Peter Freiberger

Wenn Menschen (fast) spurlos verschwinden

Dezember 2014

Bis zu 500 Personen werden pro Jahr in Vorarlberg als vermisst gemeldet. Die zuständige Fahndungsabteilung im Landeskriminalamt hat es bei der Suche nach den Abgängigen oft mit mysteriösen Fällen zu tun, für die es keine Antwort zu geben scheint. Auch unbekannte Tote stellen die Beamten vielfach vor kaum zu lösende Rätsel.

Jugendliche machen den Hauptanteil der Vermissten aus. Nicht selten stecken familiäre Probleme oder Streitigkeiten mit den Eltern dahinter, wenn junge Menschen einfach abhauen. Ausreißer aus betreuten Wohneinheiten gehören ebenfalls quasi zum Tagesgeschäft, weiß Chefinspektor Herbert Metzler, Leiter des Bereichs Fahndung beim Landeskriminalamt Vorarlberg.

Für die Beamten gilt es, die Situation richtig einzuschätzen. Handelt es sich tatsächlich „nur“ – wie in den allermeisten Fällen – um einen Ausreißer, der nach wenigen Tagen wieder unversehrt nach Hause zurückkehrt, oder steckt ein Unfall oder gar ein Verbrechen hinter dem Verschwinden? In der Regel lösen sich solche Fälle zum Glück rasch in Wohlgefallen auf.

Gesucht wird jedenfalls jeder, wenngleich am Anfang nicht unbedingt mit riesigem personellem Aufgebot. Die Wichtigkeit des richtigen Gespürs zeigt der Fall eines in einer Nacht plötzlich verschwundenen minderjährigen Mädchens. „Wir fanden schnell heraus, dass die Jugendliche via Facebook Kontakt zu einem Sexualstraftäter in der Schweiz hatte“, erzählt Metzler. Die Vermisste konnte noch am folgenden Tag aufgriffen und vor einem Verbrechen bewahrt werden.

Segler und Fischer vermisst

Von Langzeitabgängigen sprechen die Beamten erst nach vier bis acht Wochen. Dazu zählen ein Segler, der seit dem Sommer 2011 im Bodensee vermisst wird, und die beiden Fischer, deren Boot am 22. Jänner 2012 während eines Sturms im See kenterte. Freilich – in beiden Fällen steht fest, dass es sich um tragische Unglücke gehandelt hat. Bei den Fischern konnte man mittels GPS die Route des Boots nachverfolgen und fand Wrackteile, die Personen blieben aber trotz intensivster Suche verschollen. Was hinter dem Verschwinden einer 84-jährigen Oberländerin vor rund einem Jahr steckt, ist hingegen bis heute ungeklärt. „Schon am ersten Tag suchte eine 250 Personen starke Mannschaft verschiedenster Rettungsorganisationen nach ihr – vergeblich“, erinnert sich Gruppeninspektor Gerd Giesinger. Was mit der alten Dame passiert ist, weiß nach wie vor niemand. Zu den mysteriösen Fällen zählt Giesinger weiters jenen eines Vorarlberger Familienvaters, der quasi von einer Minute auf die andere verschwand. Was mit ihm geschah, mögliche Motive für die Abgängigkeit, wo er sein könnte, ob er überhaupt noch lebt – Fehlanzeige. „Für die Angehörigen stellt die Ungewissheit ein riesiges Problem dar“, weiß Herbert Metzler. Nicht einfacher wird die Situation durch unqualifiziertes Gerede und Getratsche aus dem Umfeld, das häufig die unerfreuliche Begleitmusik spielt. Gerüchte und Mutmaßungen machen meist schnell die Runde. Angehörige wollen jedenfalls irgendwann abschließen können – selbst wenn die Todesnachricht an die Stelle des Vermisstenstatus tritt. Metzler und sein Team treten auch dann in Aktion, wenn irgendwo eine Leiche oder Leichenteile unbekannter Identität auftauchen. So rätseln die Beamten beispielsweise seit dem 16. Februar 2014 über die Identität eines Toten vom Bodenseeufer in der Mehrerau. Viele Hinweise gab es, um wen es sich bei dem Mann handeln könnte, der nicht weniger als acht Schichten Kleidung übereinander trug. Die Identifizierung war dennoch bisher nicht möglich. „Möglicherweise gab es in dem Fall gar keine Abgängigkeitsanzeige, was unsere Arbeit erschwert“, sagt Metzler.

Vor einem fast unlösbaren Rätsel stehen die Ermittler bei einem vor wenigen Jahren im See angeschwemmten menschlichen Torso ohne Kopf, Arme und Beine. Am Torso befand sich allerdings ein erstaunlich gut erhaltenes Kleidungsstück. „Wir wissen nur, dass der praktisch versteinerte Torso maximal zehn Jahre im See lag“, erzählt Gerd Giesinger. Darüber gab die Kleidung Aufschluss. Möglicherweise gelingt es, mittels DNA-Abgleichs irgendwann die Identität und die Todesumstände zu klären.

Doch kein Tierschädel

Auf außergewöhnlich kuriose wie makabere Weise klärte sich ein Abgängigkeitsfall im Bregenzerwald. Dort entdeckte ein Wanderer in Schönenbach eine Schädeldecke – mutmaßlich die eines Wildtiers. „Die könnte ich gut als Aschenbecher brauchen“, dachte sich der Wanderer und setzte seine Idee kurzerhand in die Realität um. Beim Besuch von Freunden stellte sich die Sache mit dem Tierschädel freilich als bemerkenswerter Irrtum heraus. Unter den Freunden befand sich ein Arzt, der den vermeintlichen Tier- als Menschenknochen erkannte. Der DNA-Abgleich führte dann zu der abgängig gemeldeten Person. Dass ein über einen längeren Zeitraum Vermisster lebend gefunden wird, hat Chefinspektor Metzler bisher erst einmal erlebt. Dabei handelte es sich um einen Mann, der aufgrund finanzieller Probleme das Weite gesucht und sich ins Ausland abgesetzt hatte. Zeugen haben ihn nach einigen Jahren gesehen. Sein materieller Besitz in Vorarlberg war bereits verwertet worden, er selbst blieb im Ausland.

Manchmal verschwinden Menschen – in erster Linie Minderjährige – mehrmals im Jahr. Den traurigen Rekord in dem Zusammenhang hält ein Mädchen. Es galt in einem einzigen Jahr 42 Mal als vermisst. Zum Glück gab es jedes Mal ein Happy End.

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