David Stadelmann

* 1982, aufgewachsen in Sibratsgfäll, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Managemant and the Arts; Fellow beim Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST); Fellow beim IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University); Mitglied des Walter-Eucken-Instituts.

 

Über KI und Kreativität

November 2026

Von Chancen, Grenzen und Auswirkungen künstlicher Intelligenz: Aspekte eines hochaktuellen Themas.

Es schmerzt zu sehen, wie weit die einst technologisch führenden Länder der Europäischen Union gegenüber den USA zurückfallen. Besonders sichtbar ist das bei künstlicher Intelligenz. Übermäßige Regulierung und hohe Energiekosten hierzulande erschweren das Aufholen. Allgemein durchläuft der Umgang europäischer Entscheidungsträger mit Innovationen aus den USA vier Phasen:
1. Verachtung: Die Innovation wird als Spielerei betrachtet, die nichts bringe.
2. Verleugnung: Innovationselemente werden zugestanden, doch sei alles verlustträchtig.
3. Angst: Die neue Technologie berge Gefahren, die eingedämmt werden müssten, denn hier sei nicht der Wilde Westen.
4. Panik: Es brauche einen Marshallplan mit Subventionsmilliarden, um den Rückstand aufzuholen, denn es gehe um die Souveränität.
So lief es bei Suchmaschinen oder Social Media. So läuft es bei KI, die zuerst als Spielerei und als „stochastischer Papagei“ abgetan wurde, der nur das nächste Wort in einem Satz gut voraussage. Dann kamen Zweifel an den Geschäftschancen von KI. 2024 feierte sich die EU nicht etwa für Erfolge bei modernen KI-Modellen, sondern für das erste umfassende KI-Gesetz. Es verbietet bestimmte KI-Anwendungen und sieht für andere, etwa bei Personalentscheidungen oder in der Bildung, teure Dokumentations- und Kontrollpflichten vor. Im Februar 2025 kam die Initiative „InvestAI“, mit der 200 Milliarden Euro an Investitionen mobilisiert werden sollten. Nun solle Europa plötzlich ein souveräner KI-Kontinent werden, nur eben stark reguliert.

Die Ökonomik der KI
Eine bessere Strategie bedingt, die Ökonomik der KI zu verstehen. Fachliche Kompetenz, Wissen, geistige Fähigkeiten und analytisches Können sind Inputs im Produktionsprozess. Bezeichnen wir diese Inputs vereinfachend als „Intelligenz“. „Intelligenz“ erlaubt, besser zu produzieren, also Kapital und Arbeit effizienter einzusetzen. KI macht bestimmte „Intelligenz“-Leistungen massiv günstiger: Berichte formulieren, Informationen zusammenfassen, Programmcodes schreiben und vieles mehr kosten dank KI weniger Zeit und Geld. Die Kosten für KI fallen schnell. Laut Stanford AI Index sanken sie für Leistungen auf GPT-3.5-Niveau zwischen November 2022 und Oktober 2024 von rund 20 auf 0,07 Dollar je Million Tokens. Schon das damalige Leistungsniveau erlaubte brauchbare Texte, Gedichte und hübsche Bildchen. Seither haben sich die Fähigkeiten nochmals stark verbessert.
Durch den Kostenverfall wird ein typisch ökonomischer Mechanismus relevant: Wird ein Input im Produktionsprozess erwartbar günstiger, nimmt auch die Nachfrage nach ihm zu. So lässt der Kostenverfall von KI die Nachfrage nach „Intelligenz“ insgesamt, also auch nach menschlichen Fähigkeiten, steigen. Hinzu kommen neue Produkte, Dienstleistungen und Märkte, die dank KI möglich werden. Fallen die Kosten für KI weiter, werden auch bislang unrentable Anwendungen wirtschaftlich. Realisierbar sind bereits heute persönliche Tutoren, Gesundheitsberater, massenhaftes Experimentieren in der Forschung oder digitale Mitarbeiter für Kleinunternehmen. Eine Analogie mit dem Internet der frühen 1990er Jahre lohnt. Mittlerweile reicht der Nutzen des Internets weit über erste, spielerische Anwendungen wie Chats hinaus.
Geht die Entwicklung weiter, werden auch Handwerk und Kleinunternehmen dank KI Aufgaben erledigen können, für die kürzlich noch teure Spezialisten oder große Teams erforderlich waren. Das senkt Markteintrittsbarrieren und beschleunigt Innovation. Vom Wettbewerb zwischen Unternehmen profitieren die Kunden durch niedrigere Preise, bessere Qualität und neue Angebote. Makroökonomisch ist ein Wohlstandsgewinn dank Produktivitätsgewinnen von jährlich zusätzlich 0,25 bis 0,6 Prozentpunkten dank KI durchaus denkbar – und das ist viel! Eine Regulierungspolitik wie hierzulande, die KI-Anwendungen erschwert oder gar verunmöglicht, verspielt dieses Potenzial.

Die zweite große Chance
Die erste Welle der KI-Modellentwicklung haben Österreich und andere EU-Länder teilweise selbstverschuldet verpasst. Den Rückstand bei KI-Modellen nun mit teuren Subventionen aufzuholen, während KI stark reguliert wird, ist Geldverschwendung. Auch muss das Rad in Europa nicht neu erfunden werden. Wie bei Suchmaschinen oder Social Media können Expertise und Dienstleistungen aus den USA genutzt werden. Die Konkurrenz bestehender KI-Modellanbieter dort drückt auf Preise und macht immer leistungsfähigere KI günstiger. Einige chinesische Modelle wären sogar ohne Lizenzgebühren verfügbar. Diese Entwicklung bietet eine zweite Chance.
Sie liegt in der Anwendung ausländischer KI-Modelle und damit in der Nutzung verfügbarer „Intelligenz“ in der hiesigen Produktion. Amerikanische Investitionen und der Wettbewerb mit China dürften weitere Kostensenkungen bei KI bringen. Entscheidend ist hierzulande die Integration von KI in Prozesse und Produkte. Wiederum hilft eine Analogie, das Potenzial besser einzuschätzen. Der große Nutzen der Eisenbahnentwicklung in den USA entstand mitunter auf den Weizenfeldern von Kansas. Günstigere Transporte erschlossen Märkte und machten landwirtschaftliche Flächen wertvoller. Die EU-Politik sollte die hiesigen Unternehmen ihre eigenen Weizenfelder bestellen und die Eisenbahn von den amerikanischen Partnern betreiben lassen.

Aufgabe für Vorarlberg
Für Vorarlberg mit seiner Industrie, talentierten Mitarbeitern und seinem Handwerk bietet KI enorme Möglichkeiten. Unternehmen können KI-Leistungen einkaufen und mit ihrem internen Fachwissen verbinden. In der jetzigen Experimentierphase wäre regulatorische Zurückhaltung geboten. Politik und Verwaltung fehlen nämlich die fachliche Kompetenz und das Wissen, sprich die „Intelligenz“, um das Potenzial der Verbindung von KI mit hiesigen Produkten und zukünftigen Produktchancen zu beurteilen.
Die Landespolitik sollte deshalb für Vorarlberg als eine Art Freihafen der KI-Anwendung eintreten, mit idealerweise ebenso großen unternehmerischen Spielräumen wie in den USA. Natürlich kann sie europäische KI-Regulierungen nicht eigenmächtig aussetzen. Aber sie kann Spielräume ausschöpfen, gegen die Regulierungspolitik angehen und durch eine enge Zusammenarbeit mit den Nicht-EU-Ländern Schweiz und Liechtenstein für Vorarlberger Unternehmen zusätzliche Freiräume erschließen, um die zweite Chance der KI nicht zu verpassen.

Das dritte Kapitel

Künstliche Intelligenz nimmt uns immer mehr ab. Die entscheidende Frage lautet: Was dürfen wir uns nicht abnehmen lassen? 

Von Steffi Burkhart, Referentin beim 5. Bildungsforum

Seit 2019 sage ich: Erfolg in der Zukunft ist die smarte Kombination aus menschlicher und technologischer Intelligenz. Heute erleben wir dabei ein Technologie-Paradox. Nie war eine Technologie so mächtig, und nie hing so viel vom Menschen ab. Als Generationenforscherin beobachte ich: Gen Y, Z und Alpha spüren das als Erste. Je digitaler ihr Alltag, desto stärker zieht es sie in die echte, physische Welt.
Einen Kompass dafür finde ich bei Hannah Arendt. In „Vom Leben des Geistes“ beschreibt sie drei Tätigkeiten, die uns als Menschen ausmachen: Denken, Wollen, Urteilen. Den dritten Teil konnte sie nicht mehr schreiben. Mein Gedanke: Dieses Kapitel schreiben wir gerade, im Co-Play mit der Maschine. Die Frage ist nur, ob wir es bewusst gestalten.
Beginnen wir mit dem Denken. Gen Y, Z und Alpha sind die ersten synchronisierten Generationen der Menschheitsgeschichte, weltweit geprägt von denselben Inhalten, im selben Moment, kuratiert von demselben Algorithmus. Mit Smartphone und Social Media haben wir das größte gesellschaftliche Massenexperiment erlebt. Aufmerksamkeit wurde zur Währung, die Gen Z zahlt mit einer globalen Youth Mental Health Crisis. Nun beginnt Experiment 2.0. Das Social Dilemma war ein Aufmerksamkeitsproblem. Das KI-Dilemma ist ein Bindungsproblem. KI liefert reibungsarme Nähe, ohne Konflikt, ohne Zurückweisung. Bindungskompetenz entsteht aber durch Reibung, Missverständnis und Reparatur. Und Denken im Sinne Arendts, das stille Gespräch mit sich selbst, braucht Leerstellen, die nicht sofort eine Maschine füllt. Damit wir bei der Gen Alpha nicht dieselben Schäden verursachen wie bei der Gen Z, müssen wir diese Bedenken immer wieder ansprechen.
Beim Wollen bin ich zuversichtlich. Arendt sieht im Menschen das Wesen, das anfangen kann. Und junge Menschen fangen an: Teenies gründen heute Firmen, wir erleben eine Gründer-Renaissance. Karriere ist nicht mehr die Leiter nach oben, sondern der Beitrag nach vorn. Nie gab es mehr Chancen, mit KI eigene Ideen zu verwirklichen. Gleichzeitig weise ich seit 2025 auf die Gefahren einer aufkommenden Bildungskrise hin. Das Versprechen „Matura, Studium, sicherer Job“ verliert an Glaubwürdigkeit, Bildungssysteme verlieren ihre Deutungshoheit. Wer junge Menschen im Modus der Erfahrung ausbildet, bereitet sie auf eine Welt vor, die es so nicht mehr geben wird.
Am meisten beschäftigt mich das Urteilen. Hier liegt ein Paradox: Dieselbe KI, die jungen Menschen als Partner dienen soll, verdrängt gerade die Einstiegsjobs, in denen sie Erfahrung sammeln. Junge verlieren dort, wo Wissen im Lehrbuch steht. Erfahrene gewinnen dort, wo Wissen durch Praxis und Mentoring entsteht. Wer keine Erfahrung sammeln darf, kann kein Urteil entwickeln. Wer kein Urteil entwickelt, wird zum verlängerten Arm der Maschine, nicht zu ihrem Partner.
Für Unternehmen ist das eine strategische Frage. Einstiegsjobs sind das Trainingsgelände für Urteilskraft und die Quelle jeder Talent-Pipeline. Wer heute die Einstiegsstufe als Kostenfaktor sieht, kauft sich den teuersten Senior-Mangel seiner Firmengeschichte. Deshalb: Einstiegsjobs nicht streichen, sondern neu designen. Wenn KI die Routine übernimmt, müssen junge Talente früher an komplexe Aufgaben, Entscheidungen und Kundschaft, begleitet durch Mentoring und Reflexion. Das Gespür dafür, wann die Maschine irrt, entsteht nur durch eigene Erfahrung. Unternehmen müssen sich als Architekten der Zukunft verstehen, die dieses Trainingsgelände ausbauen statt abbauen.
Vorarlberg hat dafür ein starkes Fundament: die Lehre. Sie ist genau das Trainingsgelände, das vielen Büro-Einstiegsjobs gerade abhandenkommt. Umso mehr sollte uns beschäftigen, dass 2025 nur noch knapp 40 Prozent der 15-Jährigen eine Lehre begonnen haben, 2023 waren es fast 49 Prozent. Wer Megatrends ignoriert, wird über sie stolpern.
Gen Y, Z und Alpha sind quantitativ in der Minderheit, qualitativ jedoch Schlüsselgenerationen. Sie werden die Probleme lösen müssen, die wir heute auftürmen. Dafür brauchen sie alle drei Fähigkeiten, die Arendt beschrieben hat. Die Maschine bringt Tempo, der Mensch Urteil, Kontext und Verantwortung. Das Fenster, in dem junge Menschen Urteilskraft entwickeln, schließt sich nicht durch die Technologie, sondern durch die Entscheidung in Unternehmen, KI zum Ersetzen junger Menschen einzusetzen statt zu ihrer Befähigung.
Das dritte Kapitel ist noch nicht geschrieben. Schreiben wir es gemeinsam mit den Jungen.

Die knappe Ressource Menschlichkeit in Zeiten von KI

Von Daniela Gau

Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt, Kommunikation oft digital stattfindet und Beziehungen – beruflich wie privat – häufig von Schnelligkeit und Austauschbarkeit geprägt sind. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen das Gefühl von Distanz, Unverbindlichkeit und fehlender echter Aufmerksamkeit. Zudem sind wir alle viel zu schnell getaktet. Wir funktionieren oft nur noch und leben immer noch in einer extremen leistungs- und profitorientierten Gesellschaft, wo eine bewusste, werteorientierte Führungskultur nur langsam Einzug findet. 

Eine Frage der Menschlichkeit
Es treffen heute am Arbeitsplatz bis zu vier oder sogar fünf Generationen (Babyboomers, Gen X, Y, Z, Alpha) mit unterschiedlichen Erfahrungen, Werten und Erwartungen aufeinander. Diese Entwicklungen stellen unsere Gesellschaft und Unternehmen vor neue Her-ausforderungen – und machen Menschlichkeit und Wertschätzung wichtiger denn je. Jede Generation wurde von anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen geprägt. Während ältere Generationen Verlässlichkeit, Jobsicherheit, direkte Kommunikation besonders schätzen, legen jüngere Generationen verstärkt Wert auf Freiheit und Flexibilität. Sie kommunizieren online. Ihre Werte sind geprägt von Selbstbestimmung und einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Diese Unterschiede führen nicht selten zu Missverständnissen oder Vorurteilen. Genau hier braucht es Verständnis und Respekt.
Die positive gesundheitliche Wirkung von realen Begegnungen, zwischenmenschlichen Kontakten und analoger Präsenz ist wissenschaftlich belegt. Während KI verschiedene Prozesse zwar optimieren und Entscheidungen unterstützen kann, bleiben Empathie, Mitgefühl und zwischenmenschliche Verbundenheit wichtiger denn je. Menschlichkeit und Authentizität sind wichtige Schlüsselkompetenzen für eine gesunde Gesellschaft und unsere Zukunft.

Eine Frage der Echtheit
Wir leben in einer Zeit mit einem starken Fokus auf Selbstoptimierung und einer Inszenierung eines scheinbar perfekten beruflichen und privaten Lebens in sozialen Medien. Gleichzeitig herrscht oft die Angst, Chancen zu verpassen. Wir wissen nicht wirklich, was jetzt echt ist und was nicht. Diese Entwicklungen fördern mitunter einen Trend der Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit, in der Beziehungen, Freundschaften und sogar berufliche Entscheidungen zunehmend unter dem Vorbehalt stehen, dass sich vielleicht noch etwas Besseres finden lässt. Wenn alles offenbleibt, austauschbar wirkt und ständig neue Optionen locken, dann wird Echtheit zu etwas, das man nicht an digitaler Inszenierung erkennt, sondern an den Taten und der inneren Haltung der Menschen.
Menschen möchten gesehen, gehört und ernst genommen werden. Die Zukunft wird deshalb nicht allein durch technologische Entwicklungen bestimmt, sondern durch die Qualität unserer echten zwischenmenschlichen Beziehungen. KI kann uns unterstützen, Generationen können gegenseitig voneinander lernen und der entscheidende Faktor bleibt immer der Mensch.

Ein Zeichen der Wertschätzung
Ehrliche Wertschätzung bedeutet im beruflichen sowie privaten Umfeld, wenn wir unsere Mitmenschen nicht nur nach ihrer Leistung beurteilen, sondern ihre Persönlichkeit, ihre Erfahrungen und ihren Beitrag anerkennen. Ein ehrliches Dankeschön, Verlässlichkeit in Zusagen oder die Anerkennung von Engagement schaffen Vertrauen – und Vertrauen wird in einer zunehmend automatisierten Welt zu einer der wertvollsten Ressourcen.
Auch in Unternehmen zeigt sich dieser Wandel. Fachliche Kompetenz bleibt wichtig, doch Mitarbeitende wünschen sich ebenso Respekt, Sinnhaftigkeit und echte Anerkennung. Führungskräfte, die Menschlichkeit vorleben und Wertschätzung aktiv vermitteln, fördern Motivation, Loyalität und eine gesunde Unternehmenskultur. Je mehr Prozesse automatisiert werden, desto stärker rücken Eigenschaften wie Empathie, Kreativität, Integrität und zwischenmenschliche Kommunikation in den Mittelpunkt. Unsere Zukunft wird nicht allein durch technologische Innovationen gestaltet, sondern durch die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen. Denn in einer Welt, in der vieles automatisiert werden kann, bleibt eines unersetzlich: der menschliche Umgang miteinander.

Ein Zeichen der Verbindlichkeit
Zudem scheint meiner Meinung nach die Unverbindlichkeit zunehmend zu einem gesellschaftlichen Trend zu werden. Sie wirkt wie ein soziologisches Phänomen einer Zeit, in der sich viele Menschen möglichst alle Optionen offenhalten möchten. Dabei spielt die sogenannte „Fear of Missing Out“, also die Angst, etwas zu verpassen, eine wichtige Rolle. Auch der rasante technologische Wandel trägt dazu bei.
Viele Menschen legen sich nur ungern fest, halten Entscheidungen offen, antworten spät oder nur spontan – sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch die Gefahr von Isolation und Einsamkeit wächst. Obwohl wir ständig vernetzt sind, unsere Freiheit leben wollen, fehlen oft echte Begegnung, persönliche Nähe, langfristige Bindungen und Verbindlichkeit. Menschlichkeit und Wertschätzung bilden die Brücke zwischen den Generationen und geben Orientierung gerade in diesen herausfordernden digitalen Zeiten. In einer Zeit, in der vieles schneller, digitaler und unverbindlicher erscheint, wächst die Sehnsucht nach echter Verbindung.

Eine Sache der HI – Herzensintelligenz
Wo es keine Verbundenheit und Echtheit mehr gibt, leiden das Vertrauen, die Beständigkeit und das Gefühl von Zugehörigkeit in beruflichen wie privaten Beziehungen. Was uns wirklich bleibt, ist doch das Menschliche, das Authentische, die Verbundenheit, ein Miteinander auch wieder direkt zu sehen, zu hören, zu spüren, zu fühlen. Eine Zeit für die HI, die Herzensintelligenz wird wichtiger denn je, gerade in diesen KI Zeiten.

Es beschämt mich, ersetzbar zu sein

Günther Anders und die neue Antiquiertheit des Menschen.

Von Hanno Schuster

Im Jahr 1770 präsentierte Wolfgang von Kempelen, ein Beamter, Erfinder und Konstrukteur, in Wien einen scheinbar selbstständig Schach spielenden Automaten in Gestalt eines „Türken“. Damals glaubten Menschen, in der Maschine müsse ein Mensch stecken, damit sie denken könne. Der Trick war tatsächlich, dass ein menschlicher Schachspieler im Inneren verborgen war und die Züge ausführte. Die Mechanik und die Vorführweise waren so konstruiert, dass die Täuschung glaubwürdig wirkte.
Heute erleben wir Maschinen, bei denen kein Mensch im Inneren sitzt und die trotzdem den Eindruck erwecken, zu denken. Man tippt ein paar Wörter in ein leeres Fenster. Wenige Sekunden später steht dort ein Text. Manchmal ein ziemlich Guter. Und genau da wird es unangenehm.
Der deutsche Philosoph Günther Anders beschreibt 1956 in „Die Antiquiertheit des Menschen“ die Menschen als Wesen, die ihre natürlichen Grenzen mit Hilfe der gewonnenen Selbsterkenntnis (Das Feuer des Prometheus) überschreiten konnten. Eigentlich müssten sie stolz auf ihre „Apparate“ sein, weil sie ihr Werk sind. Stattdessen erlebt der Mensch sie als vollkommener als sich selbst; geboren, fehlerhaft, vergänglich. Das ist die prometheische Scham. 
Mit künstlicher Intelligenz verschiebt sich diese Scham nun an eine empfindlichere Stelle. Dass ein Kran stärker ist als ich, hat mich nie gestört. Auch ein Taschenrechner rechnet schneller, ohne dass mir das etwas ausmacht. Warum? Weil ein menschliches Hoheitsgebiet unangetastet blieb: Sprache, Denken, Erfinden. Dort sitzt jetzt ebenfalls eine Maschine. Sie schreibt Texte und entwirft Bilder, schneller als man selbst den ersten Satz zu Ende bringt.
Bei Anders beschämt den Menschen, dass sein eigenes Produkt ihm überlegen erscheint. Mit künstlicher Intelligenz betrifft dieser Vergleich nun genau jene Fähigkeiten, auf die der Mensch besonders stolz war. Es geht nicht mehr um Scham. Anders‘ prometheisches Gefälle wird zur Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch technisch herstellen, und dem, was er sich davon noch wirklich vorstellen und emotional verantworten kann. Letztlich geht es auch darum, ersetzbar zu sein.
Denn es kommt noch etwas dazu, was Maschinen bisher nicht konnten: KI antwortet. Ein Motor hat nie so getan, als würde er nachdenken, und eine Waschmaschine hätte mir nie Kant erklärt. Die Grenze wird unscharf. Mit KI nutzen wir ein Werkzeug, dessen innere Vorgänge wir nicht mehr vollständig überblicken. 
Besonders merkwürdig ist, wie scheinbar leise und unspektakulär diese neue Antiquiertheit daherkommt. Anders dachte an die Atombombe, an eine Zerstörungskraft, die ganze Kontinente auslöschen konnte. Das neue Feuer hingegen ist unsichtbar. Es zeigt sich darin, dass der Mensch plötzlich nicht mehr sicher sein kann, ob das, was ihn bisher ausgezeichnet hat, tatsächlich noch ausschließlich ihm gehört. 
Darin liegt die neue prometheische Scham, aus der eine Angst wird: Die Angst, wie unbemerkt man selbst ersetzbar wird. Und die dräut auch irgendwo in mir.

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