Kurt Bereuter

56, studierte BWL, Philosophie und Politikwissenschaften. Organisationsberater und -entwickler, freier Journalist und Moderator, betreibt in Alberschwende das Vorholz-Institut für praktische Philosophie.

NEETS – jung und ohne Perspektive?

Dezember 2023

Im Sommer veröffentlichte die deutsche Bertelsmann-Stiftung einen Faktencheck über die sogenannten NEETS: Not in Education, Employment or Training. Also über junge Menschen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung oder in einem Training sind. Der Titel lautete:
„Abgehängt oder nur am Abhängen?“

Die Neets: In Österreich, das in dieser Gruppe EU-weit im unteren Mittelfeld liegt, soll dieses Phänomen laut Studie 8,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren betreffen, das ist immerhin fast jeder Zwölfte. Birgit Fiel von der Koordinierungsstelle AusBildung bis 18 in Vorarlberg kennt diese Gruppe von jungen Menschen; sie beziffert die Zahl von im vergangenen Jahr betreuten 15- bis 18-Jährigen im Land mit 180. Über ein Meldesystem fallen diese Personen auf und werden an die Koordinierungsstelle gemeldet, die dann Kontakt zu ihnen aufnimmt. Wobei das nicht in jedem Fall gelingt.
Betroffen sind Pflichtschulabsolventen, Schulabbrecher weiterführender Schulen, Lehrabbrecher, aber auch Arbeitsverweigerer bis zum Alter von 18 Jahren, dann endet die gesetzliche Ausbildungspflicht. Die Verantwortung bis zur Volljährigkeit tragen grundsätzlich die Eltern. 
Jugendliche sind nur in bestimmten Fällen von der Ausbildungspflicht ausgenommen (zum Beispiel Freiwilliges Sozialjahr, Freiwilliges Umweltjahr, Gedenk-, Friedens- und Sozialdienst im Ausland, Freiwilliges Integrationsjahr, Europäischer Freiwilligendienst, Präsenz-, Ausbildungs- oder Zivildienst). Erfüllt das Kind die Ausbildungspflicht oder die Ausnahmen nicht, drohen im schlimmsten Fall sogar Strafen für die Eltern. Jährlich sei dies in fünf bis acht Fällen auch schon geschehen und könne tatsächlich manchmal noch etwas bewirken.
Die Betreuung ist als soziale Unterstützung durch Ausbildungspersonal und Sozialarbeiter angelegt und nicht als „Zwangsmaßnahme“, die ohnehin gesetzlich nicht möglich ist. Gefordert sei vielmehr Verständnis, Empathie und eben persönliche Unterstützung. Insgesamt liege die Erfolgsquote bei 90 Prozent, bei der der Lehrabschluss gewünschtermaßen in einem regulären Lehrbetrieb stattfinde. Bei besonders schwierigen Bedingungen und sehr niederschwelligen Ausbildungsangeboten, wie das Ausbildungszentrum Vorarlberg, liege die Erfolgsquote immer noch über zwei Drittel. Also die „Ausbildungspflicht bis 18“ wirke und die Zahlen, seit Einführung 2017, belegten das. Ab der Volljährigkeit ist für diese Personen das AMS zuständig und unterstütze gerne weiter. Bei einem Ansuchen für Sozialhilfe wird das AMS obligatorisch informiert und tätig.
 

Die Rolle der Schule 
Tatsächlich hören und lesen wir immer wieder, dass eine geringe Ausbildung der größte Risikofaktor ist, keinen Job zu bekommen. Das gilt auch vor dem Hintergrund, dass Firmen auch für Stellen mit keiner oder einer niedrigen Qualifikationserfordernis keine Arbeitskräfte bekommen. Da fehlt auf der einen Seite in einem ausgebauten Sozialstaat sicher der finanzielle Anreiz, auf der anderen Seite darf hinterfragt werden, ob es an Arbeits- oder Leistungswillen und/oder an Leistungsfähigkeit fehlt? Wenn Kinder schon in der Schule lernen, dass es ein „Durchkommen“ auch ohne viel Anstrengung gibt, wann sollen sie als Jugendliche lernen, die Anstrengung aufzubringen, um eine Leistung über dem Anwesenheitsniveau zu erbringen? Klar, manchmal geht der „Knopf“ später auf. Mitarbeit in den Familien, wie es in der Landwirtschaft oder im Handwerk noch vor Jahren möglich war, ist in der heutigen Arbeits- und Wohnwelt oft nicht mehr möglich – auf dem Land noch eher als in der Stadt. Also müssen wir heute verstärkt Teamarbeit, Kollegialität, Durchhaltewillen und vor allem Leistungsbereitschaft und Frustrationstoleranz in der Schule lernen.
 

Die Rolle des Elternhauses
„Bildung wird vererbt“, ist ein oft strapaziertes Bonmot. Es ist wohl so richtig wie falsch. Einerseits haben wir einen freien Bildungszugang mit diversen staatlichen Unterstützungen bis zum Hochschulabschluss, andererseits ermöglicht oder verhindert die soziale Vererbung auch die Einstellung zu Bildung und mehr oder weniger Leistungswillen. So finden sich NEETS sowohl in finanziell starken wie auch schwachen Haushalten. Neben Intelligenz spielt also vor allem ein unterstützendes oder hinderliches, soziales Umfeld eine große Rolle, in dem auch Krisen gut gemeistert werden (können) und Kinder und Familien die Unterstützung bekommen, die notwendig ist. Laut einer neuen Wifo-Studie haben frühe Schulabgänger die höchste Wahrscheinlichkeit, zu den NEETs zu zählen: „Bei diesen handelt es sich meist um Personen mit multiplen Risikofaktoren – männliches Geschlecht, Migrationshintergrund, ein bildungsfernes Elternhaus sowie körperliche oder psychische Belastungen beziehungsweise Behinderungen.“ 

Was wäre zu tun?
Die Bertelsmann-Studie verweist explizit auf die frühzeitige Erkennung von gefährdeten Jugendlichen, die durch multiprofessionelle Teams von Psychologinnen und Sozialarbeitern unterstützt werden und den jungen Menschen Erfahrungsräume in der praxisorientierten Berufswelt eröffnen. Das sind Maßnahmen für die Sekundarstufe. Tatsächlich ist aber gerade bei sozialen und psychischen Auffälligkeiten viel wertvolle Zeit verstrichen. Je früher Auffälligkeiten erkannt werden, desto besser. Und je früher die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden und greifen, desto mehr Zukunftschancen werden sich bieten. „Frühe Hilfen“ sind also angesagt, am besten schon in den verpflichtenden beiden Kindergartenjahren, in denen soziale Auffälligkeiten bemerkt werden könn(t)en. Das hieße aber auch, dass wir in diesen Sektor verstärkt investieren sollten, vor allem in eine Top-Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen, wenn wir den pädagogischen Teil ernstnehmen und nicht „nur“ Betreuung und Versorgung leisten wollen. Investieren in Strukturen in diesem Bereich und somit in viel Unterstützungspersonal aus dem Psychologischen Dienst. Aber vielleicht ist „Abhängen“ eh viel cooler. Abgehängt sein, sicher nicht. 

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