
Vorarlberg im Aufbruch
Die Vorarlberger Landesausstellung im Herbst 1887 in den Bregenzer Seeanlagen muss eine unglaubliche Anziehungskraft auf die Bevölkerung ausgeübt haben, denn bei der damaligen Einwohnerzahl Vorarlbergs von etwa 110.000 wurden über 56.000 Eintrittskarten verkauft. Die Leistungsschau der Vorarlberger Wirtschaft hatte damit ihre Bewährungsprobe bravourös bestanden.
Es waren wohl die imposanten Weltausstellungen, beginnend 1851 im Londoner Crystal Palace, dem damals größten Gebäude der Welt, später 1873 im Wiener Prater, gefolgt 1889 von Paris mit dem Eiffelturm als höchstem Bauwerk der Welt, die als wirksames Mittel zur Förderung der Wirtschaft, zur Erschließung neuer Handelsmärkte und zum Aufbau von Handelsbeziehungen gesehen wurden.
Eingebettet in diese Zeit reifte auch im kleinen Vorarlberg der Plan, es den großen Metropolen gleichzutun und eine Leistungsschau der heimischen Wirtschaft zu organisieren. Ein erster Versuch einer Vorarlberger Wirtschaftsausstellung gelang 1869 mit der Schwarzacher Gewerbeausstellung, die mit immerhin 153 Teilnehmern aus Industrie und Gewerbe aufwarten konnte. Bis zur Neuauflage in Bregenz, fast 30 Jahre später, hatten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend geändert. Ab 1872 verband die Eisenbahn Bregenz mit Bludenz, und ab 1884 der Arlbergtunnel Vorarlberg mit der restlichen Monarchie, wodurch sich neue Märkte erschlossen und damit eine allgemeine Aufbruchstimmung ausgelöst wurde. Vom ebenfalls aufblühenden Fremdenverkehr profitierte besonders Bregenz: So inserierten im Katalog der Vorarlberger Landesausstellung gleich mehrere imposante Hotels, wie das Hotel de l’Europe, der Österreichische Hof, der Tiroler Hof, das Hotel Montfort, das Weisse Kreuz und einige andere. Auch der Austragungsort der Ausstellung war Ausdruck des wirtschaftlichen Aufschwungs. Da durch den Bahnbau am Bregenzer Bodenseeufer eine Barriere zwischen Stadt und See entstanden war, begannen ab 1880 Aufschüttungen jenseits der Bahn, um die Seeanlagen entstehen zu lassen, die sich dann sukzessive zum Naherholungsgebiet für Bregenz und zu einer Touristenattraktion entwickelten.
Genau dort wurde nun 1887 in wenigen Monaten ein ganzes Dorf errichtet, um die Landesausstellung aufzunehmen. Das zentrale Gebäude auf dem Gelände war die große Halle für Industrie und Gewerbe. Wie nicht anders zu erwarten, war es hier vor allem die Textilindustrie, die das Geschehen dominierte: Firmen wie Schindler, Getzner, Benger, Hämmerle, Rosenthal sowie Herrburger und Rhomberg zeigten ihre Produkte. Dazu kamen das Blumenhaus, eine Maschinenhalle, der Musikpavillon, das Alpenvereinshaus sowie eine Restauration für 500 Personen. Das Thema Unterricht und Bildung wurde im nahegelegenen Postgebäude gezeigt, in einer Turnhalle die Ausstellung „Für Kunst und Kunstgewerbe der Gegenwart und Vergangenheit“. Im Katalog besonders angepriesen wurden die Bilder von Angelika Kauffmann, schon damals die bekannteste Künstlerin Vorarlbergs: „Die zahlreichen Meisterwerke der Angelica Kauffmann sind in den großen Galerien Europas zerstreut, doch wird man auch in unseren Räumen einige Bilder der berühmten, heimischen Künstlerin finden, so dass es ihrem Ruhme nicht schaden kann, wenn auch Bilder von nicht so hohem Kunstwerthe unter ihrem Namen erscheinen.“
Das wohl spektakulärste Gebäude aber war ein Montafonerhaus, im Juli 1887 in Schruns „fertig gestrickt“ und später nach Abbruch und Überführung in Bregenz wieder aufgestellt. Die Räume waren Montafoner Handwerkern vorbehalten, die in einer Stube, einem Nebenzimmer sowie einer Küche ihre handwerklichen Fähigkeiten demonstrieren konnten. Der obere Stock verblieb ohne Einrichtungsgegenstände, um die Parkettböden aus der „Parquetbodenfabrik“ Jakob Zuderell aus Schruns zur Geltung zu bringen. Für das leibliche Wohl sorgte ein Gastronom aus Vandans, zwei „schmucke Schrunserinnen“ in Tracht verwöhnten die Gäste mit Erfrischungen.
Kurz vor Beginn der Landesausstellung brauten sich jedoch dunkle Wolken über dem Ereignis zusammen, drohten doch die Dornbirner Industriellen und Gewerbetreibenden mit dem Boykott der Veranstaltung. Der Grund dafür war die geplante Verlegung der Poststraße in den Bregenzerwald ins Schwarzachtobel, weg von der von den Dornbirnern bevorzugten Strecke von Haselstauden nach Alberschwende. Im letzten Moment wurde eine Einigung erzielt, indem eben beide Strecken eine Postverbindung erhielten. Das konservative Vorarlberger Volksblatt hatte schon vermutet, dass die „liberalen Freunde“ sich wohl einigen würden, vielleicht auch nur „um das Volksblatt zu ärgern“. Das konservative Blatt ließ in seinen Kommentaren kein gutes Haar an der Veranstaltung, die vielmehr eine „Belrupt-Veranstaltung“ als eine echte Landesausstellung sei. Der liberale Karl Graf von Belrupt-Tissac war von 1878 bis 1890 Landeshauptmann von Vorarlberg, in starker Konkurrenz stehend zum katholisch-konservativen Lager.








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