Ralf Grabuschnig

ist Historiker, Blogger, Podcaster und Autor des Buches „Endstation Brexit“. Auf seinem Podcast sprach er Ende März über das genaue Gegenteil dieses Artikels: „Warum das mit Großbritannien und Europa nichts mehr wird.“

Die prophezeite Apokalypse, die nie kam

Mai 2019

Apokalypse, Armageddon, Weltuntergang. Wie auch immer man es nennen will, das Ende der Zeit war in der Geschichte der Menschheit schon immer von großer Bedeutung. Die Erklärungsansätze mögen sich über die Zeiten unterschieden haben, die Grundidee kam aber in allen erdenklichen menschlichen Kulturen immer wieder vor: Die Welt wird irgendwann zu Ende gehen und eine neue Zeit, wie auch immer die dann aussieht, wird anbrechen. Warum genau? Da kann man sich je nach Religion und Kultur quasi eine Erklärung aussuchen. Vielleicht hat Gott der Menschheit nur eine begrenzte Zeit geschenkt? Oder Jesus wird zurückkehren, um uns alle zu retten? Oder eine anderweitig definierte Zeitspanne geht zu Ende, wie das vor einigen Jahren im Fall des Maya-Kalenders (falsch) geglaubt wurde.
Bei dieser geballten Ladung Endzeitstimmung scheint es fast unmöglich, eine Liste aller vorhergesagten Apokalpysen der Geschichte zusammenzustellen. Es gibt einfach zu viele! Eine Suche bringt schnell Hunderte solcher Prophezeiungen zum Vorschein. Aber wenn schon keine erschöpfende Liste, dann ist es doch zumindest interessant, sich die verschiedenen möglichen Gründe für die Apokalypse und deren historische Entwicklung näher anzuschauen. Das kann uns schließlich einiges lehren, über die Natur des Menschen, über unser Verständnis der Welt und auch über den hie und da existierenden Größenwahn von Sektenführern.

Die Endzeit 

Während es auch in vorantiker Zeit sicherlich schon den Glauben an ein wie auch immer geartetes Ende der Zeit gab, ergibt es für diese Liste Sinn, mit dem Judentum zu beginnen. Denn das Judentum ist die erste heute noch existierende Religion, in der der Glaube an eine Endzeit eine wirklich zentrale Rolle einnimmt. Eschatologie wird dieser Glaube in der Fachsprache genannt. Allerdings ist diese Idee im Judentum nicht mit dem christlichen Armageddon oder dem Jüngsten Gericht zu vergleichen. Die Endzeit beginnt im Judentum nämlich mit dem Erscheinen des erwarteten Messias. Mit der Zeit entwickelte sich dabei auch eine recht konkrete Formel heraus. Das Ende der Zeit wird genau dann kommen, wenn der jüdische Messias, ein direkter Nachkomme König Davids, auf der Erde erscheint. Er wird dann den Tempel in Jerusalem neu erbauen, womit dann eine Zeit des Friedens anbricht. Man muss wohl nicht zusätzlich erwähnen, dass dieser Messias im Glauben der Juden bis heute nicht erschienen ist. Christen würden das freilich anders sehen.
Den Christen zufolge ist schließlich niemand anderer als Jesus Christus genau dieser versprochene Messias. Das Königreich Gottes, wie die auf die Endzeit folgende Ära des Friedens im christlichen Kontext oft genannt wird, steht uns damit unmittelbar bevor! Jesus selbst sagte laut Markusevangelium sogar, dass einige seiner Zeitgenossen noch am Leben sein würden, wenn das Königreich Gottes anbricht. Als Jesus dann aber starb und das Ende der Zeit überraschenderweise noch immer nicht eingetreten war, ging die christliche Kirche irgendwann dazu über, sich neue Termine und Definitionen der Apokalypse zu überlegen. Und damit geht es mit den Prophezeiungen und möglichen Datierungen des nahenden Weltuntergangs so richtig los.

Im mittelalterlichen Verständnis 

Mit der Zeit entstand im Christentum die Interpretation der Endzeit, wie sie heute noch geläufig ist. Erst soll die Menschheit in dieser Geschichte einem falschen Propheten verfallen, dann folgen zahllose Katastrophen und alle möglichen mystischen Gimmicks wie die sieben Siegel, die Reiter der Apokalypse, Posaunen und was nicht sonst noch alles. Und erst nachdem die Menschheit (oder wohl eher nur Teile von ihr) das alles überstanden hat, kann das Reich Gottes, die ewige Friedenszeit, endlich beginnen. Im europäischen Mittelalter wurde aus dieser Grundidee ein komplexes Geflecht an Vorstellungen, wie genau man das kommende Ende der Welt erkennen könne. Diese Zeichen hätten die meisten religiösen Gelehrten ohne weiteres zu deuten gewusst, was wohl seinen Anteil an den explodierenden Vorhersagungen hatte.
Die Idee des falschen Propheten wurde mit der Zeit immer weiter ausgebaut. Bevor das Ende der Welt eintreten und eine neue Ära beginnen kann, wird ein solcher falscher Prophet erscheinen und Teile der Menschheit in seinen Bann ziehen. Die Geschichte wurde aber noch durch einige weitere Figuren ergänzt. Ein Antichrist soll in diesem Theaterspiel seit dem Mittelalter ebenso eine zentrale Rolle spielen und auf Seiten der „Guten” soll es schließlich noch einen Friedenskaiser geben, der die Christenheit in die nahende Apokalypse führt. 
Neben den allgemeineren Ideen zum Wie und Was des kommenden Untergangs kamen auch bald konkrete Ideen zum Wann hinzu. Zahlreiche Gelehrte und Herrscher, darunter etwa Papst Silvester, waren zum Beispiel der Überzeugung, dass die Apokalypse genau im Jahr 1000 eintreten würde, ein Jahrtausend nach Christi Geburt. Als sich diese Vorhersage wieder mal als falsch herausstellte, korrigierten manche besonders Gläubige die Prophezeiung einfach auf das Jahr 1030, also ungefähr tausend Jahre nach Jesus Tod. Man muss es nicht eigens erwähnen, auch mit dieser Vorstellung waren sie nicht viel erfolgreicher als zuvor. In den kommenden Jahrhunderten kamen immer wieder neue Berechnungen ähnlicher Art auf, und ab dem späteren Mittelalter explodierte die Zahl der vorhergesagten Armageddons dann endgültig. 
Im Jahr 1492 waren zum Beispiel Kreise der russisch-orthodoxen Kirche felsenfest davon überzeugt, die Welt würde zu Ende gehen. Ihrer Meinung nach gewährte Gott der Menschheit nämlich nur 7000 Jahre auf der Erde. Tausend Jahre für jeden Tag der Schöpfung, wie auch immer man damals auf diese Logik kam. Da im byzantinischen Kalender mithilfe der Bibel das Jahr 5508 vor Christus als Schöpfungsdatum der Welt errechnet wurde, musste sie eben genau 1492 untergehen. Angeblich waren einige Einwohner Russlands davon so alarmiert, dass sie gar zum Judentum übertraten, da die Erde laut der hebräischen Zählung deutlich jünger war. Und das schönste daran: Sie müssen sich letzten Endes sogar im Recht gefühlt haben, denn immerhin ging die Erde 1492 nicht unter. Na, so was aber auch!

 

Der New Yorker Baptisten­priester William Miller proklamierte, dass Jesus im Jahr 1844 zurückkehren und somit das Königreich Gottes beginnen würde – wenig überraschend geschah 1844 genau gar nichts.

Das Ende der Welt heute 

Der Glaube an eine Wiederkehr Jesu Christi ist in den christlichen Kirchen auch heute noch relevant. Allerdings wird die unmittelbar bevorstehende Apokalypse von den Mehrheitskirchen nicht mehr sonderlich laut herausposaunt. Man hat wohl aus der Vergangenheit gelernt. Wer ständig „Wolf” schreit und so … Aber keine Sorge. Diese Aufgabe haben dankenswerterweise andere religiöse Gruppen übernommen, die nun umso lauter auf den nahenden Weltuntergang hinweisen. Ein erstes bekanntes Beispiel der letzten Jahrhunderte ist die Bewegung des New Yorker Baptistenpriesters William Miller. Er proklamierte im 19. Jahrhundert, dass Jesus im Jahr 1844 zurückkehren und somit das Königreich Gottes beginnen würde. Miller nutzte für diese Berechnung eine Stelle der Bibel, wo von 2300 Tagen bis zur „Reinigung des Heiligtums” gesprochen wird. Aus 2300 Tagen machte er dann Jahre und nahm als Startpunkt für die Berechnung das Jahr 457 vor Christus an, als der Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels angeordnet wurde. Und „Reinigung des Tempels” bedeutet selbstverständlich das Ende der Welt. Mangelnde Kreativität kann man dem Mann wirklich nicht anlasten.
Wenig überraschend geschah 1844 genau gar nichts, was dem Nicht-Ereignis in der Gefolgschaft Millers den Namen „Great Disappointment“ verlieh. Sie gaben aber nicht auf und behaupteten von nun an einfach, dass mit 1844 nur der Prozess der großen Reinigung begonnen wurde. Heute nennen sich die Anhänger dieser Idee Siebenten-Tags-Adventisten … Ihnen folgte einige Jahrzehnte später die „Internationale Vereinigung ernster Bibelforscher” unter einem gewissen Charles Russel. Er hatte ganz ähnliche Vorstellungen wie Miller. Laut Russel würde Jesus Christus im Jahr 1914 wieder auferstehen, womit für alle rechtgläubigen Menschen die Zeit des Friedens auf Erden anbrechen würde. Weitere 144.000 besonders rechtschaffende Menschen (eine auffallend genaue Zahl …) würden gar direkt in den Himmel kommen. Auch das trat freilich nicht ein, was Russels Anhänger wiederum nicht weiter abhielt, neue Berechnungen anzustellen (ich erkenne langsam einen Trend). Sie erklärten das Jahr 1914 konsequenterweise für den Zeitpunkt der „unsichtbaren“Wiederkehr Jesu, die seine tatsächliche Wiederkehr vorbereiten sollte. Für 1975 sagten sie diese Wiederkehr dann ein weiteres Mal voraus, auch diesmal bekanntlich ohne Konsequenz. Der Gefolgschaft Russels tut das bis heute keinen Abbruch. Man nennt sie die Zeugen Jehovas.
In moderner Zeit verließ der Glaube an die nahende Apokalypse sogar hin und wieder den religiösen Kontext. Ende der 1990er-Jahre glaubten gar nicht so wenige Menschen, das Ende der Zeit stehe bevor, da der Datumswechsel zum neuen Millennium einen gigantischen Computercrash hervorrufen würde, Y2K-Bug nannte man das. Und wer kann sich nicht an die schon genannte Apokalypse von 2012 erinnern, als die lange Zählung des Maya-Kalenders das erste Mal seit mehreren tausend Jahren wieder auf 13.0.0.0.0. umsprang. Für die Mayas wäre das wohl Anlass für ein nettes Fest gewesen. Wir machten daraus gleich das Ende der Welt. Weil wir das eben offensichtlich ziemlich mögen.

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