Andrea Marosi-Kuster

(40), studierte Biologin, arbeitet in der Unternehmenskommunikation der Vorarlberger Kranken­haus-Betriebsges.m.b.H.

(Foto: © Matthias Weissengruber)

Der Mangelernährung auf der Spur

Dezember 2017

Nicht vorstellbar, dass es in Zeiten, in denen grundsätzlich Milch und Honig fließen, hierzulande zu Mangelernährung kommen kann. Eine solche Unterversorgung kann fatale Folgen haben – Mangelernährung bei Patienten zu erkennen, ist essenziell, um den Erkrankungsverlauf aktiv zu beeinflussen.

Vor gut zehn Jahren beschloss der an der Medizinischen Universität Wien tätige Vorarlberger Professor Michael Hiesmayr, dem Thema Mangelernährung auf den Grund zu gehen und startete die mittlerweile weltweit größte Studie gegen Mangelernährung in Spitälern und Pflegeheimen: Jährlich wird am „nutritionDay“ die Ernährungsversorgung von Patienten und Heimbewohnern erhoben. „Wer nur ein bisschen weniger isst als normal, hat ein zweifach erhöhtes Sterberisiko. Bei einem Viertel weniger steigt der Risikofaktor um das Vierfache“, verdeutlicht der Ernährungsexperte. „Aber eine frühzeitige Intervention hilft, Kosten zu sparen, weil Mangelernährung den Verlauf einer Erkrankung beeinflusst und die Heilung behindert.“

Früherkennung ist das Um und Auf

Mangelernährung kommt in allen Altersgruppen vor. Erkennt man sie rechtzeitig, kann mit einer Ernährungstherapie noch gut interveniert werden. Gerade bei älteren Menschen führe Mangelernährung häufig zum Verlust der Lebensqualität – zu Invalidität und Abhängigkeit. Mangelernährung entsteht aus einem Mangel an Kalorienzufuhr sowie durch eine ungünstige Nährstoffzusammensetzung. Eine Sensibilisierung zu diesem Thema für alle Beteiligten – vom Krankenhauspersonal über die Angehörigen bis hin zu den Betroffenen selbst – ist notwendig. Das Gesundheitsrisiko bei Mangelernährung bei älteren und gebrechlich aussehenden Menschen ist besonders hoch. „Jedoch können auch Kinder im Krankheitsfall sehr schnell an Gewicht verlieren“, informiert die Diätologin Maria-Magdalena Wetzinger, die im Landeskrankenhaus Feldkirch für die Durchführung des „nutritionDay worldwide“ verantwortlich ist. „Auch gesunde Senioren brauchen nach einer schwierigen Operation besondere Ernährungsunterstützung, um die verlorene Muskelmasse aufzubauen und rasch wieder mobil und fit zu werden“, erklärt die Expertin.

Weltweit angelegte Patientenbefragung

Jeweils am zweiten Donnerstag im November wird eine breit angelegte Patientenbefragungen und Datenerhebungen über die Ernährungsversorgung in Krankenhäusern und Pflegeheimen durchgeführt. Die von Österreich ausgehende weltweite Studie über das Risiko für Mangelernährung ist inzwischen das größte Projekt seiner Art und in bisher 63 Ländern angelangt. Mehr als 222.500 Patienten aus 7000 Gesundheitszentren über den ganzen Globus verstreut haben bis dato an dieser Querschnittserhebung teilgenommen. Auch das Landeskrankenhaus Feldkirch ist beim „nutritionDay worldwide“ immer mit dabei: Heuer beteiligten sich erfreulicherweise zwölf Abteilungen, ein Drittel des gesamten Krankenhauses. Um die Daten von knapp einem Drittel aller Patienten zu erheben, benötigt es viel Unterstützung: Wetzinger berichtet, dass dafür pro Station ein Arzt verantwortlich zeichnete und zusätzlich Schüler der Gesundheits- und Krankenpflegeschule Feldkirch für eine reibungslose Durchführung der Datenerhebung sorgten. Ziel ist, neben der Datensammlung und dem daraus resultierenden Wissenserwerb einen weltweiten Vergleich anstellen zu können. Diese eruierten Faktoren sollen die Basis für eine Verbesserung im Bereich des Qualitätsmanagements darstellen und helfen, Standards zur Überprüfung des Ernährungszustandes von Patienten zu erstellen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig

Nach der Auswertung bekommen die Stationen, die teilgenommen haben, neben einem ausführlichen Feedback über die derzeitige Ernährungsversorgung auch Verbesserungsideen und eine Zertifizierung. Wetzinger hofft, dass dem Thema mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. „Krankheitsbedingte Mangelernährung stellt vor allem bei Krebserkrankungen im HNO-Bereich Patienten und Angehörige vor eine große Herausforderung“, berichtet Primar Wolfgang Elsäßer, Leiter der Hals-, Nasen-, Ohren-Abteilung im Landeskrankenhaus Feldkirch. „Eine individuelle Ernährungstherapie durch eine kompetente Diätologin ist dann besonders wichtig. Die Zusammenarbeit aller medizinischen Berufsgruppen ist von größter Bedeutung, um den Patienten eine optimale Ernährungsversorgung bieten zu können“, betont Elsäßer. Außerdem weiß man heute, dass mangelernährte Tumorpatienten schlechter auf eine Chemotherapie ansprechen und häufiger beziehungsweise länger im Krankenhaus behandelt werden müssen. Wetzinger hat sich auch im Rahmen einer Masterarbeit intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Im beruflichen Alltag vermisst sie das Bewusstsein für die Relevanz der Mangelernährung. Die Ernährungstherapie habe leider immer noch nicht die gewünschte Priorität. Dabei weiß man laut Berechnungen, dass Mangelernährung die Gesundheitssysteme europaweit nicht weniger als 170 Milliarden Euro jährlich kosten.

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