Klaus Feldkircher

geb. 1967 in Bregenz, Germanist und Klassischer Philologe, betreibt das Kommunikationsbüro althaus7, das auf Kommunikation mit Fokus Storytelling spezialisiert ist. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht.

Aus Leidenschaft zu Bike und Kaffee: Velomore

September 2026

Dienstagnachmittag in der Deuringstraße in Bregenz. Ein Biker bringt sein Fahrrad zum Service, am Tresen läuft die Espressomaschine, zwischen Rädern und Zubehör wird über Technik diskutiert. Da taucht eine weitere Kundin auf, bringt ihre Rennmaschine, bestellt ein neues Lenkerband und lässt gleich ihre Yogamatte da. Denn am Abend wird die Werkstatt leergeräumt und für eine Stunde zum Yoga-Hotspot.

Yoga, Service, Lenkerband. So kann es manchmal funktionieren“, meint Velomore-Inhaber Carsten Schröder lächelnd. Velomore, das neue Bike-Fachgeschäft und mehr lässt sich so wohl am besten beschreiben: Der Shop ist Bike-Hotspot, Werkstatt, Café, Beratungsstelle und Treffpunkt zugleich. Hier werden hochwertige Räder verkauft und repariert, Espresso ausgeschenkt, Bike-Fittings angeboten und gemeinsame Ausfahrten organisiert. Velomore ist damit ein Ansatz, stationären Handel neu zu denken.

Vom Industriejob zur eigenen Idee
Die Wurzeln des Konzepts reichen weit zurück. Während seines Studiums zum Wirtschaftsingenieur in Karlsruhe arbeitet Schröder zwei Jahre als Barista in einem Café. Seine Leidenschaft für guten Kaffee entsteht dort, jene fürs Rad ist längst vorhanden. Alpencross und lange Mehrtagestouren gehören zu seinem Leben.
Beruflich führt ihn sein Weg zunächst in die Industrie. 18 Jahre arbeitet er beim selben Arbeitgeber, dann wechselt er und erkennt schnell, dass die erhoffte Veränderung ausbleibt: „Es war eigentlich das Gleiche, nur mit einem anderen Farbton.“ Damit wird eine lange schlummernde Idee konkret: Fahrräder und Kaffee zusammenbringen, aber nicht in Form des nächsten klassischen Fahrradshops. „Mehr vom Gleichen ist nicht immer unbedingt sinnvoll“, erklärt der Bike-Experte. Anfang 2024 beginnt er mit seiner Frau Stephanie mit der konkreten Planung, im September 2025 ist es dann so weit: Das Velomore – Symbiose von Velo und Amore – öffnet seine Pforten in der Bregenzer Deuringstraße.

Kuratieren statt vollräumen
Das Konzept der Schröders setzt bewusst nicht auf Masse. Der Kaffee-Liebhaber spricht von einem „kuratierten Sortiment“: ausgewählte Räder und Produkte, die er kennt und zu denen er fundiert beraten kann. Damit reagiert Velomore direkt auf den Onlinehandel. Bei Standardzubehör oder Bekleidung könne ein kleiner Fachhändler die enorme Auswahl im Internet kaum abbilden. Also konzentriert sich Schröder auf jene Bereiche, in denen Beratung und Individualisierung zählen.
Bei Marken wie Basso oder Cinelli können Räder auf Körpermaß und Kundenwunsch abgestimmt oder individuell aufgebaut werden. Gerade darin sieht Schröder eine zentrale Stärke des Fachhandels: nicht möglichst viel anzubieten, sondern möglichst passend. Auch der Kaffee gehört fest zum Konzept. „Rein wirtschaftlich ist er kein bedeutendes Geschäftsfeld, für die Atmosphäre hingegen umso wichtiger“, erklärt Gattin Steffi. Denn: „Radfahren und Kaffee, das gehört zusammen. Das ist Lebensgefühl“, ergänzt der passionierte Rennrad-Fahrer Carsten. Der Espresso mache aus den Räumlichkeiten einen Ort, an dem man nicht zwingend sofort etwas kaufen müsse. „Man kann schauen, reden, sitzen bleiben“, beschreibt Steffi die Philosophie.

Vom Kunden zur Community
Diese Idee setzt sich bei den Veranstaltungen fort. Velomore organisiert Social Rides und Workshops, zum Beispiel zum Thema Sporternährung. Für die Zukunft sind auch „Schrauberabende“ eingeplant. Darüber hinaus wird jeden Dienstagabend die Werkstatt für Yoga freigeräumt. 
Bei einer gemeinsamen Ausfahrt mit Huber Fine Watches und der Uhrenmarke Tudor waren zuletzt 34 Personen dabei, darunter auch der Schweizer Radprofi Fabian Lienhard, eben von der Tour de France zurückgekehrt. „Solche Veranstaltungen verkaufen zunächst kein Fahrrad. Sie schaffen aber Kontakte. Menschen lernen den Shop kennen, kommen vielleicht zum Service, zum Bike-Fitting oder zum Kauf zurück“, erklärt der Wirtschaftsexperte Schröder die Idee dahinter. Er nennt das „niederschwelliges Marketing“, tatsächlich ist es vor allem Community Building. Kommuniziert wird entsprechend über Instagram, Facebook und Strava statt über klassische Massenwerbung.

Was das Internet nicht kann
Die wirtschaftliche Logik dahinter ist klar. Mit dem Internet über Preis und Sortimentsbreite zu konkurrieren, hält Schröder in vielen Bereichen für aussichtslos. Anders sieht es bei Beratung, Ergonomie und Service aus: „Was du im Internet nicht kaufen kannst? Beispielsweise die Bremsen am Rad zu entlüften.“ Moderne Fahrräder sind längst Hightech-Produkte. Elektronische Schaltungen, Software und E-Bike-Technologie erhöhen die Anforderungen an Werkstätten. Entsprechend wichtig ist für Velomore der markenunabhängige Service. 
Dabei verändert sich auch das Fahrrad selbst. Für viele Kunden ist es nicht mehr nur Sportgerät, sondern tägliches Verkehrsmittel. Manche bringen ihr Rad morgens zum Service und brauchen es am Abend zurück, um damit am nächsten Tag zur Arbeit zu gelangen.

Bregenz als Versuchsfeld
Damit wird Velomore auch zu einer kleinen Fallstudie für die Bregenzer Innenstadt. Schröder lobt die Unterstützung durch das Stadtmarketing und die zahlreichen Veranstaltungen, die Frequenz in die Stadt bringen. Gleichzeitig sieht er hohe Gewerbemieten und administrative Hürden kritisch: „Viele beschweren sich über Leerstand und meinen, in der Stadt sei nichts mehr los. Aber wenn du etwas machen möchtest, wo ein bisschen was passiert, gibt es wieder jemanden, dem es zu viel ist.“
Gerade neue Konzepte bräuchten deshalb mehr Spielraum, niedrigere Einstiegshürden und Möglichkeiten, Ideen zunächst temporär zu testen. Denn gegen den Onlinehandel wird eine Innenstadt kaum mit mehr vom Gleichen gewinnen. Ihre Stärke liegt im Besonderen: Beratung, Service, Atmosphäre und Begegnung.
Velomore zeigt, wie so ein Modell aussehen kann. Nicht jedes Geschäft braucht Espresso und Yoga. Aber vielleicht braucht moderner stationärer Handel genau das, was sich online nicht bestellen lässt: einen guten Grund, hinzugehen.

www.velomore.at

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