Karlheinz Kopf

Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg

Nicht länger akzeptabel

September 2026

Brief des Herausgebers

Es ist hoch an der Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen: Vorarlberg ist noch das Lehrlingsland Nummer eins in Österreich, aber das System der Lehrlingsausbildung ist im Augenblick stark gefährdet. Im Vorjahr hatten sich in unserem Bundesland nur noch 39,9 Prozent der 15-Jährigen für eine Lehre entschieden, im Laufe eines Jahrzehnts ist die Lehrlingsquote dramatisch gesunken, um 12,6 Prozentpunkte. Nun ist die duale Ausbildung ein wesentlicher Pfeiler unserer wirtschaftlichen Stärke und unserer Wettbewerbsfähigkeit, und ein derartiger Rückgang an Lehrlingen deshalb eine enorme Herausforderung für unsere Unternehmen, die sich bereits heute schwertun, offene Facharbeiterstellen zu besetzen. Diese Situation wird sich weiter verschärfen.
In Österreich hat sich nun die spannende Debatte entwickelt, ob nicht der von der Politik in den vergangenen Jahrzehnten massiv forcierte Trend zur Akademisierung der Bevölkerung zu diesen rückläufigen Lehrlingszahlen geführt habe. Mario Derntl, ein Ausbildungsexperte, ließ in diesem Zusammenhang mit dem Satz aufhorchen: „Wir haben uns kaputtstudiert.“ Dass über diese Frage nun diskutiert wird, ist gut. Aber es darf nicht dazu führen, dass der eine Ausbildungsweg gegen den anderen ausgespielt wird. Denn das gab es lange genug: Jahrelang propagierten Bildungspolitiker die Erzählung, dass nur der akademische Weg, nicht aber die Lehre zu einem erfolgreichen Leben führen könne – und sie propagierten dieses Narrativ so intensiv, dass die Lehrausbildung zumindest in Teilen der Öffentlichkeit als Ausbildung zweiter Klasse angesehen wurde. 
Falscher könnte diese Annahme nicht sein: Die Lehre war und ist ein Erfolgsmodell, sie bietet jungen Menschen in unserem Land beste Karriere- und Einkommenschancen, sie verspricht gerade im KI-Zeitalter hervorragende Aussichten – und sie sichert den Unternehmen die so dringend benötigten Fachkräfte. Die Bildungspolitik hat diese Vorzüge nun endlich offensiv zu bewerben. Wobei das Ziel eine Balance der verschiedenen Ausbildungswege sein muss: Wir brauchen beides. Wir brauchen die Balance.
Und in noch einem Bereich ist endlich Tacheles zu reden: Laut der im Auftrag der Wirtschaftskammer Vorarlberg vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft erstellten Studie „Fachkräfte von morgen“ sagen 62 Prozent der befragten Unternehmen, dass man zwar ausbilden wolle, aber kaum Bewerber mit ausreichenden Kenntnissen finde. Jeder vierte Pflichtschulabgänger kann nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen. Auch andere wichtige Voraussetzungen fehlen. Es ist ein individuelles und ein gesellschaftliches Dilemma. Dieses Versagen des Pflichtschulsystems muss aufhören. Keine Schülerin und kein Schüler darf die Pflichtschule ohne Grundfertigkeiten und Basiskompetenzen verlassen.  Ein Prolongieren dieses Zustandes ist nicht länger akzeptabel. 
Wenn die vielen ausbildungswilligen Klein- und Mittelbetriebe einem jungen Menschen mit solchen Defiziten trotzdem eine Chance geben wollen, bedeutet das für sie in der Regel einen enormen zusätzlichen Betreuungsaufwand. Umso unverständlicher ist es, dass angesichts dieser Situation der Bund ausgerechnet die betriebliche Lehrstellenförderung deutlich gekürzt hat. Das ist bildungspolitisch kurzsichtig und auch ökonomisch unsinnig. Denn laut den Studien des ibw ist die betriebliche Lehrlingsausbildung für den Staat die kosteneffizienteste Form der beruflichen Erstqualifizierung in der Sekundarstufe II. Ein Platz in einer vollzeitschulischen Ausbildung kostet die öffentliche Hand nämlich fast doppelt so viel wie ein Ausbildungsplatz im dualen System. Gleichzeitig sind die Einkommensperspektiven von Lehrabsolventinnen und Lehrabsolventen mindestens ebenso gut wie jene von Absolventen höherer Schulen.

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