Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Wir sind die Guten, ihr seid die Schlechten!“

Februar 2019

Vom Spiel mit der moralischen Entrüstung

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Mensch der moralischen Kritik schutzloser ausgeliefert sei als anderen Formen der Kritik. Warum denn schutzloser, Herr Roth?

Wenn jemand zu mir sagt, ich sei hässlich, dann kann ich entgegnen, dass es auf gutes Aussehen nicht ankomme und er oberflächlich genannt zu werden verdient. Wenn mir jemand vorwirft, ich sei arm, kann ich entgegnen, dass es in der Beurteilung eines Menschen wohl nicht darauf ankommen kann, ob nun jemand Geld hat oder nicht. Wenn allerdings jemand zu mir kommt und sagt „Du hast unmoralisch gehandelt!“, kann ich nicht antworten: „Na und? Auf Moral kommt’s doch nun wirklich nicht an!“ Denn auf Moral, das haben wir so gelernt, kommt es immer an. Man kann sich dem moralischen Vorwurf nicht so einfach entziehen. Das macht sich der Moralapostel zunutze. 

Was kennzeichnet eigentlich den Moralapostel?

Seine ungute Weise, gut zu sein. Der Moralapostel will uns zeigen, dass wir gegenüber der Moral versagt haben. Sein Ziel ist es, den anderen zwecks Selbsterhöhung herabzudrücken. Das meine ich mit der unguten Weise, gut zu sein. Das Problem ist: Der Moralapostel weiß das in der Regel nicht. 

Sie spotten ja: „Für den uneingeschränkten Genuss einer moralischen Betrachtungsweise scheint es bekömmlich, nicht die eigene Lebensgegenwart zum Thema zu machen.“

Viel bequemer ist die moralische Rede, wenn ich sie auf andere Menschen anwende. Je weniger wir uns in einer Situation auskennen, desto leichter ist es, moralisch zu urteilen. Es ist wesentlich schwieriger, mit dem eigenen Nachbarn ein gutes Einvernehmen herzustellen, als ein weltgeschichtliches Problem oder das angebliche Verfehlen eines Fremden moralisierend zu kommentieren. Wer die eigene Lebensgegenwart zum Thema macht, sieht ja zwangsläufig, dass es gar nicht so leicht ist, immer die moralische Perspektive anzuwenden. Weil es Sachzwänge gibt, besondere Anforderungen. Grundsätzlich ist nachbarschaftliche Hilfe ein hohes Gut, aber leider ist mein Nachbar ein Idiot, da geht es nun mal nicht so leicht, sich an das zu halten, was grundsätzlich gilt … 

Sie zitieren da Brecht, die Dreigroschen- Oper: „Wir wären gut – anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ …

Wir stehen in konkreten Geschichten, wir sind mit besonderen Situationen konfrontiert, wir sind von Menschen umgeben, für die wir dieses oder jenes empfinden. Wenn wir uns in einem Raum befänden, in dem es keine Zwänge oder besondere Anforderungen gäbe, wäre die Sache eine andere. Wir könnten die Realisierung von Werten zu unserem primären Ziel machen. In der Regel haben wir aber andere Ziele: die Bewältigung von konkreten Anforderungen. Diese Erkenntnis fehlt dem Moralapostel. Er sieht die Sachzwänge und situativen Anforderungen der anderen nicht. Er teilt daher nicht unseren Raum der konkreten Anforderungen, sondern verurteilt aus der Distanz. 

Der Moralapostel urteilt also nicht, er verurteilt?

Ja, genau. Wenn meine Analyse stimmt, ist der Moralapostel ein Ressentiment-Typus, der seinen Selbstwert dadurch gewinnt, dass er andere herabdrückt. Dazu ist es nötig, den anderen zu verurteilen, das heißt, ihn als jemanden zu „entlarven“, dem es nicht um die Moral geht. Für den Moralapostel ist die konkrete Situation eigentlich gleichgültig, sie ist nur Anlass der Verurteilung. 

Ist dieses Verurteilen ohne Kenntnis der Situation letztlich das, was berechtigte Kritik vom Moralisieren unterscheidet?

Ja, ich denke, dass das so ist. Eine berechtigte Kritik verweist auf Züge der Situation, teilt mit mir den Wahrnehmungsraum, zumindest, soweit es möglich ist. 

In Ihrem Buch steht auch, es sei „wesentlich leichter, einen Menschen, gegen den wir eine tiefe Antipathie hegen, einer moralischen Beurteilung zu unterziehen, als einen Freund“.

Je mehr wir in das Leben eines anderen Menschen involviert sind, desto unattraktiver ist es, in Bezug auf diesen Menschen die moralische Perspektive einzunehmen. Wenn ich jemanden mag, dann sehe ich die Welt durch seine Augen. Und wenn ich die Welt durch seine Augen sehe, dann sehe ich, wie kompliziert alles ist, in welcher Situation er steckt, mit welchen Schwierigkeiten er konfrontiert ist, was er zu bewältigen hat. Es ist viel leichter, moralisch zu urteilen, wenn ich jemanden nicht mag. Einen Freund würde man verstehen und verteidigen, einen Menschen hingegen, den man nicht mag, beurteilt und verurteilt man, etwa nach einem übergeordneten moralischen Wert – ohne das Bemühen, sich in seine Situation einzufühlen.

Viel leichter ist die Moral, wenn ich sie auf andere Menschen anlege.

Sie stellen auch fest, dass das moralische Entertainment ein beliebtes Geschäft sei. Wer ist denn da, um bei Ihren Worten zu bleiben, groß im Geschäft?

Ich darf als Theologe selbstkritisch sagen, dass auch die Kirchen mit diesem moralischen Entertainment beschäftigt sind. Im Kirchenraum herrscht die wohlige Sphäre der moralischen Entrüstung. Wir sind die Guten, die anderen sind die Schlechten. Nun gäbe es ja auch andere kirchlich-theologische Lehren, die dieser moralischen Selbstbeweihräucherung widersprechen, etwa die Sündenlehre, die lehrt, dass alle Menschen Sünder sind, gleichermaßen angewiesen auf die göttliche Gnade. Das sind jedoch Lehren, die in der Gegenwart weit weniger beliebt sind. Moralische Entrüstung, moralische Empörung, moralisches Entertainment – das scheint mir das in der Gegenwart angesagte Geschäft zu sein, vor allem in den Kirchen. Sie müssen ja nur einmal darauf achten, wie gepredigt wird oder was für Fürbitten formuliert werden. Da heißt es dann: „Bitte, öffne den Regierenden die Augen.“ Oder „Lenke ihre Herzen in die richtige Richtung!“ Da gibt es die, die wissen, was die richtige Richtung ist und die bösen Regierenden, die das offenbar nicht wissen – zumindest nicht so gut wie der jeweilige Ortspfarrer.

Sie nennen das ja „öffentlich vorgetragene Allgemeinplätze“ …

Ich muss da an eine Weihnachtsansprache eines Bischofs im Jahr 2008 denken. Der Bischof sagte mit bedeutungsschwangerer Stimme: „Wir brauchen mehr Solidarität.“ Was für ein Allgemeinplatz! Ich habe noch nie jemanden gehört, der sich hinstellt und sagt: „Wir sollten alle weniger solidarisch sein!“ Die Menschen hinterfragen diese Allgemeinplätze allerdings nicht. Aus zwei Gründen: Erstens regt sich keiner auf, weil man von der Kirche erwartet, dass sie redet, wie sie eben redet. Die Kirche wird da also nur ihrer zugewiesenen Rolle gerecht. Und zweitens fühlen sich alle gut. Wenn man sich selbst einen solidarischen Menschen nennt, muss es ja auch andere geben, die unsolidarisch sind. Es macht keinen Sinn, sich selbst als solidarisch zu rühmen, wenn es nicht auch unsolidarische Menschen gibt. Und wenn ich in den selbstgerechten Aufruf zur Solidarität einstimme, heißt dies, dass ich solidarisch bin, während andere es an Solidarität missen lassen.

Auch in der Politik soll’s Moralapostel geben … angeblich …

Die spielen das gleiche Spiel, das Spiel der moralischen Entrüstung zwecks Selbsterhöhung. Und dieses Spiel des politischen Moralapostels besteht darin, der Allgemeinheit zu suggerieren, nur ihm ginge es um die Moral – im Unterschied zu allen anderen. In Wahrheit geht es ihm aber nur um andere Sachen als den anderen, er nimmt die Moral in Dienst, um seine eigenen Sachen moralisch zu labeln. 

Der Moralapostel urteilt als Beobachter, ohne Verständnis. Fehlt ihm jegliche Empathie?

Ob jedem Moralapostel jegliche Empathie fehlt, weiß ich nicht. Aber ein Mensch, dem jegliche Empathie fehlt, kann immer noch gut Moralapostel sein. Wer empathisch ist, beurteilt Szenarien mit Einfühlungsvermögen. Der Moralapostel aber deduziert von einer bestimmten moralischen Einsicht aus, wie etwas zu beurteilen ist. Er begibt sich damit außerhalb des Zusammenhangs, in dem der Handelnde steht. Im moralischen Urteil über andere liegen Kälte und Überheblichkeit, weil der Moralapostel sich nicht von dem betroffen weiß, wovon der andere betroffen ist. Er steht über ihm. 

Ist das nicht ein zu hartes Urteil?

Der Moralapostel gefällt sich darin, anderen ihr Versagen vorzuhalten und sich damit als Anwalt der Moral zu erweisen. Und das ist genau das, was wir am Moralapostel nicht mögen. Wir spüren, dass er sich gar nicht um Verständnis bemüht und dass es ihm letztendlich nicht mal um die Dinge geht, als deren Anwalt er auftritt. Das Ziel des Moralapostels ist, andere herabzudrücken und dies ist etwas, dem wir schutzlos ausgeliefert sind; denn jeder Mensch macht irgendetwas, was moralisch bedenklich genannt zu werden verdient. Ich muss doch nur dann, wenn jemand in einem Café in der Sonne sitzt und seinen Kaffee genießt, ihn boshafterweise fragen, ob er sich denn vorher auch beim Kellner erkundigt habe, ob der Kaffee fair gehandelt ist … Deshalb mögen wir den Moralapostel nicht, wir spüren, dass es ihm nur darum geht, sich selbst auf unsere Kosten zu erhöhen. 

Wie urteilt der Moralapostel?

Indem er nicht seine Wahrnehmung, sondern seine künstlichen Normen zum Grund seines Urteilens macht. Das macht ihn in unseren Augen ja so kalt. Wir haben das Gefühl, der Moralapostel partizipiert in merkwürdiger Weise nicht an unserer Welt, er ist nicht betroffen von dem, was uns betrifft. Der Moralapostel steht nicht in den Geschichten, in denen wir stehen. Er deduziert seine Urteile aus einer übergeordneten Prämisse. Und damit hat der Moralapostel auch immer Anteil am ideologischen Denken.

Apropos. Sind in Deutschland Erfolge der AfD und in Österreich der FPÖ auch damit erklärbar, dass die Menschen genug haben von Moralaposteln in der Politik, die ihnen am liebsten vorschreiben würden, was sie zu denken und zu sagen haben?

Ich denke schon, dass das damit zusammenhängt. In der Tat: Wir brauchen doch in aller Regel niemanden, der uns sagt, was moralisch richtig oder falsch ist. Das wissen wir doch selbst. Ich bin noch nie jemandem begegnet, der sagt, er müsse zuerst nach Hause gehen, um dort in einem Ethik-Buch nachzulesen, damit er weiß, was richtig oder falsch ist. Ein weiterer Punkt scheint mir wichtig: Es fällt in der Regel leicht, sich als Moralapostel über Parteien wie AfD und FPÖ und ihre Wähler zu erheben. Allerdings wäre es doch weit sinnvoller, sich zu fragen, was die Menschen bewegt, diese Parteien zu wählen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Entstehen dieser Parteien ein Geschenk Gottes für die Moralapostel ist: Endlich ist da eine Gruppe, auf die man zeigen kann, um sich dadurch als anständig zu erweisen, ja sogar als politisch mutig. Jeder, der mal auf einer Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland war, weiß, was ich meine …

Pardon, aber das muss jetzt fast sein: Was ist denn die Moral aus dieser Gschicht? …

Ich denke, wir sollten weniger moralisch hochgerüstet sprechen. Moralisch hochgerüstete Personen dürfen ruhig der Vergangenheit angehören. Wir sollten uns den Sachen zuwenden und nicht permanent um unsere eigene moralische Integrität kreisen. Das ist so furchtbar ermüdend, wenn es immer nur um den Erweis der eigenen moralischen Integrität geht und alles dafür in Dienst genommen wird. Aber auch ein weiterer Punkt beschäftigt mich … (lacht) Ich frage mich, ob die Kritik am Moralapostel nicht die sublimste Form ist, selbst Moralapostel zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Buchtipp „Warum wir Moralapostel nicht mögen und das Moralisieren verabscheuen“ Kohlhammer, 2017

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