Herbert Motter

Tauziehen um die besten Hände und Köpfe

März 2019

Dilemma 1: Der Bedarf der österreichischen Betriebe an qualifizierten Mitarbeitern wächst alarmierend, die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage vergrößert sich stetig.
Dilemma 2: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird aber in Zukunft deutlich sinken. Folge: Der Fachkräftemangel nimmt stetig zu.

Der Fachkräftemangel ist längst Realität in unserer Gesellschaft sowie in der Arbeitswelt geworden; er schreitet, in Verbindung mit der rasanten Automatisierung und Digitalisierung, unangenehm schnell voran. Unternehmen stehen vor der Problematik, geeignete Bewerber und zukünftige Mitarbeiter zu finden, um offene Stellen zu besetzen. 
In Vorarlberg liegt das Thema gerade einmal wieder auf dem parteipolitischen OP-Tisch und wird nach allen Regeln der Sezierkunst zerlegt. Es ist Wahlzeit, da macht es sich gut, sich gegenseitig Versäumnisse vorzuwerfen. Eine Landtags­anfrage jagt die andere, alle mit ähnlicher Fragestellung: Wer trägt die Verantwortung am Fachkräftemangel und was muss schleunigst dagegen getan werden? 

Ursachen

Wohl wesentlichste Ursache des Fachkräftemangels in allen Industriestaaten, so auch in Österreich, ist das Altern der Gesellschaften, die das Angebot von Arbeitskräften generell verknappt. Wenn zudem konjunkturelle Hochzeiten herrschen, wiegt die Problematik noch schwerer. Verschärft wird der Fachkräftemangel durch den raschen Strukturwandel, einerseits von arbeits- zu fähigkeitsintensiven Branchen, andererseits von mechanischen zu elektronischen Technologien. Und nicht zuletzt führt die Digitalisierung zu massiven Umschichtungen von weniger qualifizierten Routinearbeiten zu anspruchsvollen wissensbasierten Tätigkeiten. Die digitale Technologie transformiert die Welt der Arbeit grundlegend: Neue Berufsbilder entstehen, die völlig neue Fähigkeiten und Qualifikationen verlangen. Wenn etwa eine spezifische Branche oder ein Tätigkeitsfeld überdurchschnittlich schnell und stark an Bedeutung gewinnt, kommt der Arbeitsmarkt nicht nach, sich darauf einzustellen.

Ein westösterreichisches Problem

In fast allen Teilen der österreichischen Wirtschaft ist 2018 der Fachkräftemangel bereits wahrnehmbar. Insgesamt geben 87 Prozent der rund 4500 im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich befragten Unternehmen an, dass sie 2018 den Mangel an Fachkräften gespürt haben, 75 Prozent bereits in starker Form. Besonders intensiv wird der Mangel an Fachkräften in mittelgroßen Betrieben, im Tourismus (vor allem Köche), im handwerklich-technischen Bereich sowie generell in Westösterreich. 
Der Vorarlberger Arbeitsmarkt etwa muss zudem rund 16.000 Vorarlberger Arbeitspendler ins benachbarte Ausland verkraften. Vielfach gut ausgebildete Fachkräfte, die den heimischen Betrieben aktuell besonders fehlen. Nach Berufsgruppen betrachtet haben die Betriebe vor allem Schwierigkeiten, geeignete Mitarbeiter für Handwerksberufe zu finden (45 Prozent), gefolgt von Technikern außerhalb des IT-Bereichs (21 Prozent) und Mitarbeiter für das Gastgewerbe (19 Prozent).

Demografischer Wandel

Der Fachkräftebedarf in Österreich steht jedenfalls nicht nur in einem starken Zusammenhang zum Qualifikationsbedarf der Wirtschaft, sondern auch zum verfügbaren Fachkräfteangebot, das wiederum stark von der demografischen Entwicklung beeinflusst wird. Dabei wird in den nächsten Jahren von zwei Seiten demografischer Druck auf das Fachkräfteangebot ausgeübt: Sinkende beziehungsweise stagnierende Zahl an Berufseinsteigern und steigende Zahl an Berufsaussteigern. Besonders eindrucksvoll lässt sich diese Entwicklung veranschaulichen, wenn die Zahl der 20-Jährigen mit jener der 60-Jährigen verglichen wird. Etwa seit 2015 ist die Zahl der 60-Jährigen in Österreich höher als jene der 20-Jährigen. 2024 wird laut Statistik Austria die Zahl der 60-Jährigen jene der 20-Jährigen um mehr als 40.000 Personen überragen. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der 20- bis 60-Jährigen generell um mehr als 230.000 Personen zurückgehen. „Wenn die Generation der Babyboomer in den nächsten Jahren in Pension geht, laufen wir Gefahr, dass der Fachkräftemangel chronisch wird. Das Bildungsangebot muss sich dahingehend ändern, dass die nachgefragten Qualifikationen auch gedeckt werden können. Da sich das Problem ja nicht auf Österreich beschränkt, wird der Wettbewerb um gut ausgebildete Kräfte in den nächsten Jahren härter werden“, warnt IHS-Chef Martin Kocher vor einer weiteren Verschärfung des Problems.

„Wenn die Generation der Babyboomer in den nächsten Jahren in Pension geht, laufen wir Gefahr, dass der Fachkräftemangel chronisch wird.“ Martin Kocher IHS-Chef

Betroffene Branchen

Die gute Wirtschaftslage in Vorarlberg veranlasst viele Unternehmen, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen und Personal einzustellen. So stieg die Zahl der unselbstständig Beschäftigten weiter an und erreichte mit 170.100 Personen Ende Dezember 2018 einen Rekordstand.
Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der offenen Stellen auch 2018 im Vergleich zum Vorjahr. „Im Jahresdurchschnitt waren beim AMS Vorarlberg 3555 sofort verfügbare Stellen ausgeschrieben, was einem Anstieg von 482 entsprach“, erläutert AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter. Die meisten offenen Stellen gibt es in den Bereichen Metall/Elektro und Gastronomie, Tourismus sowie im Handel. Den stärksten Zuwachs verzeichnete die Gesundheitsbranche mit einer Verdoppelung der offenen Stellen, gefolgt vom Handel mit +12,3 Prozent. Dem gegenüber stehen aktuell etwa 9900 vorgemerkte Arbeitslose. Auf eine offene Stelle entfallen demnach rund drei Arbeitslose. 
Warum dennoch ein Mangel an Fachkräften besteht, liegt an der Nicht-Übereinstimmung zwischen gesuchten und angebotenen Qualifikationen – dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich wirtschaftliche Strukturen und damit die Anforderungen an Arbeitsuchende verändern. 
So ist trotz bestehender Arbeitslosigkeit ein Engpass an Fachkräften möglich. Angebot und Nachfrage stimmen eben nicht überein. Dauert diese Situation langfristig an und ist sie flächendeckend, spricht man von einem Fachkräftemangel. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht dann ein höherer Konkurrenzdruck und härterer Wettbewerb zwischen Arbeitgebern. Ed Michaels, Consultant bei „McKinsey & Company“, hat dafür den Ausdruck „War for Talents“, also den Kampf um die besten Talente, geprägt. 
Für Gunter Tichy, einem Grazer Ökonomen, dürfe man nicht der medialen Diskussion folgend von DEM Fachkräftemangel ausgehen. Tichy unterscheidet drei Erscheinungsformen: Die wohl gravierendste ist der Mangel an Facharbeitern; auf diesen basiert Österreichs Qualitätsproduktion und Wettbewerbsfähigkeit. Die zweite Gruppe von Mangelberufen sind Techniker höherer Qualifikation; sie sind in der Qualitätsproduktion weitgehend komplementär zur Gruppe der Facharbeiter, doch scheint bei ihnen der Mangel etwas weniger drängend. Die dritte Gruppe schließlich umfasst diejenigen, bei denen das Problem überwiegend auf mangelnder Mobilität beruht.

Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel

Eines der etabliertesten Instrumente zur Rekrutierung von Fachkräften ist das Employer Branding. Mit einem attraktiven Arbeitgeberimage und einer Erhöhung des eigenen Bekanntheitsgrads sichern sich Unternehmen Wettbewerbsvorteile im „War for Talents“.
Eine Strategie, die der Tourismus in Vorarlberg seit etwa zwei Jahren konsequent verfolgt. Spartengeschäftsführer Harald Furtner: „Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, wie wir uns von den anderen Tourismusdestinationen im Kampf um gute Mitarbeiter behaupten können. Mit identitätsstiftenden Maßnahmen soll es nun gelingen, die heimischen und ausländischen Fachkräfte noch besser und über längere Sicht an den Betrieb zu binden. Ähnlich wie jeder gute Hotel- und Gastronomiebetrieb versucht, Stammgäste zu gewinnen. Wir können uns damit einen Wettbewerbsvorteil im ständigen Bemühen um die besten Mitarbeiter schaffen, der nicht leicht kopierbar sein wird.“ Furtner hält fehlendes Bewusstsein der Politik für das Thema für problematisch. Es würde in Vorarlberg eine strukturelle Herangehensweise an die Thematik fehlen. Furtner wünscht sich für alle Branchen eine eigene Stelle mit entsprechenden Ressourcen und politischer Rückendeckung.
„Unsere Betriebe könnten mehr Aufträge annehmen, wenn nur das geeignete Personal zur Verfügung stehen würde“, sagt Bernhard Feigl, Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk. Konkret haben die Metalltechniker medial darauf aufmerksam gemacht. Deren Innungsmeister Christian Thaler sagt: „Aufgrund der fehlenden Fachkräfte müssen wir teilweise sogar Aufträge ablehnen. Der Fachkräftemangel bleibt unsere dringendste Herausforderung.“

„Über alle Branchen der Vorarlberger Wirtschaft hinweg werden schätzungsweise aktuell rund 10.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt.“ Georg Comploj Spartenobmann

Die Politik ist gefordert

Auch in der heimischen Industrie spitzt sich die Fachkräftesituation weiter zu. „Über alle Branchen der Vorarlberger Wirtschaft hinweg werden schätzungsweise aktuell rund 10.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt“, vermutet Spartenobmann Georg Comploj. Eine qualifizierte Zuwanderung müsse daher das Gebot der Stunde sein. Voraussetzung dafür, und aus Sicht der Industrie auch begrüßenswert, sind die Maßnahmen des Landes zur Schaffung einer starken „Marke Vorarlberg“. Eine gezielte Zuwanderung erfordere zudem Maßnahmen für preisgünstiges Wohnen. Für heimische und ankommende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müsse rasch auch über neue, bedarfsgerechte Wohnformen nachgedacht werden.
Für einige der wirksamsten Lösungen muss die Politik am Zug sein. Wie sieht es aus mit der Verlängerung von Lebensarbeitszeit, dem derzeitigen Arbeitszeitgesetz, dem Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder der Ausschöpfung des Potenzials von Zuwanderern?
Wie es etwa in Deutschland bereits passiert ist, sollte man auch für Österreich eine umfassende Strategie gegen den Fachkräftemangel erarbeiten, schlägt Martin Gleitsmann, Arbeitsmarktexperte der WKÖ, vor: „Österreich braucht rasch eine umfassende Offensive gegen den Fachkräftemangel, um die Chancen aus dem Konjunkturaufschwung voll nützen zu können.“ Für IHS-Chef Martin Kocher überrascht der derzeitige Fachkräftemangel nicht. In Zeiten der Hochkonjunktur werden eben mehr Fachkräfte nachgefragt. „Mittel- und langfristig stehen wir aber vor einem echten Problem, weil es ein „Mismatch“ zwischen den von den Arbeitslosen angebotenen und den von den Betrieben nachgefragten Qualifikationen gibt. Es muss Aufgabe der Bildungspolitik und der Arbeitsmarktpolitik sein, diesen Gap zu schließen.“

Selbst ausbilden

Aber auch die Unternehmen selbst müssen reagieren. Selbst ausbilden lautet die Devise. Einige Funktionen, die gerade jetzt dringend besetzt werden müssen, gibt es noch gar nicht so lange. Ebenso wenig lang wie die entsprechenden Fachausbildungen dazu. Unternehmen gehen daher seit einiger Zeit dazu über, eigene interne fachliche Ausbildungsprogramme zu entwickeln und anzubieten. Das ermöglicht ihnen, auch ungelernte Kräfte – ohne oder mit geringem Bildungsabschluss – anzusprechen und einzustellen, sie anzulernen. „Arbeitgeber sollten dringend ihre Strategie überdenken: Anstatt nur die Arbeitskräfte einzustellen, die sie für den Moment benötigen, sollten sie ihre Personalpolitik darauf ausrichten, die Fachkräfte für heute und morgen systematisch aufzubauen, “ sagt Jonas Priesing, Vorstandsvorsitzender der ManpowerGroup.
Völlig ungelöst scheint ein ganz großes Problem am heimischen Arbeitsmarkt: die Wiederbeschäftigung von Älteren. Dazu schreibt Ökonom Wolfgang Nagl: „In fast keinem EU-Land steigen die Arbeitskosten mit fortschreitendem Alter so steil an wie in Österreich. Richtig wäre es, die Bezahlung an die Produktivität der Menschen und damit an ihre erbrachte Leistung zu koppeln. Über das Leben soll man genauso viel verdienen wie bisher, aber in jungen Jahren mehr und mit einer geringeren Steigerung später. So wie das jene Länder machen, in denen die Altersarbeitslosigkeit deutlich niedriger ist als in Österreich.“
Land Vorarlberg und die Sozialpartner setzen im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf ein breites Maßnahmenbündel in den Bereichen Berufsorientierung, duale Ausbildung, Fachhochschule, Qualifizierung und Weiterbildung, bessere Einbindung von älteren Arbeitnehmern und Langzeitarbeitslosen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Unterstützung beim Wiedereinstieg sowie Rekrutierung von Fachkräften im Ausland.
Allerdings unter schwierigeren Rahmenbedingungen. Dem AMS Vorarlberg stehen für das Jahr 2019 insgesamt 39,5 Millionen Euro für die aktive Arbeitsmarktpolitik in den Bereichen „Beschäftigung“, „Qualifizierung“ und „Unterstützung“ zur Verfügung. Um 8,1 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Somit werden voraussichtlich etwa 16.000 Personen in arbeitsmarktpolitische Aktivitäten einbezogen, um 6000 Personen weniger als noch 2017.
So sind es vor allem auch die Bemühungen aller Branchen, die fruchten sollen, wie etwa die HTL-Strategie, um die technischen Schulen und deren Schüler im Land noch besser für die Zukunft zu rüsten; die Initiative Chancenland, um das Interesse technischer Studenten und Absolventen für die Region zu wecken und gezielt Karrierechancen zu kommunizieren; die i-Messe als größte Berufs- und Bildungsmesse des Landes; Bemühungen, Asylberechtigte schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren oder ganz aktuell die Fachkräfteinitiative der Lebensmittelindustrie.
Gerade ist eine Landtagsanfrage, diesmal zur „Dualen Akademie“ ins Leere gelaufen, da die Wirtschaftskammer längst am Thema dran ist. AHS-Maturanten sollen eine Alternative zum Studium über eine spezielle duale Ausbildung geboten werden. Start ist diesen Herbst.
Ob alle diese Maßnahmen langfristig erfolgreich sein werden, wird sich zeigen. Bis dahin wird es wohl munter weitergehen mit den Schuldzuweisungen.

Kommentare

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Was natürlich “vergessen“ wurde: das liebe Geld. Wenn ich in einem Industriebetrieb mit 35 hmehr verdiene als beim Handwerk - wohin gehe ich da wohl? Wer nimmt jemanden mit vollem Gehalt in die Lehre? Warum soll ich eine Arbeit annehmen, von der ich nicht leben kann?
Ich arbeite mit Unternehmern - Schwerpunkt Wachstumsprozesse und -Strategien. Der einzige Mangel der besteht, ist der an Klarheit. Unternehmer die klar sind, haben keinen Fachkräftemangel. Beste Grüße.