Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

„Nachhaltig“ ist kein Modewort

Juli 2019

Die Begriffe „nachhaltig“ und „Nachhaltigkeit“ sind schon mehr als 300 Jahre alt. Der sächsische Oberberghauptmann von Carlowitz prägte ihn für das Prinzip der Bewirtschaftung der Wälder. In der Epoche der stürmischen Industrialisierung trat seine Verwendung in den Hintergrund: Als fortschrittlich galten nun Schnelligkeit, Leistung, Wachstum. 
Trotzdem erstaunt, dass „nachhaltig“ erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder auftaucht und sich rasch verbreitet: Der Begriff klingt gut und plausibel und signalisiert, dass längerfristiges Denken und gesellschaftliche Verantwortung beachtet werden, dass nicht nur an morgen gedacht wird, sondern auch an übermorgen, dass es einem Anbieter nicht um raschen Umsatz - und bald wieder etwas Neues - geht, sondern dass er Verantwortung gegenüber der Umwelt und Fairness gegenüber den Kunden übernimmt. In der Realität bedeutet er allerdings nicht viel mehr als: „Wir denken weiter“, „wir machen uns Gedanken über den Nutzen für die Umwelt und für die Kunden.“ Das klingt gut und ist up-to-date. Plumpe Anbiederung mit „nachhaltig“ verzeihen Kunden nicht so bald, falls sich herausstellen sollte, dass das Wort nur als Werbegang zu verstehen ist.
Je mehr die Umwelt durch Massenkonsum bedroht erscheint, desto besser lässt sich der Begriff einsetzen. Wieder aktuell wurde seine Verwendung in der epochalen Auseinandersetzung über die Grenzen des Wirtschaftswachstums, die Anfang der siebziger Jahre massiv einsetzte. Einander gegenüber standen die meisten Ökonomen auf der einen Seite, die Ökologen auf der anderen. 
Die Naturwissenschaftler stellten die naheliegende Behauptung auf, dass das begrenzte Naturkapital des Planeten in Form von Meeren und Wasser, von Flächen, von Pflanzen, Tieren, Rohstoffen und besonders von Energieträgern in absehbarer Zeit zu Ende gehen müsste, wenn ihr Verbrauch unbegrenzt (exponentiell) wächst, besonders im zwanzigsten Jahrhundert. Gegenargument der Ökonomen: Auf Knappheiten reagiert die Wirtschaft mit Automatismen der Märkte: Das knappe Gut wird teurer, Verteuerung drosselt die Nachfrage, regt das Aufsuchen neuer Rohstoffquellen an und fördert die alternativen, effizienteren und umweltschonenden Technologien, die die bisher verwendeten Rohstoffquellen ersetzen. Die Menschen seien so einfallsreich, dass ihnen das bisher immer gelungen sei und auch in absehbarer Zeit gelingen werde. Daher erwiesen sich die ökologischen Prophezeiungen vom baldigen Höhepunkt der Ölgewinnung (peak-oil) und etlicher Mineralien als falsch. 0:1 für die Ökonomen? 
Nein: Sie haben übersehen, dass die Mechanismen der Marktwirtschaft, die nahezu automatisch ein neues Gleichgewicht herstellen, dann nicht funktionieren, wenn es für eine große Gruppe von natürlichem Kapital auf dem Planeten überhaupt keinen Markt gibt. Naturkapital gehört allen Bewohnern der Erde. Da dieses Kapital von jedem, der es verwendet, ersatzlos aus dem Gemeingut der Menschheit entnommen werden kann, gibt es keine Marktsignale (Preise), die seine Verwendung bremsen und eine Alternative fördern.
 „Der schwerwiegendste Fall von Marktversagen, der der ökonomischen Theorie je unterlaufen ist“, urteilte 2006 der britische Ökonom Nicholas Stern in dem international viel beachteten Bericht an die britische Regierung über „Die Ökonomie des Klimawandels“. Das Wirtschaftswachstum war bisher „nicht nachhaltig“. 1:1 Punkteteilung der gegnerischen Wissenschaften, die sich nun im Grundsätzlichen einig sind. 
Die Menschheit hat ein fundamentales Problem mehr: Tatsächlich werden Grenzen des Wirtschaftswachstums erreicht, wenn die Entnahme aus dem natürlichen Gemeingut der Menschheit nicht (global) geregelt wird. Sie zeigen sich derzeit besonders alarmierend, indem das Gemeinschaftsvermögen „Erdatmosphäre“ aufgeheizt wird: Es wird als Abfallspeicher für Abgase der Verbrennung von Treibstoffen und der Stromgewinnung in Öl-, Gas- und Kohlekraftwerken benutzt. Die Menschheit verursacht selbst, dass es ihr immer heißer wird. 
„Nachhaltig“ beschränkt sich nicht auf Klimawandel und natürliche Lebensbedingungen: Sinnvoll ist Nachhaltigkeit auch auf das Funktionieren der Wirtschaft und auf die sozialen und politischen Verhältnisse zu übertragen: Armut, Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Terror können die Nachhaltigkeit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft unter Umständen wirksamer bedrohen als Naturkatastrophen.

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