Wolfgang Vogelsänger

Vogelsänger (63) ist Direktor der IGS Göttingen, die 2011 mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden ist.

Warum ich ein wenig verliebt in diese Schule bin

November 2021

Die Mittel- und Volksschule Hard, auch bekannt als „Schule am See“, hat den Staatspreis Innovative Schulen 2020/21 erhalten. Die Schule, urteilte die Jury, besteche durch viele herausragende Ansätze und Konzepte. Der frühere Leiter der vielfach ausgezeichneten IGS Göttingen Wolfgang Vogelsaenger hatte – initiiert von der Wirtschaftskammer Vorarlberg – die „Schule am See“ seit 2015 begleitet; er schreibt hier in einem sehr persönlichen Text, was diese Schule so besonders macht.

Wieder einmal biege ich in die Seestraße in Hard ein. Ich fühle mich, als ob ich nach Hause kommen würde. Auch nach mindestens zehn Besuchen in dieser Schule kann ich mich nicht sattsehen: Warmer Buchenholzfußboden, viel Glas und damit Transparenz, freundlich grüßende Kinder und Erwachsene. Viele kennen mich inzwischen und freuen sich über den kurzen Plausch mit mir. Oft kommt die Frage: „Kommst du heute zu mir in den Unterricht?“ Sie sind stolz auf das, was da in dieser Schule passiert, wollen es zeigen und haben inzwischen Vertrauen zu mir gefasst. Sie berichten, wie sie meine Tipps im Unterricht umgesetzt und noch verbessert haben.
Ich gehe die große Buchentreppe neben dem Schulrestaurant hinauf, um auf die Räume der Schulleitungen zu treffen. Der Schulleiter der Mittelschule und die Schulleiterin der Volksschule haben ihre Büros nebeneinander, auf die Glasscheiben sind die beiden Namen mit Filzstift geschrieben: „Christian Grabher“ und „Karin Dorner“, die Türen sind meist offen, Besucher, Kinder und Lehrpersonen sehen, ob sie Kontakt aufnehmen können oder ob die Direktoren gerade im Gespräch sind. Egal ob man warten muss oder ob man gleich ins Gespräch kommt, ein offenes Lächeln und die Frage nach einem Kaffee sind einem sicher. Christian und Karin kommen mir entgegen, sobald sie mich entdeckt haben. Ich bin bei Freunden. Wir tauschen uns darüber aus, wie es uns geht, was sich an der Schule getan hat, welches die nächsten wichtigen Themen der Schule, wo Probleme aufgetaucht sind und welche Kolleginnen mich gerne im Unterricht haben würden.
Christian begleitet mich auf meinem Weg zu den Clustern. Wir gehen am Sekretariat vorbei, dann am Kommunikationszentrum der Schule: Offen, für alle einsehbare Sitzgelegenheiten für die Lehrkräfte, eine Kaffeemaschine, eine Materialsammlung, ein Bildschirm, auf dem die wichtigsten Informationen präsentiert werden. Wir werden von den KollegInnen und Kindern herzlich begrüßt. Christian bleibt immer wieder stehen, um mit Kindern oder Erwachsenen zu reden, Probleme zu lösen oder auch nur um ein Schwätzchen zu halten. Die interne Kommunikation ist wichtiger als die externe. Aber genau das macht den Unterschied aus. Trommeln nach außen ist wichtig, doch vorrangig sind die Bedürfnisse, die im Inneren bestehen. Besucher nehmen wahr, dass die Schulleitung nicht als Kontrollorgan wahrgenommen wird, sondern als geschätzte Partnerin. Ich bin stolz darauf, dass ich kein Besucher mehr bin, sondern dazugehöre, mit in die Gespräche einbezogen werde.
Auf unserem Weg zu den Clustern ergibt sich immer wieder ein Blick auf die Innenhöfe, die von allen Kindern der Schule ausgiebig genutzt werden. Geschützte Räume, die aber der Fantasie der Kinder unendliche Möglichkeiten lassen. Dann das Ankommen in einem Cluster. Jedes Mal stellt sich ein gewisser Neid, aber auch Genugtuung ein. 
Die Funktionen dieser Cluster sind die, die wir auch in Göttingen seit 1975 haben: Klassenräume, LehrerInnenbereich, Lernlandschaft, Computerecken, Differenzierungsräume. Das ist nahezu identisch, doch mit einer ganz anderen Ästhetik: Kein Beton, sondern Glas und Holz. 
Alles transparent, freundlich, einladend und funktional. Die Architektur macht sofort klar, welche Pädagogik hier wohnt, da braucht es keine Erklärungen. So würde man meine Schule heute bauen. Wenn denn die Göttinger Lokalpolitiker so klug wären wie die Harder. Trotz der mit meiner Schule gemachten Erfahrungen, trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse baut man heute in Göttingen Schulen oder Schulanbauten wieder nach der klassischen Gefängnisarchitektur: Ein Gang, rechts und links Klassenräume, dazwischen Garderobenhaken. 
Ich bin viel in Österreich unterwegs gewesen, nirgendwo habe ich baulich so verwahrloste Schulen gesehen wie in Deutschland. Das macht auch etwas mit den Kollegien: Wenn die Gemeinde viel Geld in den Neubau oder die Erhaltung von Schulen investiert, dann fühlen sie sich wertgeschätzt, dann wird täglich spürbar, dass Bildung wichtig für die Gesellschaft ist und dass dies auch Geld kosten darf.

Ich betrete das erste Cluster 

Die BIST-Ergebnisse in Deutsch und Mathematik waren zuletzt nicht so ausgefallen, wie sich die Schule das gewünscht hat. Die Ergebnisse der Evaluation durch Hermann Veith von der Universität Göttingen wiesen darauf hin, dass die lernschwächeren Kinder eine eher negative Selbstzuschreibung haben und dass dies eventuell der Schlüssel für eine bessere Förderung sein könnte. 
Wir hatten daher beim letzten Besuch verabredet, dass für die Erhebung in Englisch gezielt auf die Anforderungen vorbereitet und insbesondere ein Augenmerk auf die schwächeren Schüler, besonders in der Doppelbesetzung, gelegt werden soll. Hierbei sollten die Bestätigung von bereits erreichten Kompetenzen und das Erreichen von Basiskompetenzen im Mittelpunkt stehen.
Nun kann Schulleitung zwar vieles beschließen, es kommt aber entscheidend darauf an, dass das dann auch in den Klassen von den Lehrerinnen und Lehrern umgesetzt wird. Daher bin ich gespannt, was mich erwartet. Eher fühle ich mich selbst auf dem Prüfstand: Ist es mir gelungen, der Schulleitung und den Lehrpersonen die Evaluationsergebnisse der zentralen Prüfungen und der Befragungen durch Hermann Veith so zu vermitteln, dass daraus eine Veränderung von Haltungen und Bewusstsein entsteht? Habe ich die richtigen Erklärungen und Worte gefunden, mit meinen Ideen überzeugen können, ohne die KollegInnen zu überfahren? Allein das aber würde den immensen Einsatz der WKV und meine Arbeit rechtfertigen.
Ein wenig flau ist mir schon, weil ich nicht sicher bin, ob unsere Überlegungen aufgegangen sind. Die Erhebungen der Uni Göttingen haben auch zu Beginn ergeben, dass Teile des Kollegiums sich nicht ausreichend genug in die Vorhaben der Schulleitung einbezogen gefühlt haben. Insbesondere der Jahrgangsmischung, der engen Kooperation mit der Volksschule und der Kompetenzorientierung wurde mit Skepsis begegnet. Werde ich diese Skepsis noch spüren, wenn ich in die konkreten Lernsituationen komme? 
An der Magnetwand im Gang zum Cluster sehe ich den Arbeitsplan für Englisch. Der macht mir schon einmal Mut. Zunächst schaue ich mir die Cluster mit den 7./8. Klassen an. In der Lernlandschaft arbeiten offensichtlich leistungsstärkere Kinder an komplexeren Texten. Die Kinder haben Spaß, sind bei der Sache und sind im Trainings- und Wettkampfmodus. 
Eine weitere Lerngruppe setzt gerade eine Idee um, die ich beim letzten Besuch eingebracht habe: Zunächst werden englische Texte in Einzelarbeit gelesen, Schlüsselbegriffe markiert und jeweils auf eine Karteikarte übertragen. Dann stellen sich immer zwei Kinder gegenüber in einem äußeren und einem inneren Kreis auf und geben sich gegenseitig nacheinander den Inhalt des Textes wieder. Nach der ersten Runde wird noch zweimal gewechselt, so dass nach drei Runden jedes Kind dreimal den Text zusammengefasst und dreimal den Inhalt des Textes von einem anderen Kind vorgestellt bekommen hat. Dadurch gewinnen die Kinder so viel Selbstsicherheit, dass sie dann in der Lage sind, der ganzen Klasse den Text vorzustellen. 
In der nächsten Gruppe werden Rollenspiele auf Englisch geprobt. Jedes Kind kann sich mit seinen sprachlichen Kompetenzen einbringen, es hört die Texte der stärkeren Kinder und kann auch mit wenigen Worten schauspielerisch kommunizieren. 
Auch hier unterstützt die Jahrgangsmischung das Konzept der Individualisierung des Lernens und relativiert den Leistungsbegriff: Es ist selbstverständlich, dass einige Kinder mehr Kompetenzen haben als andere. Doch alle können sich mit ihren Fähigkeiten sinnvoll beteiligen. Alle sind an der Qualität des Produktes beteiligt. 
Es zahlt sich aus, dass wir die Evaluationsergebnisse von Hermann Veith ernstgenommen und umgesetzt haben: Aus vereinzelten Klassen mit Jahrgangsmischung ist ein schulweites Konzept geworden. Heterogenität wird inzwischen so sehr als Bereicherung angenommen, dass Kinder, Lehrpersonen und Eltern es für selbstverständlich halten, dass in der Stufe 4-6 Kinder aus drei Jahrgängen in einer Klasse zusammen und miteinander lernen. Es ist normal, dass es Kinder gibt, die etwas besser können als andere. Weil sie älter sind oder weil sie bessere Voraussetzungen haben. 
Beim Gang durch die Klassen kann ich erleben, dass Erwachsene und Kinder sehr wertschätzend damit umgehen können. Niemand wird ausgelacht oder negativ auf seine Fehler hingewiesen. Lernen ist Ausprobieren. Und alle freuen sich darüber, wenn jemand etwas geschafft hat. Und: Weil Volksschul- und Mittelschulkinder in einer Klasse zusammenarbeiten, müssen auch Volksschullehrer- und MittelschullehrerInnen gemeinsam den Unterricht planen und durchführen.
Ich atme auf und bin begeistert. Und das bringe ich rüber. Fast alle KollegInnen waren schon einmal in Göttingen und kennen meine Schule. Als ich rückmelde, dass ich mir nicht sicher wäre, ob meine KollegInnen in Göttingen diese neue Haltung und diese neuen Lernkonzepte so schnell umgesetzt hätten, wird dies mit Stolz aufgenommen, wissend, dass ich keine flachen Komplimente mache. Christian, der mich in einige Lerngruppen begleitet hat, die KollegInnen und ich spüren, dass hier etwas Bedeutendes im Team entstanden ist, in der Kooperation so unterschiedlicher Beteiligter. 
Auch die BIST-Erhebung weist nun eine deutliche Tendenz auf. Waren es 2016 in Deutsch 25 Prozent und 2017 in Mathematik 40 Prozent der Kinder, die die Mindeststandards nicht erreichten, sind es 2019 „nur“ noch 7 Prozent. Immer noch zu viele, doch wir alle werden darin bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Auf dem Rückweg zum Restaurant kommen wir wieder in der LehrerInnenstation des Clusters vorbei. Das Deutsch-Team ist versammelt, hat eine Kollegin des Borg Lauterach eingeladen, um gemeinsam über die Kompetenzen zu diskutieren, die das BORG von der Neuen Mittelschule erwartet. Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn dieses Prozesses immer wieder gefragt wurde, wie denn die Zusatzarbeit der Teambesprechungen „vergütet“ würde. 
Ich wusste zunächst nicht, was das bedeuten sollte, bis ich in die Besonderheiten österreichischer LehrerInnengewerkschaftsarbeit und des österreichischen Dienstrechtes eingeweiht wurde. Dass nun nach wenigen Jahren auch diese „Mehrarbeit“ selbstverständlich und ohne Vergütung geleistet wird, weil sie eben getan werden muss, das ist schon ein kleines Wunder. 

Und ein Verdienst der Leitungsarbeit 

Nach dem Gespräch mit dem Clusterteam und nach meinen Beobachtungen der geschilderten Lernprozesse bin ich noch mehr als vorher davon überzeugt, dass Schulentwicklung nur in einer langfristigen und vertrauensvollen Basis auf Augenhöhe erfolgreich sein kann, dass Evaluationen nur dann einen Sinn machen, wenn die Erkenntnisse daraus und die Umsetzung der Maßnahmen vor Ort begleitet werden.
Jetzt steht noch ein wichtiges Thema für die Schulentwicklung an: Wie können die beiden Schulleitungen der Volks- und der Mittelschule ihre Aufgabenbereiche so strukturieren, dass sich im Alltag nicht ständig Konflikte aufbauen?
Karin, Christian und ich hocken noch bis etwa 17 Uhr über unserer Mindmap. Am Ende sind wir uns darüber im Klaren, dass es nicht nur um formelle Zuständigkeiten gehen kann, sondern darum, wo und bei wem welche Kompetenzen liegen. Selbstverständlich bleiben die formalen Verantwortlichkeiten in den Schulformen, doch wird sich Karin gemäß ihren Stärken und Erfahrungen aus der Montessori-Volksschule zum Beispiel um die didaktisch-methodische Arbeit der gesamten Schule kümmern, Christian etwa um die gesamte Verwaltungsorganisation und die Begleitung der Kompetenzorientierung. 
Es ist ein sehr persönlicher Prozess, über die eigenen Stärken und Schwächen, über Konflikte und die jeweilige Vision von Schule zu diskutieren. Ich freue mich einmal mehr darüber, dass wir in den vergangenen Jahren ein solches Vertrauensverhältnis untereinander aufbauen konnten, dass ein solcher Austausch möglich wurde. Einmal mehr hilft mir in dieser Situation, dass ich kein klassischer „Prozessberater“ bin, sondern auch ein Schulleiter, der seine Höhen und Tiefen gehabt hat und dessen Schule und Arbeit die Beteiligten kennen.
Um 17 Uhr sind wir noch nicht fertig, doch ein großes Stück weiter. Das bekräftigen wir mit der Verabredung zu einem gemeinsamen Abendessen bei Christian und seiner Frau zuhause. Auch Christoph Jenny von der WKV wird kommen. Ich bin unter Freunden.

Im Rückblick

2014 erfolgte der erste Besuch der SchulleiterInnen der Mittelschulen Höchst, Wolfurt, Lauterach und Hard in Göttingen. Keiner von uns wusste zu diesem Zeitpunkt, dass sich daraus eine nun schon sechs Jahre dauernde Arbeitsbeziehung entwickeln würde, aus der inzwischen Freundschaften entstanden sind. Über all die Jahre bin ich und mehrere andere KollegInnen der IGS Göttingen in Vorarlberg gewesen, dabei haben wir eng mit Professor Hermann Veith von der Universität Göttingen zusammengearbeitet, der unsere Schulentwicklungsbemühungen begleitet und evaluiert hat. Direktor Christoph Jenny von der Wirtschaftskammer Vorarlberg hat diese aus meinen Augen beispiellose Entwicklung initiiert, begleitet und über die WKV finanziert. Landespolitik, Bildungsverwaltung und auch die Wissenschaft mussten sich an dieses Projekt erst einmal gewöhnen, läuft es doch quer zu den etablierten Formen der Schulentwicklung. 
Meine Schule und auch ich persönlich haben viel Engagement und Herzblut in diesen Prozess investiert, ich bin gemeinsam mit allen Vorarlberger KollegInnen stolz auf das, was in diesen Jahren in den Schulen passiert ist. Schulqualität ist für mich nicht nur das Abhaken von Qualitätskriterien und -rastern, sie lebt von Atmosphäre, von Gefühlen, von der Gestaltung von Beziehungen, von Strukturen und letztlich von den Menschen. Wenn ich meine Tätigkeit in Vorarlberg mit den vielen hundert Fortbildungen vergleiche, die ich in den letzten 40 Jahren durchgeführt habe, dann ziehe ich für mich das Fazit, dass die Nachhaltigkeit der Entwicklung in Hard, Wolfurt und Höchst darin begründet ist, dass ich als Impulsgeber Beziehungen mit den betreuten Schulen eingegangen bin. Ich habe versucht, das jeweilige System, die Eigenheiten und spezifischen Bedingungen zu verstehen. Ich wollte Kinder, Lehrpersonen und Schulleitungen, also die Menschen verstehen, um meine Ideen und Vorschläge an diese Eigenheiten anzupassen. 
Eigentlich ist diese Erfahrung banal: So wie sich Schule an die Kinder anpassen muss und nicht umgekehrt, so müssen Kollegien auch die Erfahrung machen, dass sich Schulentwicklungsprozesse an die Menschen anpassen müssen, die diese Prozesse letztlich tragen sollen.

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