Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

Zwischen Social Media, Straßenwahlkampf und Anti-Establishment

Juni 2026

So könnte man die Idee des Bregenzer Kommunikationsexperten Lucas Breuer im Wahlkampf des amtierenden ungarischen Ministerpräsidenten Péter Magyar beschreiben. 

Doch unsere Geschichte beginnt nicht mit Politik, zumindest nicht sofort. Die Weichen für diese Aufgabe werden im zarten Alter von sechzehn Jahren gestellt, als sich der junge Lucas für ein Schulsemester in Ungarn entscheidet. Aus dem geplanten Auslandsaufenthalt wird ein neuer Lebensmittelpunkt. Breuer besucht zwei Jahre lang eine Schule nahe Budapest und studiert später Fotografie. Danach bewegt er sich zwischen London, Budapest und Vorarlberg, gründet ein Kreativkollektiv für Branding und Kommunikation und arbeitet international für Unternehmen und Start-ups. Politik spielt in diesem Lebensentwurf zunächst keine Rolle.
Der Wendepunkt folgt im Februar 2024. Gemeinsam mit ungarischen Freunden verfolgt Breuer in Bregenz ein Interview auf einer unabhängigen Onlineplattform. Gesprächsteilnehmer ist Péter Magyar, damals offiziell „noch ohne politische Ambitionen“. Doch auf Breuer wirkt das Gespräch wie eine präzise orchestrierte politische Inszenierung. „Kommunikationstechnisch und strategisch war das so klug aufgebaut, dass er für eine politische Karriere prädestiniert wäre.“ Noch am selben Abend kontaktiert er Magyar über Instagram. Wenig später erhält er überraschend eine Antwort mit dessen Telefonnummer. Aus einem spontanen Kontakt entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit eine Zusammenarbeit, Breuer wird Teil des politischen Projekts „Europawahlen“, das wenige Monate später das Machtgefüge Ungarns erschüttern soll.

Europawahlen mit klarem Erfolg
Von Beginn an ist seine Aufgabe klar definiert: nicht Inhalte formulieren, sondern Wahrnehmung erzeugen. Breuer übernimmt das Branding der Bewegung und entwickelt gemeinsam mit einem Kernteam die visuelle Sprache des Wahlkampfs. Klassische Politikerästhetik wird bewusst vermieden. Keine standardisierten Pressebilder, keine distanzierten Parteifotografien. „Es sollte eher aussehen wie ein Magazinshooting oder wie Bilder eines Influencers“, beschreibt Breuer die Strategie. Die Kampagne orientiert sich weniger an traditionellen Parteiapparaten als vielmehr an den Mechanismen moderner Popkultur und digitaler Aufmerksamkeit. Bereits die erste große Kundgebung im März entwickelt sich zur politischen Machtdemonstration. Rund 50.000 Menschen strömen auf die Andrássy-Allee in Budapest, obwohl die Bewegung offiziell noch kaum existiert. Ein Interview, einige Social-Media-Posts und ein Organisationskern reichen aus, um eine Dynamik auszulösen, die selbst das Team überrascht. 
Da die Bewegung keine eigene Partei besitzt und die Zeit für eine Neugründung fehlt, wird kurzfristig die Mikropartei TISZA (Tisztelet és Szabadság Párt: Respekt- und Freiheitspartei) als rechtliche Hülle übernommen. Intern wird alles neu aufgebaut. Trotz minimaler personeller Ressourcen erreicht die Bewegung bei der Europawahl knapp dreißig Prozent. Breuer sieht die Ursachen dieses Erfolgs nicht in einem spontanen politischen Stimmungsumschwung, sondern in einer strukturellen Krise der ungarischen Opposition. Die Gegner Viktor Orbáns und seiner Fidesz-Partei wären zahlenmäßig gut aufgestellt gewesen, die Stimmen hätten sich jedoch auf zahlreiche zerstrittene Parteien verteilt. Frühere Versuche, diese Parteien zu vereinen, seien regelmäßig an internen Konflikten gescheitert. Genau hier setzte die neue Bewegung an: nicht über Integration, sondern über radikale Distanzierung. Niemand aus der alten Politik sollte Teil des neuen Projekts werden.

Social Media und Straßenwahlkampf
In der Folge entwickelt das Team TISZA für die Parlamentswahlen 2026 den erfolgreichen Wahlkampfstil, der moderne Social-Media-Mechanismen mit beinahe nostalgischem Straßenwahlkampf verbindet, weiter. Weil es in Ungarn kaum unabhängige Fernsehsender oder Printmedien gibt, konzentriert sich die Kampagne nahezu vollständig auf Facebook, Instagram und TikTok. Das Team analysiert permanent Algorithmen, testet neue Formate und reagiert in Echtzeit auf digitale Dynamiken. Zugleich entsteht eine fast altmodische Form unmittelbarer politischer Präsenz. Zum Symbol dieser Strategie wird ein alter Ford-Transit, lackiert in den ungarischen Nationalfarben. Mit diesem Fahrzeug fährt Péter Magyar durchs Land, hält spontane Reden auf Hauptplätzen und besucht teilweise fünf bis sechs Orte pro Tag. 
Gerade diese Verbindung aus digitaler Mobilisierung, physischer Präsenz und organisatorischer Flexibilität unterscheidet die Bewegung fundamental von den schwerfälligen Parteiapparaten der Konkurrenz. Hinzu kommt eine zweite Struktur, die sich nahezu organisch entwickelt: die sogenannten „Inseln“. Dabei handelt es sich um lokale Gruppen von fünf bis zehn Personen, die eigenständig praktische Hilfe organisieren – von der Unterstützung von Krankenhäusern bis zur Hilfe für arme Haushalte. „Durch die Inseln entstand erstmals das Gefühl kollektiver Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Vernetzung“, erklärt Breuer dieses Phänomen.
Der Parlamentswahlkampf entwickelt sich schließlich zu einer Mischung aus digitalem Dauerfeuer und physischer Mobilisierung. Das Team arbeitet permanent unter Druck. Interne Informationen gelangen nach außen, man geht von Überwachung durch Geheimdienste aus. Elektronische Geräte landen daher während Besprechungen mitunter in Waschmaschinen, um Gespräche abzuschirmen. Gleichzeitig erzwingt gerade dieser permanente Druck eine extreme Form organisatorischer Flexibilität.
Während die Regierungspartei Fidesz mit nahezu unbegrenzten finanziellen Ressourcen operiert, setzt Magyars Bewegung auf Community-Effekte und organische Reichweite. Klassische politische Werbung verliert zunehmend an Bedeutung. Stattdessen dominieren virale Inhalte, spontane Videos und direkte Kommunikation. Péter Magyar bleibt bewusst auf einem privaten Social-Media-Account aktiv und inszeniert sich nicht als professionell kontrollierter Politiker. Das Ergebnis: Seine Partei landet bei der Wahl am 12. April 2026 bei 53,5 Prozent der Stimmen, während Orbans Fidesz nur knapp 38 Prozent erreicht und mit der Oppositionsrolle vorliebnehmen muss.

Positive Grundstimmung
Trotz aller Polarisierung verändert dieser Wahlausgang die Stimmung im Land spürbar. Breuer beschreibt Budapest nach der Wahl als beinahe euphorisch. Menschen feiern auf den Straßen, klatschen sich in der U-Bahn ab, die Atmosphäre wirke plötzlich leichter und hoffnungsvoller. Gleichzeitig beginne das bisherige Machtgefüge sichtbar zu erodieren. Teile des Systems geraten unter Druck, Funktionäre ziehen sich zurück, die Zustimmung zur Fidesz sinkt dramatisch. 
Für Breuer bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: wie eng politische Kommunikation, Macht und Psychologie miteinander verwoben sind. Der Wahlkampf habe gezeigt, wie schnell Bewegungen wachsen können. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Erkenntnis dieser Monate in Ungarn: Dass moderne Politik längst nicht mehr allein über Programme entschieden wird, sondern über Wahrnehmung, Geschwindigkeit, emotionale Erzählungen und das Gefühl, Teil eines historischen Moments zu sein.

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