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Der Heimarbeit auf der Spur

Im Rahmen des Projekts „Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch“ wird ein vielfältiges Rahmenprogramm über das in Vorarlberg einst weitverbreitete Arbeitsmodell geboten.
Andrea Komlosy, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, beleuchtet das Thema dabei aus einer globalhistorischen Perspektive.

Heimarbeit war in ganz Vorarlberg über Jahrhunderte eine verbreitete Produktionsform. Mit dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war diese Arbeitsform in Vorarlberg trotz voranschreitender Industrialisierung und Automatisierung weiterhin ein fester Bestandteil des industriellen Produktionsprozesses. Sie erreichte einen Höchststand in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre. Ab den 1990er-Jahren ging sie kontinuierlich zurück. Doch in der regionalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wurde Heimarbeit nach dem Jahr 1945 bisher wenig beschrieben, obwohl diese Form der Arbeit den meisten Vorarlbergern ein Begriff ist. Das sozial- und wirtschaftshistorische Forschungs- und Sammelprojekt „Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch“ beschäftigt sich deshalb intensiv damit. Das Ziel ist das „unsichtbare“ industrielle Arbeitsmodell Heimarbeit, seine Protagonistinnen und deren Leistung sichtbar zu machen. Barbara Motter und Barbara Grabherr-Schneider sind die Initiatorinnen und Kuratorinnen des Projekts und haben seit 2015 in Vorarlberg zu diesem Thema recherchiert. Um akademisches Wissen praktisch zu erschließen und erfahrbar zu machen, wenden Motter und Grabherr-Schneider Methoden der „Angewandten Geschichte“ an: „Das gemeinsame Sammeln und über das Thema diskutieren, soll möglichst vielen Interessierten und vor allem Zeitzeuginnen eine aktive Beteiligung am Projekt ermöglichen. Erzählabende, Interviews und Dialogführungen sind dabei typische Beteiligungsformate.“ So konnte 2016 das vorarlberg museum als Projektpartner für die umfassende Basisrecherche und für die Durchführung von Gesprächen mit Zeitzeuginnen gewonnen werden. 2017 wurde in Zusammenarbeit mit dem Angelika-Kauffmann-Museum und durch die Unterstützung der Gemeinde Schwarzenberg ein Zwischenstand des Projektes mit der Ausstellung „Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch“ – mit dem Schwerpunkt Bregenzerwald – präsentiert. Seit April 2018 ist eine weitere Ausstellung zum Thema Heimarbeit im Stadtmuseum Dornbirn zu sehen. Dort liegt der Fokus auf dem Industrieballungsraum Rheintal. Ein Blick auf die Arbeitsbeziehungen über den Rhein wurde durch die Zusammenarbeit mit dem Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz möglich.

Heimarbeit global betrachtet

Die an der Universität Wien tätige Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Andrea Komlosy bereicherte das Projekt „Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch“ mit der Betrachtung des Themas durch eine globalhistorische Perspektive. Im Gespräch mit „Thema Vorarlberg“ erklärt sie die Gründe der Verlagerung der Heimarbeit von unserer Region in Schwellenländer: „Speziell in der Bekleidungsindustrie sind trotz hohem Industrialisierungsgrad viele individuelle Arbeiten am einzelnen Produkt erforderlich, daher wurden viele dieser Spezialanfertigungen und arbeitsintensiven Tätigkeiten in Länder mit niedrigen Lohnniveaus ausgelagert.“ Etwa in europäische Länder wie Bulgarien, Moldawien und Georgien, mit Marokko und Tunesien auch in den nordafrikanischen Raum sowie nach Mittelamerika und China; und in weiterer Folge nach Bangladesch, Vietnam und Kambodscha. Komlosy beobachtet aber, dass es mittlerweile auch eine „Rückwanderung“ gibt: „Speziell in Modemetropolen, etwa in Paris, ist zu sehen, dass die letzten Fertigungsschritte von Textilien wieder vor Ort – also in der Nähe des Konsumzentrums – vorgenommen werden. Zum Teil in kleinen Werkstätten, zum Teil aber auch in den Wohnungen der Bearbeiterinnen.“ Ob dieser neuen Form der Heimarbeit ist der Wirtschafts- und Sozialhistorikerin generell wichtig zu betonten, dass der Kontext dieser Form der Arbeit berücksichtigt werden soll: „Durch Heimarbeit wird der Zugang zu Arbeitskräften geschaffen, die sonst nicht verfügbar wären; in den meisten Fällen ist aber nicht klar, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Die Frage ist, ob die Heimarbeiterin ihre Tätigkeit selbstbestimmt in ihren Alltag integrieren kann oder nicht. Denn die meist sehr arbeitsintensive Tätigkeit erfordert hohe Konzentration – das in den Alltag zu integrieren, ist schwierig. So ergeben sich Zeitkonflikte, wenn beispielsweise auch Kinder zu Hause betreut oder Angehörige gepflegt werden. Es stellt sich hier immer die Frage, was Vorrang hat – das sind sehr ungünstige Arbeitsbedingungen.“ In diesem Zusammenhang bringt Andrea Komlosy auch eine neue Form der Heimarbeit ins Spiel, die keine Hausarbeit ist, aber dennoch unbezahlt: „Schattenarbeit – unter diesem Begriff verstehe ich Tätigkeiten wie die Abwicklung von Bankgeschäften, Behördengängen oder Einkäufen über das Internet. Das alles sind Tätigkeiten, die an die Konsumenten ausgelagert werden. Diese Schattenarbeit ist ein wesentlicher Zeitfaktor, denn diese Aufgaben werden nicht nur Zuhause, sondern überall dort erledigt, wo es Internet gibt.“

Projekt „Heimarbeit – Wirtschaftswunder am Küchentisch“

Die Ausstellungen zum Projekt können im Angelika-Kauffmann-Museum in Schwarzenberg bis 28. Oktober 2018 und im Stadtmuseum Dornbirn jetzt verlängert bis 24. Februar 2019 besucht werden. Die Online-Plattform www.heimarbeit-vorarlberg.at begleitet den aktiven Dialog mit Zeitzeuginnen und dokumentiert den aktuellen Stand der Sammlung und Recherche. Das Veranstaltungsprogramm und das Vermittlungsangebot für Schulen sind ebenfalls auf der Projektseite zu finden.

Veranstaltungs­tipp

Mittwoch, 24. Oktober 2018, 18 Uhr

Unerhört selbstständig?
Impulsvortrag und Gespräch im Stadt­museum Dornbirn: Arno Fitz, Historiker und Obmann des Vorarlberger Wirtschaftsarchivs, hat mit seinen Forschungsarbeiten zur veränderten Stellung der Frauen in der frühindustriellen Familie ein Grundlagenwerk geschaffen, das bis heute seine Gültigkeit hat. An diesem Abend wird der Blick auf die Anfänge der Heimarbeit in Vorarlberg möglich. 

 

08.10.2018

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Heimarbeiterin mit Kinderschar, Lustenau 1970

Andrea Komlosy

ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin an der Universität Wien. Ihr Forschungsgebiet ist unter anderem die globale Geschichte der Arbeit. Mit der Publikation „Arbeit: Eine globalhistorische Perspektive, 13. bis 21. Jahrhundert“ hat sie 2014 ein Standardwerk geschaffen, das auch bereits ins Englische übersetzt wurde. 

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