Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Damit uns das Negative nicht übermannt“

April 2026

Zukunfts- und Trendforscherin Christiane Varga (40) sagt im Interview, dass die Welt nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich immer schneller wird und wir auch deswegen das Gefühl haben, Zukunft überhaupt nicht mehr einschätzen zu können. „Gerade diese Zeit“, sagt Varga, „ist eine große Einladung dazu, tiefer zu schauen.“ Ein Gespräch über wesentliche Fragen unserer Zeit, ein veraltetes politisches System – und über Nostalgie und Hoffnung.

Frau Varga, blicken Sie mit Optimismus in die Zukunft? Oder mit Pessimismus?
Ich blicke mit realistischem Optimismus in die Zukunft, weil ich glaube, dass Optimismus im Sinne von Zuversicht und Hoffnung alternativlos ist. Weil für mich Pessimismus immer bedeutet: Tatenlos auf den Untergang zu warten. Diese Denkart ist doch nichts für Menschen. Es ist doch immens wichtig, im jeweils eigenen Bereich ins Handeln zu kommen, damit uns das Negative nicht komplett übermannt und überfordert.
 
Was verstehen Sie unter einem realistischen Optimismus?
Ich möchte mir weder die rosarote Brille aufsetzen, noch möchte ich in die Falle dieses Zeitgeistphänomens des Positiv-Denkens tappen. Realistischer Optimismus bedeutet, die Realität zu sehen und anzuerkennen, dass wir mit multiplen Krisen konfrontiert sind, dass wir gleichzeitig aber Menschen mit wirklichen Problemen helfen können. Ich habe erst dieser Tage mit der Geschäftsführerin der Wiener Tafel gesprochen, sie hat mir gesagt, dass immer mehr Menschen nur noch einmal am Tag essen können. In Österreich! Diese Realität anzuerkennen, ist wichtig. Aber Hoffnung und Zuversicht sind insofern gegeben, als es zunehmend mehr Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren, die sich zusammenschließen, um helfen zu können. Das Internet ist da eine große Hilfe; man kann heute mehr bewirken, als das in den starreren Strukturen der Vergangenheit der Fall war.

Apropos. Viele Menschen nehmen Zuflucht in nostalgischer Erinnerung. Mit Nostalgie wird eine Zukunftsforscherin allerdings nur sehr bedingt etwas anfangen können …
Das kommt darauf an, wie man Nostalgie definiert. Auf Gegenstände oder Erinnerungen aus einer Vergangenheit zurückzugreifen, kann einem in gewisser Weise ja auch Halt geben. Die Erinnerung an eine schöne Begebenheit oder an den Geruch des Lieblingsessens aus der Kindheit, von der Großmutter gekocht. Für den Menschen hat Unterschiedliches seine Wertigkeiten, er ist ein multisensorisches Wesen. Und es ist auch wichtig, Elemente aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu verankern, gerade weil die Zukunft so ungewiss ist. Im Übrigen bin ich eher eine konservative Zukunftsforscherin (lacht), ich möchte mich nicht dauernd in der Zukunft aufhalten. Aber wenn Sie von Nostalgie sprechen, fällt mir ein schönes Beispiel ein. Kennen Sie diese Generationencafés wie beispielsweise die „Vollpension“?

Nein …
Diese Cafés breiten sich in Österreich immer stärker aus. Dort backen Pensionistinnen und Pensionisten ihre Kuchenrezepte von früher, und die Cafés sind auch ein bisschen wie Wohnzimmer von Omas eingerichtet. Vor allem junge Menschen gehen da gerne hin. Also ja, es gibt eine nostalgische Sehnsucht; und wenn man sich nicht komplett in der Vergangenheit vergräbt, dann kann das ja auch wirklich ein Seelenwärmer sein. Und dagegen ist doch gar nichts einzuwenden. 

Und doch wird die Welt immer noch krisenhafter. Das ängstigt die Menschen.
Es ängstigt die Menschen berechtigterweise. Es ist auch wichtig, anzuerkennen, dass das Angst macht. Aber das Tempo der Entwicklungen ist auf systemischer Ebene gut erklärbar. Denn die Welt wird offenkundig immer komplexer und ein wesentliches Merkmal hochkomplexer Netzwerke ist eine höhere Dynamik. Es kommt uns also nicht nur so vor, dass alles immer schneller wird: Das ist tatsächlich so. Die Taktung ist enorm geworden. Um einschätzen zu können, wie schnell alles geworden ist, sollten wir uns beispielsweise einmal bewusst machen, wie vieles wir heute an einem einzelnen Tag erledigen. Mit wie vielen Informationen ein jeder von uns Tag für Tag für Tag konfrontiert wird. Auch deswegen haben wir das Gefühl, die Zukunft überhaupt nicht mehr einschätzen zu können. Und das sorgt für Angst.

Immer mehr versuchen deswegen, Nachrichten und Informationen komplett zu vermeiden. Doch ist Medien-Abstinenz in Ihren Augen ein gangbarer Weg?
Nicht wirklich. Schlechte Nachrichten komplett zu ignorieren, wäre falsch. Wer das versucht, riskiert vielmehr, von den Tatsachen eingeholt und überrascht zu werden. Doch auch der andere Weg, sich nur mit schlechten Nachrichten zuzumüllen, ist falsch. Wer das macht, überlastet sein System. Ich glaube also, dass jeder und jede einen für sich stimmigen Mittelweg finden sollte.

Es ist die Erschütterung einstiger Gewissheiten, die uns Sorge bereitet, die Tatsache, dass wir das Alte nicht halten und das Neue nicht tragen können?
Es ist wesentlich, sich diesen Kontrast zu vergegenwärtigen. Wir kommen aus einer Welt, die zumindest im Westen sehr stabil und von Wohlstand gesättigt war. Wir haben verlernt, mit Unwegsamkeiten umzugehen. Wir sind das schlichtweg nicht mehr gewohnt. Andere Gesellschaften, das soll nicht zynisch klingen, sind sich da eher gewahr, dass das Leben nicht nur aus Stabilität und Sicherheit und Kontrolle besteht, sondern oft auch sehr brüchig ist. Und ja, es ist tatsächlich so, dass alte Strukturen gerade aufbrechen, und sich das Neue noch nicht etabliert hat. Wir sind in einem Zwischenraum. Ich vergleiche das immer mit folgendem Bild: Tektonische Platten verschieben sich, Abgründe tun sich auf, Erdteile bilden sich neu. Und wir sind auf unserem Weg in die Zukunft orientierungslos, weil wir keine Navigationshilfen haben. Die brauchten wir in früheren Jahrzehnten auch nicht.

Der italienische Philosoph Antonio Gramsci soll um 1930 gesagt haben: ‚Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.‘ Das ist eine treffende Beschreibung der Gegenwart.
Gramscis Zitat beschreibt die Gegenwart in der Tat treffend. Das Monströse breitet sich aus. Die Ereignisse spitzen sich zu. Das waren wir lange Zeit nicht mehr gewohnt. Aus dem Wohlstand unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft kommend, haben wir irrigerweise angenommen, dass immer alles noch schneller und noch besser wird. Aber Zukunft ist eben nicht linear, sondern zyklisch. Ray Dalio beschreibt in seinem Buch ‚Weltordnung im Wandel‘, dass Wandel bestimmten wiederkehrenden Mustern unterliegt.
 
Sie hatten 2022 gesagt: „Wir hatten irrigerweise angenommen, dass die Zukunft die Fortschreibung der Vergangenheit sein wird.“ Vier Jahre später wird dieser Irrtum immer klarer …
Ja. Er wird immer klarer. Man könnte bildhaft sagen, dass das Licht dieser Erkenntnis mittlerweile so hell strahlt, dass sich manche regelrecht geblendet sehen. Wir hätten die Entwicklungen in der Wirtschaft, im Gesundheitssystem, im Bildungswesen, eigentlich in nahezu allen Bereichen viel früher erkennen dürfen. Wir hätten uns so viel Krisenhaftes ersparen können, wenn wir diese Themen frühzeitiger aufgegriffen hätten, wenn wir sie frühzeitiger angegangen wären. Denn öffentlich diskutiert wurden all diese Herausforderungen ja schon viel früher. Man hat nur nichts gemacht, eben in der irrigen Annahme, dass die Zukunft die Fortschreibung der Vergangenheit sein wird. Und während wir das ignoriert haben, hat sich die Welt verändert, ist Neues und Anderes entstanden. Und die notwendigen Adaptationen, die früher einfacher gewesen wären, werden jetzt immer schwieriger …

Man könnte auch sagen, dass die Politik zu gegenwartsbezogen agiert und zu wenig in die Zukunft blickt. 
Das würde ich unterschreiben. Das soll aber keine Politiker-Beschimpfung sein. Ich kenne einige Politiker, die sich wirklich engagieren, die wirklich etwas bewegen wollen. Aber: Das politische System passt in seiner Struktur überhaupt nicht mehr zu den heutigen Begebenheiten. Es passt nicht zum Wandel, es passt nicht mehr zu dieser einem Wandel unterworfenen Welt. Es ist zu starr und zu sehr darauf ausgerichtet, dass in Wahlperioden gedacht wird. Dieses politische System wurde in einer Zeit geschaffen, die sich mit der heutigen nicht mehr vergleichen lässt; es ist zu langsam, und es kann in vielen Teilen nur reagieren, nicht agieren. Das politische System braucht eine Rekonfiguration.

Eine Rekonfiguration?
Es geht im Kern darum, von einem reaktiven zu einem gestaltenden System zu kommen. Wir brauchen Strukturen, die langfristiger denken können, die stärker vernetzt sind und die mit Komplexität umgehen können, anstatt sie zu vereinfachen. Das heißt auch, neue Formen der Beteiligung zuzulassen und Entscheidungsprozesse dynamischer zu gestalten. Wenn sich die Welt beschleunigt und vernetzt, dann muss auch Politik lernfähiger, adaptiver und vorausschauender werden.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass im Zentrum Ihrer Arbeit und Ihrer Forschung folgende Frage steht: Wie in Zeiten wachsender Unsicherheit Orientierung entstehen kann. Das wäre dann wohl die Gretchenfrage …
Ja, das ist die Gretchenfrage. Ich unterstütze in meiner Arbeit Institutionen und auch einzelne Menschen. Aber letztlich ist das eine Frage, die sich jeder Mensch selbst stellen sollte. Geht es uns gut, neigen wir alle dazu, das als gegeben hinzunehmen. Erst Krisen bringen uns zum Nachdenken. Und da ist jetzt die Zeit gekommen, uns von oberflächlichen Sichtweisen zu verabschieden und stattdessen wirklich wesentliche Fragen zu stellen. Was gibt mir Orientierung? Was gibt mir wirklich Halt in einer Welt, die sich so massiv verändert? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht im Außen zu suchen, nicht im Beruf, nicht im Geld, nicht in materiellen Werten. Die Quellen der Zuversicht liegen nicht nur im Inneren des Menschen, sondern auch in einer tieferen Verbindung – zu etwas, das größer ist als wir selbst. Manche nennen es Vertrauen ins Leben, andere Sinn oder Glauben. Wer diesen Zugang findet, wird unabhängiger vom Außen. Gerade diese Zeit ist eine große Einladung dazu, tiefer zu schauen. Denn Krisen sind immer auch Innovationstreiber. Sie machen nur sichtbar, was zuvor im Verborgenen lag.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Zur Person

Christiane Varga, * 1985 in Temeswar, aufgewachsen in Ulm, beschäftigt sich als Speakerin, Soziologin und Zukunftsforscherin mit den Themen gesellschaftlicher Wandel, Raum und Design. Von 2012 bis 2017 war sie Teil des Think Tanks im Wiener Zukunftsinstitut und berät heute Großkonzerne, Unternehmen und Kommunen. Am Lehrstuhl Industrial Design der FH Joanneum in Graz unterrichtet sie das Fach „Design Research“.

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