David Stadelmann

* 1982, aufgewachsen in Sibratsgfäll, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Managemant and the Arts; Fellow beim Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST); Fellow beim IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University); Mitglied des Walter-Eucken-Instituts.

 

Wie viel ist uns die ferne Zukunft wert?

Juni 2026

Wie viel sind uns jene wert, die noch gar nicht geboren sind? Wie viel zählen unsere Ururenkel? Wer diese Fragen ernst nimmt, stößt unweigerlich auf einen der folgenreichsten Begriffe der Ökonomik: den Diskontsatz. Er bestimmt, wie wir Gegenwart und Zukunft gegeneinander abwägen – und damit auch, wie viel Kapitalbildung, Verteidigung, Infrastruktur oder Klimaschutz heute sinnvoll sind. 

Der Ausgangspunkt ist einfach, aber fundamental: Ein Euro heute ist mehr wert als ein Euro morgen. Niemand möchte den Lohn für heutige Arbeit lieber erst in zehn Jahren erhalten. Niemand verzichtet freiwillig auf Konsum, Sicherheit oder Wohlstand in der Gegenwart, wenn er dafür keinen angemessenen Ausgleich in der Zukunft bekommt. Genau darin liegt der Sinn des Diskontierens: Menschen gewichten die Gegenwart in der Regel stärker als die ferne Zukunft.
Das gilt nicht nur für künftige Erträge, sondern auch für künftige Schäden. Ein Schaden, der heute eintritt, wiegt schwerer als derselbe Schaden in 100 Jahren. Das ist keine moralische Verirrung, sondern Ausdruck vernünftigen Handelns unter Knappheit. Wer künftige Schäden ernst nimmt, muss sie abdiskontieren.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob diskontiert wird, sondern wie stark. Und genau hier wird es interessant. Denn schon kleine Unterschiede beim Diskontsatz entfalten über lange Zeiträume enorme Wirkung. 100 Euro in zehn Jahren entsprechen bei einem Diskontsatz von 5 Prozent heute nur gut 61 Euro, bei 10 Prozent nur etwa 39 Euro. Über ein Jahrhundert wird der Effekt dramatisch: Ein Schaden von einer Million Euro in 100 Jahren lässt sich bei 5 Prozent mit 7605 Euro Vorsorge heute problemlos finanzieren. Die ferne Zukunft schrumpft in der Gegenwartsrechnung zusammen. Unsere Ururenkel sind uns deshalb weniger wert als unsere Kinder.

Diskontieren ist auch politisch
Der Diskontsatz ist auch für gesellschaftliche Großfragen von zentraler Bedeutung. So wurden viele klimapolitische Eingriffe der letzten Jahre häufig mit Schäden begründet, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erst in ferner Zukunft eintreten. Wer einen sehr niedrigen Diskontsatz ansetzt, macht diese Schäden bereits heute groß und dringlich. Wer hingegen einen etwas höheren Diskontsatz wählt, gelangt zu einem deutlich nüchterneren Urteil und sieht die Ausrufung von „Klimanotständen“ kritisch.
Nun wird die Debatte über den Diskontsatz oft moralisch geführt. So heißt es häufig, hohe Diskontsätze seien unmoralisch, weil sie die Zukunft zu gering bewerteten. Wer so argumentiert, müsste auch zu niedrige Diskontsätze als unmoralisch und vor allem schädlich bezeichnen.
Wer etwa einen Diskontsatz von null nutzt, behandelt einen Schaden in 100 Jahren so, als sei er bereits heute gleich schwerwiegend. Das klingt für manche Ohren zunächst moralisch – in Ohren, die an ein Vernunftzentrum angeschlossen sind, läuten hingegen die Alarmglocken. Der Grund für den Alarm ist einfach: Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Was heute in Klimaschutz fließt, steht nicht gleichzeitig für Verteidigung, Bildung, Gesundheit, Forschung, Infrastruktur, soziale Sicherung oder produktives Realkapital zur Verfügung. Politische Entscheidungsträger müssten sich daher nicht nur fragen, ob sich zukünftige Klimaschäden durch heutige Klimaschutzmaßnahmen überhaupt verringern lassen – durch teure nationale Alleingänge sicher nicht. Sie müssten auch prüfen, welche Verwendung knapper Mittel den künftigen Generationen insgesamt den größten Nutzen bringt.
Genau hier werden zu niedrige Diskontsätze schädlich. Sie blenden aus, dass künftige Generationen nicht nur von einem möglicherweise stabileren Klima profitieren, sondern auch von mehr Kapital, besserer Infrastruktur, höherer Produktivität und größerer Sicherheit. Wer heute Ressourcen fehlleitet, weil er ferne Schäden moralisch übergewichtet, was eine zu niedrige Diskontrate bedeutet, nimmt der Zukunft an anderer Stelle Chancen.

Nachhaltigkeit verlangt Vernunft
Deshalb ist die Vorstellung irrig, eine Diskontrate von null sei besonders moralisch. Sie tut so, als seien Gegenwart und Zukunft gleich viel wert, obwohl Menschen tatsächlich anders entscheiden und obwohl alternative Investitionen reale Erträge abwerfen. Wenn Kapital langfristig reale Renditen von drei, vier oder fünf Prozent erzielt, dann ist es nicht nachhaltig, öffentliche Mittel bevorzugt in Projekte zu lenken, die implizit mit quasi null Prozent verzinst werden. Das benachteiligt nämlich genau jene Generationen, die man schützen will, weil ihnen dann produktives Kapital und damit künftiger Wohlstand fehlen. Das heißt freilich nicht, dass der Diskontsatz beliebig hoch sein dürfte. Wer mit zynisch hohen Raten rechnet, erklärt die etwas fernere Zukunft faktisch für wertlos. Dann werden Schäden späterer Generationen systematisch kleingerechnet, nur weil sie nicht bereits sehr bald eintreten.
Die vernünftige Konsequenz liegt dazwischen: Der Diskontsatz darf weder utopisch niedrig noch zynisch hoch sein. Er muss sich daran orientieren, wie Menschen tatsächlich zwischen Gegenwart und Zukunft abwägen und welche Erträge alternative Investitionen realistischerweise bringen. 
Echte Nachhaltigkeit heißt nicht, jede ferne Zukunftsgefahr maximal aufzuwerten, indem man sie rechnerisch so behandelt, als träte sie bereits heute ein. Nachhaltig ist nicht, die Zukunft von jeder Abzinsung auszunehmen, sondern sie vernünftig in Relation zur Gegenwart zu setzen. Der ehrliche Diskontsatz ist deshalb kein gewünschter Fantasiewert der Politik, sondern ein deskriptiver Satz: einer, der sich daran orientiert, wie Bürger tatsächlich entscheiden und welche realen Knappheiten und Ertragsmöglichkeiten in einer Gesellschaft bestehen. Der deskriptive Diskontsatz ist somit zwischen drei bis fünf Prozent. Genau dieser Maßstab sollte für staatliches Handeln gelten – nicht nur in der Klimapolitik, sondern in allen Politikfeldern. Denn wer Nachhaltigkeit ernst meint, darf nicht einzelne Zukunftsrisiken politisch aufblähen, sondern muss knappe Mittel generationengerecht, ertragreich und vernünftig einsetzen.

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