löhne der jüngeren Vergangenheit ohnehin schon stark gelitten. Und deswegen wehrt sich die Wirtschaft vehement gegen diese Forderung. „Steigen die Kosten je Arbeitsstunde stärker als die Produktivität, wird die Produktion teurer und Österreich verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit“, warnt Kammer-Direktor Fässler, „eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde diesen Kostendruck zusätzlich verschärfen.“ Laut Berger würden durch Arbeitszeitverkürzung klarerweise auch die Einkommen von Selbständigen beziehungsweise Kapitaleinkommen zurückgehen.
Doch auch die Arbeitnehmerschaft würde von diesem Modell nicht profitieren, heißt es in der Studie: „Trotz Lohnausgleich gehen die verfügbaren Einkommen zurück. Erstens kann der Anstieg der realen Stundenlöhne das Ausmaß der Stundenreduktion nicht vollständig kompensieren und zweitens reduziert die rückläufige Beschäftigung die Einkommen.“ Rückläufige Beschäftigung? „Die Unternehmen müssen die höheren Kosten in ihren Preisen weitergeben, das reduziert ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit ihre Exporte, infolgedessen wird weniger produziert – und damit brauchen die Unternehmen weniger Beschäftigte.“
In einer weiteren Hinsicht ist die Forderung nicht durchdacht, würde damit doch ein bestehendes Problem weiter verschärft: Der Fachkräftemangel. Soll heißen: Wenn bei Aufrechterhaltung der Produktion jeder Beschäftigte tatsächlich 20 Prozent weniger arbeitet, entsteht in der Summe ein riesiges Defizit an geleisteten Arbeitsstunden. Da aber bereits heute Fachkräftemangel herrscht, können Unternehmen diese Lücken nicht durch Neueinstellungen füllen, weil das Personal schlichtweg nicht existiert.
Ein weiterer Verlierer
Und verlieren würde schließlich auch der Staat. Nochmals aus der EcoAustria-Studie zitiert: „Eine derart ausgeprägte Arbeitszeitverkürzung hat auch deutliche Auswirkungen auf die Finanzierung der öffentlichen Aufgaben. Bei allen wesentlichen Einnahmenaggregaten, etwa bei Konsumsteuereinnahmen, Sozialversicherungsbeiträgen, Lohn- und Einkommensteuern, aber auch bei der Körperschaftsteuer, wären signifikant geringere Aufkommen zu verzeichnen.“
Die von der Gewerkschaft geforderte Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde also eine Spirale der Negativitäten in Gang setzen, bei der alle verlieren, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und der Staat? „Das zeigen unsere Modelle“, sagt Berger, Leiter des Forschungsbereichs Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung bei EcoAustria. Abschließende Frage an den Oberösterreicher: Zeigt sich in solchen Gewerkschaftsforderungen eine gewisse Wirtschaftsfeindlichkeit und eine gewisse Realitätsferne? Berger wählt folgende Formulierung: „In einer Volkswirtschaft gibt es unterschiedliche Interessen, zumindest in Teilen. Allerdings sollte man im Auge – oder besser gesagt: im Kopf – haben, welche Effekte mit solchen Forderungen verbunden wären.“
Derweil wehren sich Wirtschaftsvertreter und Ökonomen auch in Deutschland gegen die Gewerkschaftsrufe nach einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Steffen Kampeter, der Chef der deutschen Arbeitgeberverbände, nennt die Forderung beispielsweise schlicht: Eine Milchmädchenrechnung.
Die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich soll den Gewerkschaftern zufolge übrigens nicht nur den Mitarbeitern einen Ausgleich, sondern auch den Unternehmen mehr Produktion bringen.
Auch das ist eine utopische Annahme. Auf der Homepage der economiesuisse, also des Schweizer Wirtschaftsdachverbands, findet sich ein Artikel mit dem Titel „Ist die Viertagewoche ein Wundermittel?“. Und dort heißt es: „Was würde nun passieren, wenn man – bei gleichem Lohn – die Arbeitszeit um einen Tag pro Woche verkürzt? Steigt dann die Produktivität um 20 Prozent, so dass dies den um 20 Prozent höheren Stundenlohn rechtfertigen würde? Die Antwort ist einfach: In der Breite ist das unmöglich. Frankreich hat mit der 35-Stunden-Woche (und weiteren Vorschriften) gezeigt, wohin eine solche dirigistisch verordnete Politik führt: Die Wirtschaft entwickelt sich schlecht und die Löhne sind tief.“
Die Forderung nach einer Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich mag in Einzelfällen, beispielsweise in der IT, Kreativ- und Dienstleistungsbranche funktionieren, sie mag dort realisierbar sein, wo Mitarbeiter projektbezogen arbeiten. Aber in Branchen mit Präsenzpflicht und direktem Kundenkontakt, also in den weitesten Teilen der Wirtschaft, ist das Modell ohne massive Mehrkosten oder Leistungsabbau nicht umsetzbar. Das wird auch die Gewerkschaft wissen. Umso fragwürdiger ist ihre ständige Wiederholung der Forderung: Sie erweckt damit den Eindruck, man könne bei immer weniger Arbeit den gleichen materiellen Wohlstand beibehalten – und sorgt letztlich auch für Frust der Beschäftigten, indem sie unerfüllbare Erwartungen schürt – Erwartungen, die an der wirtschaftlichen Realität komplett vorbeigehen.









Kommentare