
„Nicht der Düsternis nachgeben“
Die österreichische Historikerin und Publizistin Mirjam Zadoff (52) beschreibt in ihrem aktuellen Buch, wie wir unseren Lebensmut durch die aktuell so düsteren Zeiten retten können. Im Interview spricht die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München über Hoffnung, über Zukunft und über einen „informierten Optimismus“. Sie sagt dabei: „Viele große Veränderungen haben im Kleinen begonnen. Und ich glaube fest daran, dass wir jetzt noch an einem Punkt sind, an dem wir das sehr wohl können.“
Frau Zadoff, Sie schildern in Ihrem Buch, wie wir den Lebensmut durch die harten Zeiten retten können und sagen dabei, dass Zukunftslosigkeit einer Kapitulation gleichkomme.
Als Historikerin richte ich meinen Blick oft auf vergangene schwierige Zeiten, ganz besonders im 20. Jahrhundert. Und deshalb weiß ich auch um die Geschichte der damaligen Zukunftserwartungen; es gab hoffnungsvolle Zeiten, es gab Zeiten der Veränderung und es gab sehr düstere Zeiten. Und gerade in den wirklich schlimmen Zeiten – etwa während des Zweiten Weltkriegs – sind Texte entstanden wie beispielsweise jene von Ernst Bloch, die hartnäckig von Hoffnung und von Zuversicht geprägt und bis heute extrem wichtig sind. Und das ist mein Plädoyer für die Gegenwart: In dieser Krisensituation, in dieser Zuspitzung der Ereignisse, eine Chance zu einer positiven Veränderung zu sehen – und eben nicht dieser Düsternis nachzugeben.
Die gegenwärtige Welt ist nicht so schlimm, als dass man nicht an eine gute Zukunft glauben könnte?
Ich bin weder naiv noch will ich sagen, dass das, was passiert, alles gar nicht so schlimm sei. Das wäre falsch. Ich sage nur: Wir dürfen den Glauben daran nicht verlieren, dass wir diese Zukunft noch verändern können. Das Gefühl der Ohnmacht entsteht ja erst aus der Ansicht heraus, man könne ohnehin nichts mehr tun, um den Weg in den Abgrund noch zu stoppen, ob das nun die Politik oder die Wirtschaft oder den Umweltschutz betrifft.
In den 1990ern war das Gefühl ein anderes. Mit dem Mauerfall sei das Ende der Geschichte gekommen, verkündete damals der Politikwissenschaftler Fukuyama.
Mit Ende des Kalten Krieges hatte man in Europa tatsächlich das Gefühl, dass jetzt alles besser wird, dass die Brutalität des 20. Jahrhunderts vorbei ist und dass Gesellschaften gerechter und Menschen klüger werden. Die eigenen Möglichkeiten waren auf einmal ganz andere. Neue technologische Lösungen versprachen, die Erderwärmung zu stoppen. Und über das Internet entstand das Gefühl, dass man Anteil nehmen konnte an Prozessen, die einem zuvor vorenthalten blieben. Wer heute Kinder hat, weiß, wie anders das war, damals aufzuwachsen. Doch hilft uns heute die Suche nach diesem vergangenen Optimismus nicht mehr; auch wenn es eine Sehnsucht danach gibt, in das Auenland, in die Idylle der Hobbits, zurückzukehren.
Um die Gegenwart zu beschreiben, zitieren Sie unter anderem Antonio Gramsci.
Es gibt gewisse historische Ähnlichkeiten. Der italienische Philosoph Antonio Gramsci soll um 1930 gesagt haben: ‚Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen: Es ist die Zeit der Monster.‘ Das sehen wir heute wieder. Denn trotz aller Verschiedenheiten ähneln sich die Zeiten. Die Monster haben viele Gesichter. Ein Krieg nach dem anderen bricht aus, eine unglaubliche Dynamik verändert die globalisierte Welt und beeinflusst damit auch uns, in allen Lebensbereichen.
Und was hilft dann? Wie lässt sich Mut schöpfen in der heutigen Zeit?
Vielen Menschen geht es trotz aller Veränderungen noch besser als je zuvor. Also: Ist es tatsächlich so schlimm? Und ist das, was man selber machen könnte, denn tatsächlich so bedeutungslos? Oder kann man doch etwas bewirken? Diese Fragen sollte man sich stellen, gerade in unserer heutigen Zeit. Wir müssen uns überlegen, welche positiven Visionen heute realistisch sind und welche Form von gemeinschaftlichem Nachdenken über eine Zukunft wir brauchen. Wir könnten ja auch darüber nachdenken, warum wir Glück sehr lange ausschließlich durch wirtschaftliches Wachstum definiert haben. Junge Menschen heute gehören zur ersten Generation, die häufig weniger hat als ihre Eltern. Die sich hier in München oder bei Ihnen in Vorarlberg eben kein Haus und keine Wohnung mehr kaufen können. Also: Ist diese wirtschaftliche Definition von Glück noch gerechtfertigt? Oder sollten wir heute andere Prioritäten haben? Wie beispielsweise eine gut funktionierende Gesellschaft? Ich glaube, wir haben uns zu lange ablenken lassen.
Sie rufen nach einem vorsichtigen, informierten Optimismus, ein interessanter Ausdruck.
Es gibt durchaus wieder eine Sehnsucht nach Zukunftserzählungen. Das war lange nicht mehr der Fall. Es geht nicht darum, blauäugig und mit rosaroter Brille durch die Welt zu gehen und zu sagen, das wird schon wieder alles. Es geht vielmehr darum, ohne Scheu die Worte Zuversicht und Hoffnung in den Mund zu nehmen, indem man den richtigen Weg auf Basis tatsächlicher Ereignisse, wissenschaftlicher Erkenntnisse und fundierter Optionen einschlägt. Es gibt da ein beeindruckendes Beispiel: Die junge US-amerikanische Klimaökonomin Sage Lenier.
Und was beeindruckt an ihr?
Lenier liegt nichts ferner, als den aktuellen Zustand des Planeten zu verharmlosen. Aber sie erlebte während ihres Studiums, wie eine apokalyptische Prognose nach der anderen das Ende der Welt herbeidachte. Dass wir bereits Kipppunkt um Kipppunkt hinter uns haben, und die Menschen deswegen schon so erschöpft sind, dass sie über das Thema gar nicht mehr nachdenken und sprechen, geschweige denn Lösungen finden wollen. Es gibt eine neue Studie aus den USA, der zufolge der Großteil der Amerikaner damit rechnet, dass sie das Ende der Welt noch erleben werden – sie selbst, nicht ihre Kinder, nicht ihre Enkelkinder. Für Lenier ist Zukunft allerdings nicht etwas, was einfach ererbt wird, sondern eine Geschichte, die erst geschrieben werden muss. In ihren Kursen weist sie deshalb ganz bewusst auf Möglichkeitsräume hin. Wo können wir heute aktiv werden? Was kann im Kleinen begonnen werden, das dann immer größere und größere Kreise zieht? Lenier zeigt Alternativen auf, bietet Lösungen an, vorsichtig, informiert, optimistisch. Ob wir damit ans Ziel kommen, ist offen. Aber es ist immer sinnvoller, daran zu glauben, etwas verändern zu können, als zu sagen: Es ist eh schon zu spät.
Sie verweisen in Ihrem Buch mehrfach auf die USA. Auf Trumps Amerika.
Dass Trump so erfolgreich ist, hat auch damit zu tun, dass die USA strukturell bereits an einem anderen Punkt sind als wir. Bei uns werden Veränderungen etwas langsamer umgesetzt. In den USA wurde bereits in den 1980ern weniger und weniger Geld in die Infrastruktur der Kommunen investiert, in den öffentlichen Nahverkehr, vor allem aber auch in öffentliche Gemeinschaftsräume. Die es sich leisten konnten, zogen zwar in die Vororte. Aber dort wurden nicht nur die Distanzen zu den Nachbarn, sondern auch die Distanzen zwischen Wohnort und Arbeitsplätzen größer. Reflektierte Menschen berichten, dass es in armen Gegenden in Kentucky, West Virginia und in anderen Bundesstaaten heute keine Gemeinschaft mehr gibt. Dort treffen sich nicht einmal mehr die Rotarier. Niemand geht mehr in die Kirchen. Die Menschen werden immer einsamer.
Und das hat Folgen.
Ja. Die Menschen sind deswegen auch viel empfänglicher für Hass und Hetze und Rassismus. Die USA sind ein Land geworden, in dem ein Präsident den Menschen erklären kann, dass das größte US-amerikanische Problem jene Menschen seien, die seit teilweise 30 – 40 Jahren illegal in ihrem Land leben, dabei aber – wohlgemerkt! – Steuern zahlen. Heute zahlen die USA Unsummen, damit ICE diese Menschen finden und in Lager einsperren kann. Das ist doch völlig absurd. Aber es funktioniert, weil eben weite Teile in den USA kein Vertrauen mehr haben, weder in die Politik noch in die Medien – oder in den eigenen Nachbarn.
Sind die USA unter Trump ein Schreckensbild dessen, was auch uns drohen könnte?
Man vergisst so schnell, was alles zu einer Demokratie gehört: Die Freiheit, sagen zu können, was man sagen will; gleiche Rechte für Mädchen und Jungs; ein demokratisches Schulsystem und vieles andere. Will ich diese Errungenschaften behalten, dann muss ich für die Demokratie auch eintreten. Und wenn sich aktuelle Entwicklungen nicht mit meinem Verständnis von Humanität decken, dann muss man seine Grenzen des Aushaltbaren definieren. In einer Welt, in der Ungerechtigkeit existiert, ist Neutralität keine Option, sondern eine Form der Komplizenschaft. Und diese Neutralität ist eine Gefahr für die Demokratie. Lassen wir zu, dass sich Staatsgewalt gegen eine Gruppe richtet, dann wird sie sich irgendwann auch gegen andere Teile der Gesellschaft richten. Gegen diese Entwicklung müssen wir einstehen, und zwar auf allen Seiten. Daran haben sich alle liberal-demokratischen Parteien zu beteiligen. Sollen wir denn all diese Errungenschaften, die wir nach zwei desaströsen Weltkriegen mit Abermillionen Toten erreicht haben, einfach aufgeben? Zugunsten einer neuen Politik der Härte? Nein!
Sie formulieren im Buch mehrere Appelle. Sie rufen regelrecht aus: Seid zuversichtlich! Schafft Räume! Sorgt Euch! Seid Menschen!
Ich wollte ein nachdenkliches Buch schreiben, das nicht alle Antworten parat hat, sondern ein gemeinsames Weiterdenken anregt. Zugleich sollte es ganz pragmatische, leicht umsetzbare Anregungen enthalten: wieder mehr zu lesen, sich um den Stand der Welt oder um Menschen im eigenen Umfeld zu sorgen, sich zu engagieren und zu protestieren, dem eigenen Empfinden zu vertrauen und nicht der vermeintlichen Autorität eines Bildschirms oder einer KI. Aber eben auch: Pausen einlegen, in die Natur gehen, Atem holen, schlafen, lachen oder eine Party organisieren.
Wie könnte ein Fazit lauten?
Ich habe dieses Buch in einer Situation geschrieben, in der es mir persönlich nicht gut ging, mein Vater war nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Und wenn in dieser krisenhaften gegenwärtigen Welt eine persönliche Krise dazukommt, entsteht schnell das Gefühl, dass einem alles zu viel wird. In dieser Situation des Verlustes habe ich viel darüber nachgedacht, welche Rolle die Eltern und welche Rolle man selbst spielt und was man den Kindern weitergibt. Und mein Vater hat mir da eines mitgegeben.
Was hat Ihr Vater gesagt?
„Schau nach vorne, auch in schwierigen Situationen“, das hat mir mein Vater mitgegeben. Manchmal ist das Erbe vielleicht auch einfach die Chronologie der Hoffnungen eines Lebens. Die Abfolge dessen, was man sich selbst gewünscht hat und dann seinen eigenen Kindern weitergibt: Dass man aus dem Wunsch und dem Willen, etwas auch wider besseren Wissens zu versuchen, unglaublich zehren kann. Es ist ein bisschen so, als würde man einen kleinen Stein ins Wasser werfen, der dann immer größere Kreise zieht. Wenn ich vor Menschen über dieses kleine Buch spreche, ist der Effekt häufig der, dass viele den Raum mit einem Lächeln verlassen. Ich freue mich dann darüber, weil ich mir denke, dass jeder Einzelne und jede Einzelne im eigenen Umfeld tatsächlich etwas verändern und damit auch eine andere Stimmung in unserer Gesellschaft auslösen kann. Und das sage ich als Historikerin: Viele große Veränderungen haben im Kleinen begonnen. Und ich glaube fest daran, dass wir jetzt noch an einem Punkt sind, an dem wir das sehr wohl können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Mirjam Zadoff , *1974 in Innsbruck, studierte Geschichte und Judaistik in Wien und in München. 2014 bis 2019 war Zadoff Professorin für Jüdische Studien und Geschichte an der Indiana University Bloomington. Seit 2018 leitet sie das NS-Dokumentationszentrum in München. Als Gastprofessorin unterrichtete Zadoff in Zürich, Berkeley und Berlin.







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